Börsen-Schlachtfest Wie gewonnen, so zerronnen
Frankfurt am Main - Das Börsenjahr 2000 endet in der Depression. Statt der erhofften Rallye zum Jahresende rutschten in Frankfurt die Kurse weiter ab. Im Gefolge der angeschlagenen Stimmung in den USA und das Kurssturzes in Tokio eröffnete der Dax heute auf einem neuen Jahrestief von knapp über 6200 Punkten und erholte sich bis zum Vormittag leicht. Zurzeit liegt der Index nahezu auf Vortagsniveau. Auch am Neuen Markt deutet sich mit einem Minus von fast zwei Prozent zu Handelsbeginn keine Wende an, der Nemax 50 drehte aber im weiteren Handelsverlauf wieder leicht ins Plus und liegt jetzt rund 1,3 Prozent höher. Gestern wurden bei einem Kurssturz des Nemax 50 auf fast 2760 Zähler gar Panikverkäufe ausgemacht. In Anspielung auf die aktuelle BSE-Krise sagte ein Händler: "Das erinnert eher an einen Schlachthof als an das altehrwürdige Börsenparkett".
Unerwarteter Boom im Frühling
Ende 1999 hatte der Dax nach turbulenter Berg- und Talfahrt auf einem völlig unerwarteten Jahreshoch von rund 6958 Punkten geschlossen. Der Anstieg von 39 Prozent in extrem dünne Höhenluft ließ die professionellen Prognostiker vorsichtig werden. "Seitwärtsbewegung" und "allenfalls 7000 Punkte" (Commerzbank) lauteten die Vorhersagen - verbunden mit der Mahnung vor Dämpfern zum Jahresauftakt. Alles falsch, wie sich bald zeigte.
Gewinneuphorie ohne Realitätsbezug, das Schlagwort "New Economy", der kaum zu bremsende Boom in den USA sowie die Hoffnung auf enorme Produktivitätssprünge durch massenhafte Internetanwendungen führten zu "überzogenen Erwartungen", resümiert heute die Deutsche Bank. Nach der Januar-Rallye an der Wall Street schoss der Dax in Frankfurt Anfang März durch die Decke: Mit rund 8136 Punkten wurde das Jahreshoch markiert.
Der Neue Markt versprach Geldverdienen ohne Arbeit
Das Aktienfieber grassierte in Deutschland. Selbst kleine Sparkassen organisierten Börsenclubs, um an der neuen Kundschaft zu verdienen. Schwergewichte wie Siemens, Telekom oder Allianz waren nicht mehr gut genug; den ganz großen Gewinn versprachen Zockerpapiere am Neuen Markt. Das Geldverdienen ohne Arbeit schien ein neues Zeitalter einzuläuten. Träume, die an der Realität zerplatzten. "Im Sturmgebraus verstummen die Schönwettersegler", titelte die "FAZ".
Die europäische und die amerikanische Notenbank trieben die Zinsen stetig höher, um die wachsenden Inflationsgefahren einzudämmen. Die Fed in New York trat auf die Konjunkturbremse, und die EZB musste nachziehen. Der Zinsabstand zu den USA durfte nicht wachsen, weil ohnehin riesige Kapitalströme nach Amerika den Euro massiv unter Druck brachten. Explosionsartig wachsende Ölpreise dämpften schließlich allzu optimistische Konjunkturhoffnungen.
Die Konjunktur lässt nach, die Stimmung kippt
Hiobsbotschaften aus Argentinien und der Türkei verbunden mit der hartnäckigen Flaute in Japan ließen sogar Erinnerung an die Krise 1997/98 aufkommen. Schließlich kippte der US-Boom rascher als erwartet. Gewinnprognosen mussten deutlich nach unten korrigiert werden. General Motors, Ford oder Gillette sowie andere Weltkonzerne wie DaimlerChrysler präsentierten Spar- und Entlassungspläne. Zunehmende Nervosität ließ die Börsenkurse immer stärker ausschlagen. Der Trend aber ging unaufhaltsam nach unten.
Von seinem Höhepunkt rutschte der Dax um fast ein Viertel in die Tiefe. Zumindest auf dem Papier wurden damit riesige Milliardenvermögen vernichtet. Besonders getroffen wurden hier zu Lande die Besitzer hoch geschätzter Vermögensanlagen. Telekom verloren binnen Jahresfrist rund 50 Prozent. DaimlerChrysler gerieten trotz Rekordverkäufen von Mercedes-Modellen auf die abschüssige Bahn. Enorme Verluste der US-Sparte Chrysler führten zu Kursverlusten von mehr als 40 Prozent. Der Hauptkonkurrent BMW hat dagegen sein Rover-Desaster weitgehend überwunden, entsprechend stieg der Kurs um 20 Prozent. Aber auch die Anteilseigner von Preussag (minus 30 Prozent) und Thyssen Krupp (minus 45 Prozent) verloren den ruhigen Schlaf.
"Die Lage ist besser als die Stimmung"
Doch zum Jahreswechsel wird in der Finanzwelt wieder mal die Parole ausgegeben: neues Spiel - neues Glück. Die Großbanken setzen in ihren Anlagenempfehlungen auf die guten Konjunkturprognosen für Europa. Steuersenkungen kurbelten den Konsum an und führten bei Unternehmen zu zweistelligem Gewinnwachstum, prognostiziert die Deutsche Bank. Zum Ende des Jahres 2001 sieht der Branchenführer den Dax schon wieder in luftigen Höhen: 8200 bis 8700 lautet die Prognose des größten europäischen Vermögensverwalters. Die Schätzung der DG Bank befindet sich mit 8500 Punkten in einem ähnlichen Rahmen, die Commerzbank liegt mit 8100 Punkten nur leicht darunter.
"Die Lage ist besser als die Stimmung", sekundiert die Commerzbank im benachbarten Hochhaus. Die Inflation sei fast überall unter Kontrolle, die Finanzpolitik grundsolide. Erstmals seit 1969 weise die Gruppe der OECD-Länder wieder Haushaltsüberschüsse aus. Darüber hinaus seien die Chancen der neuen Technologien noch längst nicht ausgeschöpft. Schließlich werden den Schwellenländern mit vier bis fünf Prozent abermals höhere Wachstumsraten zugetraut als den Industrieländern. Allein einer muss sich vom Optimismus der Banker anstecken lassen: der Anleger.
Von Wolf Pampel, dpa