Börsen-Unsicherheit Anleger in der Angstklemme
Düsseldorf - Zittrig schauen Anleger auf die Anzeigetafeln in den Börsensälen. Tiefer und immer tiefer, so scheint es, sacken die Kurse. Losgelöst von der Wirtschaft draußen fallen die Aktienkurse selbst jener Unternehmen, die in der ersten Jahreshälfte glänzende Geschäfte gemacht und noch bessere Aussichten haben.
Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer Dax verlor allein in den vergangenen vier Wochen mehr als 700 Punkte auf nunmehr weniger als 7300 Zähler. Das ist noch kein Crash, aber ein happiger Verlust von mehr als neun Prozent in nur einem Monat. Und das, obwohl Deutschlands Wirtschaft in der ersten Jahreshälfte um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat.
Doch das Kursminus ist mittlerweile so ausgeprägt, dass die Börsenschwäche auf die eigentlich robuste Wirtschaft durchzuschlagen droht. Weil die Aktienkurse sinken, fällt die Kapitalbeschaffung der Unternehmen an der Börse nahezu flach. Die Angstklemme der Anleger könnte die Wirtschaft deshalb in ärgere Bedrängnis bringen als Amerikas Kreditkrise.
"Nie in den vergangenen beiden Jahren waren die deutschen Anleger so skeptisch eingestellt gegenüber Neuemissionen wie heute", sagt Patrick Hussy, Geschäftsführer des Börsenanalysehauses Sentix. "Mittlerweile dürfte praktisch keine Nachfrage nach den Anteilsscheinen neuer Firmen an der Börse mehr vorhanden sein." Hussy lässt Woche für Woche etwa 2600 Investoren zu ihrer Börsenmeinung befragen.
Sollte sich der Trend länger fortsetzen, könnte das die ersten Firmen vor Probleme stellen. Geld für Investitionen beispielsweise müsste dann anderweitig beschafft werden als durch den Verkauf von Firmenanteilen an der Börse. Aber Kredite sind längst nicht mehr so günstig, wie noch vor einigen Monaten, als die Leitzinsen in Europa und damit auch die Kreditpreise in Deutschland niedriger waren als heute. Dabei wollen die deutschen Unternehmen gerade jetzt ihren Investitionsstau auflösen, den sie in den vielen Jahren der Stagnation haben entstehen lassen.
Dass Deutschlands Konjunktur da noch keinen Knacks bekommen hat, liegt bisher nur an der aktuellen Finanzstärke der hiesigen Firmen. So rechnen beispielsweise Experten wie die Wirtschaftsforscher der Barclays Bank mit einem deutlich stärkeren Wirtschaftswachstum im dritten Quartal als im vergangenen zweiten.
Immerhin: Wegen ihrer eigenen Finanzkraft müssen sich Unternehmen und Verbraucher weniger stark verschulden, als es sonst üblich wäre.
Ein Blick in die Kreditstatistik der Bundesbank zeigt, dass Privatleute und Firmen zuletzt mit 2,2 Billionen Euro bei den Kreditinstituten hierzulande in der Kreide standen. Das war nur ein mäßiges halbes Prozentpünktchen mehr als im vergangenen Jahr. Und abzüglich der Inflationsrate von derzeit rund zwei Prozent ist die Kreditsumme real sogar zurückgegangen.
"Die Gewinne der Unternehmen sind zuletzt offenbar so stark gestiegen, dass viele hiesige Firmen ihre Investitionen schlicht ohne die Hilfe von Banken stemmen können", sagt Carsten-Patrick Meier, der das Konjunkturprognoseteam des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel leitet.
Sollte sich die Finanzlage der Unternehmen in den kommenden Wochen aber nicht mehr so gut wie bisher entwickeln, beispielsweise weil Streiks die Gewinne drücken, wäre der wichtige Finanzspielraum für Investitionen aus eigener Kraft bald eingeschränkt.
Das aber würde auch die Umsatz- und Ertragsaussichten deutscher Unternehmen für die Zukunft deckeln. Und auf diese neue Lage dürften wachsame Anleger schnell reagieren: mit weiterer Börsenzurückhaltung. So werden die Aktiensparer vielleicht selbst zur größten Gefahr für die Wirtschaft - und damit für ihre eigene Geldanlage in deutschen Aktien.