Börsen-Kolumne: Daxgeflüster - DER SPIEGEL
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Börsen-Kolumne Daxgeflüster

Am Neuen Markt wird aufgeräumt. Die Börse selbst veröffentlicht Schwarze Listen im Internet. Dort werden die Unternehmen angeprangert, die ihren Verpflichtungen gar nicht oder nur unzureichend nachkommen. In der leise aufkeimenden Aufbruchstimmung ist dies eine vertrauensbildende Maßnahme, auch wenn sich die Börse zu Anfang ein Eigentor schoss.
Von Stefan Wolff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Schon am Freitag vor der Karwoche hatte die Deutsche Börse auf ihrer Homepage  30 Neue-Markt-Firmen in einer Liste als Unternehmen geoutet, die zum Stichtag 31. März weder einen Jahresabschluss, noch einen Lagebericht abgegeben hatten. Einziger Haken an der Sache: Die Liste stimmte nicht. Vergangenen Freitag erschien dann eine neue Liste mit 26 Unternehmen, die bis zum 10. April nicht berichtet hatten oder den Bericht unzulässigerweise nachreichten. Den Firmen drohen nun Sanktionen.

Angesichts der vielen faulen Eier, die sich am Neuen Markt immer finden lassen, mehren sich die Stimmen, die die Börse ermuntern, hart durchzugreifen. Auch ein "Delisting", also der Rausschmiss, dürfe kein Tabu sein, heißt es.

Die Kurs-Reaktion auf die Liste war gespalten. Während zum Beispiel Refugium einbrachen, schnellten Kinowelt in die Höhe. Allerdings stand hinter beiden Bewegungen auch eine handfeste Nachricht oder zumindest ein Gerücht. Kinowelt lieferte einen guten Ausblick, während bei Refugium von Zahlungsunfähigkeit gemunkelt wird.

Generell hellt sich die Stimmung an der Börse mehr und mehr auf. Inzwischen ist sogar von einer bevorstehenden Osterrallye die Rede. Die Gewinne von Dax und Nemax in dieser Woche können sich zwar sehen lassen, aber vielen Händlern kommt der Optimismus zu früh. Allenfalls eine Zwischenhausse sei drin, sagen sie. Rückschläge nicht ausgeschlossen.

Zu stark sind noch die Unsicherheiten, auch wenn Bilanzen inzwischen gnädiger behandelt werden als noch vor Wochenfrist. Motorola verzeihten die Investoren ohne mit der Wimper zu zucken das schlechteste Quartalsergebnis seit 15 Jahren. Auch dass die Quartalsgewinne der Internet-Suchmaschine Yahoo einen Cent pro Aktie betrugen, wurde positiv aufgenommen. Dabei lag das Ergebnis gerade mal am oberen Rand der Erwartungen.

Zu Hausse-Zeiten wären Yahoo abgestraft worden, wenn das Ergebnis nicht mindestens um ein paar Prozent die Prognosen übertroffen hätte. Es gab sogar Zeiten, da Papiere abgestraft wurden, weil die Firmen nicht deutlich genug über den Vorhersagen lagen. Es ist also eine Art neuer Bescheidenheit am Aktienmarkt eingekehrt und die schien überfällig. Nach Ansicht vieler Börsianer ist das aber noch kein Grund, von einer Trendwende zu sprechen.

Erstaunlich ist es aber doch, insbesondere, wenn man die Gelassenheit betrachtet, mit der die Börsianer den Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) hinnahmen, die Zinsschraube wider Erwarten doch nicht zu lockern.

Zu den Profiteuren eines helleren Ausblicks für die Chipindustrie profitierte vor allem die Siemens-Troika im Dax. Siemens selbst, Epcos und vor allem Infineon zogen deutlich an. Auch am Neuen Markt überwog die gute Stimmung. Nach den Chipwerten kamen die Internet-Aktien aus der Versenkung, inzwischen wird auch wieder Biotech gespielt, vor allem in den USA.

Die kommende, ebenfalls verkürzte, Handelswoche wartet nur mit wenigen Terminen auf, verspricht aber vor diesem Hintergrund spannend zu werden. Immerhin werden ein Strauß von US-Konjunkturdaten und der Monatsbericht der EZB eventuell erneut Zinsfantasien erblühen lassen.

Zuversicht und Zinsspekulation - was will man mehr.