Börsen-Kolumne: Daxgeflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Daxgeflüster

Eine Erholungswoche hatten viele Händler prognostiziert, aber außer einem Kursfeuerwerk am Donnerstag wurde nichts daraus. Der Dax verlor im Wochenvergleich 2,25 Prozent, der Nemax 50 wurde sogar um acht Prozent eingedampft. Die Operation Trendwende hat einen neuen Decknamen: "Schnappt Shorty".
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zu oft ging bisher die Rechnung der Leerverkäufer auf. Aktien, die sie gar nicht besaßen, wurden zum Verkauf angeboten, die Klientel wurde bedient, wenn die Kurse gefallen waren. Wenn die Shorties einmal auf dem falschen Fuß erwischt werden könnten, dann wäre der Weg frei für steigende Kurse, sagen die Händler.

Leerverkäufer müssen so oder so liefern. Wenn sie in eine Trendwende hinein verkaufen, dann liegen sie schief. Kaufpanik stellt sich ein, die Kurse steigen weiter. Einige Börsianer sind inzwischen sicher, dass sich die Märkte mitten in einer "Milchmädchen-Baisse" befinden. Wer einsteigen wolle, der warte auf weiter sinkende Kurse. Ähnlich waren die Investoren während der "Milchmädchen-Hausse" im vergangenen März verfahren. Im festen Vertrauen auf steigende Kurse verharrten sie so lange mit ihren Depots, bis sich eine Verkaufspanik einstellte, die prinzipiell noch nicht ausgestanden scheint.

Aus diesem Grund versuchen Marktbeobachter krampfhaft heraus zu bekommen, ob die Märkte tatsächlich so überverkauft sind, wie es Händler stets suggerieren. Einen wichtigen Hinweis darauf können die aktuellen Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Investmentgesellschaften liefern, die nach Ostern erwartet werden.

Während die Fonds im vergangenen Jahr stetig Mittelzuflüsse verzeichneten, floss im Februar dieses Jahres Bargeld ab. Netto-Mittelabflüsse geben Aufschluss über das Vertrauen der Anleger in wieder steigende Kurse. Je mehr dieses Vertrauen sinkt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es an der Börse wieder aufwärts gehen kann, so lautet die einfache Rechnung.

Gegen diese Theorie spricht die allgemeine Marktstimmung, die trotz des Feuerwerks vom Donnerstag brach liegt. Obwohl der Computerhersteller Dell seine Prognosen für das laufende Jahr bekräftigte, störten andere Gewinnwarnungen den Markt beträchtlich.

Auch das arg strapazierte Wort der Zinsphantasie macht erneut die Runde, nachdem die Bank of England am Donnerstag die Zinsschraube gelöst hatte. Ob die Europäische Zentralbank schon auf der wegen des Karfreitags auf den kommenden Mittwoch vorverlegten Sitzung handelt oder später, ist vielen Marktteilnehmern augenscheinlich egal. "Hauptsache, es bleibt Raum für Phantasie", sagte ein Händler.

Die Frage ist nur, wie wächst Anlegervertrauen, wenn die Lage bei den "Wachstumswerten" prekär bleibt? Teldafax durchschwammen erneut ein Wechselbad der Gefühle. 3U sollten die Pleitefirma übernehmen, waberte es aus der Gerüchteküche aufs Parkett. Aber der Konkurrent will davon nichts wissen. Die Kunden seien interessant gewesen, sagte 3U-Chef Wolfgang Lebrecht, aber die laufen Teldafax ja nun weg, seit die Telekom die Leitungen zum Marburger Billig-Anbieter kappte.

An Pleiten wird man sich wohl auch weiter gewöhnen müssen am Neuen Markt. Beim Softwareanbieter für die Automobilindustrie ist offensichtlich einiges am köcheln. Das Unternehmen will einfach nicht die Bilanzen auf den Tisch legen. Die Pressekonferenz ist zum wiederholten Male verschoben worden. Natürlich dementierte das Unternehmen Liquiditätsprobleme - das hat aber kein Mensch geglaubt. CAA brachen ein. Eine Galgenfrist gibt es für United Internet. Banken verlängerten die Laufzeit für kurzfristig fällige Kredite im Umfang von 84 Millionen Euro.

Das Vertrauen liegt weiter am Boden, zumal das Anlegervolk auch seine Propheten verliert. Das Bankhaus Julius Bär hatte sich am Montag von ihrem Fondsmanager Kurt Ochner getrennt. Der "Rausschmiss" wurde von den Händlern auf dem Frankfurter Börsenparkett "mit einer Mischung aus Schadenfreude und Schrecken" aufgenommen. In der Anlegerschar genoß Ochner nahezu Kultstatus. Marktbeobachter rechnen damit, dass auch in Zukunft die Wachstumsaktien ihre Gurus fressen werden.

Und umgekehrt: Ochners Nachfolger will, so wird kolportiert, keinen Wert aus dem alten Depot sein eigen nennen. Ehemalige Ochner-Lieblinge, wie zum Beispiel Caatoosee wurden darauf nach allen Regeln der Kunst kielgeholt.