Börsen-Kolumne Daxgeflüster
Hamburg - Ein Hauch Hoffnung auf eine Trendwende verblieb. Der Aufschwung wurde allerdings klar von den Finanzwerten getragen. Ansonsten blieb es beim alten Trott. Gewinnwarnungen aus den USA machten dem Markt zu schaffen, und es steht kaum zu erwarten, dass sich diese Situation bessert.
Die Märkte reagieren weitgehend irrational. Sprach man vor ein paar Tagen noch von einer sich bessernden Konjunkturlage für die Computerindustrie, so verpuffte dies mit der zweiten Gewinnwarnung des kanadischen Glasfaserherstellers Nortel Networks. Wohl und Weh deutscher Aktien hängt nach wie vor von den Befindlichkeiten in den USA ab. Dabei haben Analysten den europäischen Aktienmärkten für das laufende Jahr europäischen Aktien eine Führungsrolle attestiert. Aber wenn der große Bruder hüstelt, dann darf auch der kleinere Spross nicht unbefangen draußen spielen.
Genauso irrational wurde der Spruch der Europäischen Zentralbank aufgenommen. Die Zahl derer, die wirklich niedrigere Leitzinsen erwartet hatten, ist eigentlich vernachlässigbar. Denn noch überwiegen die Inflationsrisiken den Nutzen eines solchen Schrittes. Trotzdem reagierten die Kurse und damit auch die Marktmacher leicht beleidigt darauf, dass die EZB-Banker auf ihren Händen sitzen bleiben.
Im Verbund mit der Nortel-Meldung hätte dies normalerweise zum massiven Rückschlag gereicht. Doch dann erregte eine Sensation so etwas wie Eigenleben deutscher Aktien. Die Allianz will die Dresdner Bank kaufen. Keine Zeit mehr für Enttäuschung wegen der ausgebliebenen. In der festen Überzeugung, dass sich die Allianz keinen dritten Schnitzer mehr leisten kann, sprangen die Börsianer auf den Zug. Der weltgrößte Versicherer hatte sich ja zuvor als Strippenzieher bei dem gescheiterten Fusionsvorhaben zwischen Deutscher und Dresdner Bank betätigt und ein nicht sehr dauerhaftes Band der Sympathie zwischen Dresdner und Commerzbank geknüpft.
Die Verbindung mache Sinn, heißt es auf dem Parkett, da die Allianz mit der Dresdner einen optimalen Vertriebskanal für ihre Produkte erhalte. Ein Kauf sei zudem besser als ein Zusammenschluss, da klar sei, wer das Sagen habe. Keine Querelen wegen der Unternehmensfarbe, keine Nicklichkeiten um das Firmenlogo, und wenn der Besitzer seine Tochter filettieren und scheibchenweise verscherbeln will, ist das auch kein Problem. Allerdings kann die Allianz bis auf den Investmentbereich die Dresdner gut brauchen, inklusive der Fondstochter DIT, die von Marktbeobachtern als optimale Ergänzung zu den US-amerikanischen Vermögensverwaltern eingestuft wird, die seit geraumer Zeit ebenfalls unter das Dach der Allianz geholt wird. Ein Trost für sozial orientierte Anleger: Der Arbeitsplatzabbau dürfte sich in Grenzen halten. Experten vermuten eher einen Ausbau des Filialnetzes.
Im Bewusstsein, dass die Bankenlandschaft Deutschlands ob der revolutionären Vorgänge sogar den Namen verlieren dürfte, konzentrierten sich die Händler ganz auf Spekulation. Selbstverständlich kann sich die Deutsche Bank nicht ohne Kampf auf Platz zwei der Finanzwelt drängen lassen. Die Deutsche Bank wird nun in enge Verbindung mit der Axa Colonia gebracht. Die Münchner Rück, die nun Anteile an der HypoVereinsbank von der Allianz kaufen kann, will noch keine Integration. "Noch...", betonten die Händler, die nun mit einer Fusionswelle in Deutschland rechnen.
Auch die Commerzbank ist wieder ins Gerede gekommen, obwohl der scheidende Chef Kohlhaussen erneut betonte, sein Haus könne auch allein ganz gut.
Die Finanzspitzen täuschten dabei über den Umfang hinweg, dass sich der Gesamtmarkt noch immer nicht in einer stabilen Verfassung befindet. Aktien der Hochtechnologie gingen zum Teil angeschlagen aus der Woche.
Viel hängt davon ab, ob in den USA nach den vereinzelten Korrekturbewegungen eine breite Anlegerschicht in Kauflaune kommt. Schließlich haben das die jüngsten Gewinnwarnungen mal wieder in Frage gestellt. Allerdings können auch Details zum Wurf der Allianz, die am Montag erwartet werden, das nationale Börsenklima weiter aufhellen. Ein wenig Eigenleben erscheint weiter möglich.