Börsen Wall Street verdrängt den China-Schock
Hamburg/Frankfurt am Main - In der Sprache der Börsianer war es ein "Sieben-Wochen-Tief": Nach den heftigen Verlusten vom Dienstag hat der Dax seine Talfahrt am Mittwoch fortgesetzt - aber immerhin mit gemindertem Tempo. Bis 17.30 Uhr gab der deutsche Leitindex 104,21 Zähler ab, er schloss bei 6715 Punkten - ein Minus von 1,53 Prozent. Noch am Montag war der Index beim Handelsende deutlich über der Marke von 7000 Zählern gelandet.
Vor allem die ermunternden Aussagen des US-Notenbankchefs Ben Bernanke sorgten an den US-Börsen für positive Stimmung: Bernanke hatte nach dem überraschenden Kurssturz vom Vortag seine Wachstumsprognose für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten bekräftigt und die Panikverkäufe als unbegründet bezeichnet. Zu den größten Gewinnern zählten die Anleger des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble und des Pharmakonzerns Merck.
Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 0,43 Prozent fester bei 12.268 Punkten. Im Handelsverlauf hatte er sich zwischen 12.186 und 12.353 Stellen bewegt. Der breiter gefasste S&P-500-Index legte 0,56 Prozent zu auf 1406 Zähler. Der Nasdaq- Composite gewann 0,34 Prozent auf 2416 Stellen. Über den Monat gesehen gab der Dow 2,8 Prozent nach, der S&P verlor 2,2 Prozent und der Nasdaq 1,9 Prozent.
Der EuroStoxx 50 verlor 1,67 Prozent auf 4087,12 Punkte. Auch in Paris und London schlossen die Börsen erneut im Minus. Der MDax büßte 0,92 Prozent auf 9694,99 Zähler ein. Der TecDax fiel um 1,61 Prozent auf 803,42 Punkte - hier hatte das Minus zeitweise knapp 7 Prozent betragen.
"Überfällige Korrektur"
Börsianer sprachen von einer längst überfälligen Korrektur und warnten vor einer Überreaktion. "In gewisser Weise war diese Ernüchterung durchaus gewünscht", betonte Norbert Walter, Chef-Volkswirt der Deutschen Bank . "Ich bin allerdings überrascht von der Wucht des Einbruchs und erwarte daher eine Korrektur der Korrektur."
Sein Kollege Michael Heise von der Dresdner Bank rechnete ebenfalls nicht mit weiteren kräftigen Verlusten. "Die ökonomische Gesamtlage spricht dagegen."
Commerzbank -Chefökonom Jörg Krämer äußerte sich pessimistischer. "Was wir jetzt sehen, erinnert mich an die Situation vom Mai vergangenen Jahres." Damals waren die Märkte aus Angst vor einer Rezession in den USA innerhalb weniger Wochen um 15 Prozent in die Knie gegangen.
Einbruch in Shanghai brachte Kurse ins Wanken
"Der Stein des Anstoßes war der neunprozentige Kurseinbruch in Schanghai", sagte ein Händler. "Dann kam eins zum anderen: Greenspans Äußerungen und die schwachen US-Konjunkturdaten haben Konjunkturängste geschürt." Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan hatte es als möglich bezeichnet, dass die USA bis zum Jahresende in eine Rezession rutschen.
"Die heutige Erholung des chinesischen Aktienmarktes sollte zur Beruhigung der Lage beitragen", sagte ein anderer Börsianer. Die Shanghaier Börse schloss am Mittwoch vier Prozent höher.
Im Sog der fallenden Aktien gerieten Rohstoffe wie Erdöl oder Kupfer ebenfalls wieder unter Verkaufsdruck. So verbilligten sich die beiden führenden Erdöl-Sorten Brent und WTI um jeweils rund ein Prozent auf 61,04 beziehungsweise 60,87 Dollar je Barrel (159 Liter).
"Das ist eine Reaktion auf die Aktien, nicht auf Fundamentaldaten", betonte Rohstoff-Experte Keith Sano von Sumitomo in Tokio. Das wichtige Industriemetall Kupfer, das zur Herstellung von Stromkabeln und Wasserrohren verwendet wird, verbilligte sich auf 6050 Dollar je Tonne. Analyst Andrew Harrington von der australischen ANZ Bank machte auch hier psychologische Faktoren für das Minus verantwortlich. "Die chinesische Konjunktur ist sehr stark", betonte er.
Münchener Rück verdient hervorragend, Aktie fällt
Aus deutscher Sicht standen am Mittwoch zunächst die Aktien der Münchener Rück und von Eon im Fokus der Anleger. Münchener Rück verloren trotz guter Geschäftszahlen und schlossen bei 120,43 Zählern, ein Minus von 3,4 Prozent.
Der Konzern hat nach einem Rekordgewinn im vergangenen Jahr die Dividende für ihre Aktionäre deutlich angehoben. Unter dem Strich habe der Konzern 3,53 Milliarden Euro verdient und damit 28 Prozent mehr als im Jahr zuvor, teilte der weltweit zweitgrößte Rückversicherer mit. Den Anteilseignern winkt eine Dividende von 4,50 Euro je Aktie nach 3,10 Euro für das Geschäftsjahr 2005. Die Zahlen des Vorjahres lagen im Rahmen der Analystenerwartungen. Für 2007 plant der Rückversicherer mit einem Überschuss von 2,8 bis 3,2 Milliarden Euro.
Eon am Dax-Ende, VW kräftig im Plus
Zu den größten Verlierern bei den Dax-Werten die Titel von Eon mit einem Abschlag von zuletzt 3,98 Prozent. Der italienische Energiekonzern Enel schaltet sich in das Rennen um den von Eon umworbenen Versorger Endesa ein und erwarb nach eigener Auskunft knapp 10 Prozent an Endesa. Eon muss damit bei der anvisierten Endesa-Übernahme ein weiteres Hindernis überwinden.
Aktien von Volkswagen profitierten hingegen von zahlreichen Gerüchten am Markt und verzeichneten kräftige Gewinne. Gegen Mittag kletterten die Titel des Autobauers um 5,55 Prozent auf 97,76 Euro und eroberten damit die Dax-Spitze. Später reduzierten sich die Zugewinne jedoch wieder auf ein Plus von 2,94 Prozent. "Seit Tagen ist hier ein großer Käufer im Markt, der sich systematisch an schwächeren Tagen große Stücke sichert", sagte ein Händler. Ein weiterer Börsianer zeigte sich verwundert über die stabile Entwicklung der Aktie trotz der Marktkorrektur. "Irgendetwas geht bei VW vor sich - die Umsätze vor allem in den Schlussauktionen sind sehr auffällig", lautete sein Kommentar.
EADS profitiert von Airbus-Sanierung
Nun gehe das Gerücht um, dass sich Porsche über den Kauf von Vorzugsaktien eine Hintertür zur Komplettübernahme von VW sichert. "Das Elegante an dieser Variante ist, dass diese Geschäfte im Gegensatz zu einem Einstieg über die Stämme nicht gemeldet werden müssen", sagte ein Händler. Hinzu komme die Spekulation, dass die Vorzüge bald in Stämme umgewandelt werden sollen. "Das Gerücht ist allerdings nicht neu - könnte aber zusätzlich Übernahmefantasie anfachen", so ein weiterer Börsianer.
Zu den wenigen Gewinnern im Dax zählten auch die Aktien von SAP . Aktien des Softwarekonzerns gewannen zwischenzeitlich mehr als 1,4 Prozent, schlossen aber unverändert. "Es geht am Markt das Gerücht um, dass SAP auf dem aktuellen Niveau eigene Aktien zurückkauft", sagte ein Händler. Das stütze die Titel.
Im MDax gewannen Papiere der Airbus-Mutter EADS 1,17 Prozent auf 25,90 Euro. Der angeschlagene europäische Flugzeugbauer plant in den kommenden vier Jahren harte Sanierungsschritte. Wie Airbus-Chef Louis Gallois am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Toulouse bekannt gab, sollen 10 000 Stellen wegfallen, davon allein 3700 in Deutschland und 4300 in Frankreich. Mindestens drei Werke stehen zur Disposition. Außerdem will Airbus die Entwicklungszyklen verkürzen, die Produktivität steigern und den Druck auf die Zulieferer erhöhen.
Am Rentenmarkt sank die durchschnittliche Umlaufrendite der börsennotierten Bundeswertpapiere auf 3,96 (Dienstag: 3,99) Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,14 Prozent auf 116,78 Punkte. Der Bund Future verlor 0,22 Prozent auf 116,27 Punkte.
Der Kurs des Euro fiel. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,3211 (1,3230) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7569 (0,7559) Euro.
reh/itz/mm.de/dpa