Börsenausblick Angst vor der Talfahrt
Frankfurt am Main - In den letzten beiden Handelsstunden baute der Dow Jones seine Verluste von 0,6 auf 1,2 Prozent aus und schloss nur hauchdünn über der Marke von 9500 Zählern. Der Technologieindex Nasdaq Composite, der um 20 Uhr MEZ 0,6 Prozent schwächer notiert hatte, schloss 1,5 Prozent schwächer und damit vier Punkte unter der wichtigen Unterstützung von 1500 Zählern.
Damit wird es auch für den Dax charttechnisch kritisch. Der Dax hatte gestern die Unterstützungslinie von 4440 Punkten getestet, schließlich aber auf 4470 Punkten (minus 0,9 Prozent) geschlossen. "Wir dürften diese Marke heute Vormittag erneut sehen", meinte ein Händler. Der Dax bewege sich auf einem gefährlichen Niveau: Bei vielen Versicherungen habe es bereits Krisensitzungen gegeben, wie bei einem weiteren Fall des Dax Verluste begrenzt werden können. Versicherungen legen einen Teil der Einnahmen in Aktien an. Vom Neuen Markt haben sich die meisten Großinvestoren indes längst verabschiedet: Der Nemax 50 gab gestern 0,8 Prozent auf 676 Punkte ab und dürfte heute weiter in den Keller rauschen.
Für weitere Verunsicherung sorgte der Bombenanschlag auf das US-Konsulat in Karachi am Freitag Morgen. Bei der Explosion eines großen Sprengsatzes sind mindestens fünf Menschen getötet worden.
US-Börsen knicken erneut ein
Der Abwärtstrend an den US-Börsen ist intakt. Nicht nur die Umsatzwarnung von Lucent enttäuschte die Märkte. Auch die US-Einzelhandelsumsätze sind im Mai zurückgegangen. Lucent Technologies gaben mehr als vier Prozent nach: Lucent erwartet im laufenden dritten ein Umsatzminus zwischen 10 und 15 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. "Die Warnung von Lucent hat Ängste geschürt, dass die Telekommunikationsbranche weiter durchgeschüttelt wird", sagte ein Händler in New York. Hinzu kommt die Sorge, die US-Verbraucher könnten sich angesichts der unsicheren Konjunkturlage mit ihren Ausgaben zurück halten.
Börsianer hoffen, dass zumindest positive Konjunkturdaten die Märkte stabilisieren. Heute Nachmittag werden Daten zur Industrieproduktion für Mai sowie der vorläufige Index des Verbrauchervertrauens der Universität Michigan erwartet.
Finanzwerte unter Druck
Zu den Gewinnern zählten dagegen die Aktien des gebeutelten Mischkonzerns Tyco. Die Aktie legte um rund 36 Prozent auf 13,80 Dollar zu. Das Unternehmen hat die Genehmigung für einen Börsengang seiner Finanztochter CIT erhalten. Andere Finanzwerte wie etwa die Citigroup standen dagegen erneut auf der Verliererliste: Die anhaltende Börsenschwäche setzt besonders der Sparte Investmentbanking zu, so dass auch die global agierende Deutsche Bank seit Tagen an der Börse unter Druck steht.
SAP: Erneut rückwärts?
Auch Softwareaktien standen erneut auf den Verkaufslisten. Die Aktie des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft fiel um 2,38 Prozent auf 54,22 Dollar. Zuvor hatte im Kartellverfahren gegen Microsoft ein US-Gericht den Antrag des Konzerns abgelehnt, die Klage von neun Bundesstaaten abzuweisen. Microsoft argumentierte vergeblich, dass das Kartellverfahren durch die außergerichtlichen Einigung mit dem Justizministerium beendet sei. Neun Bundesstaaten hatten sich der Vereinbarung jedoch nicht angeschlossen. Indessen wurde bekannt, dass Microsoft-Gründer Bill Gates Aktien im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar verkauft hat. Die deutschen Technologietitel SAP , Infineon und Siemens dürften es heute schwer haben, ihre leichten Vortagesgewinne zu verteidigen.
MLP verringert Verluste
Schwache US-Vorgaben, enttäuschende Konjunkturdaten und dann auch noch Vorwürfe wegen angeblicher Bilanzunregelmäßigkeiten: Für den Finanzdienstleister MLP kommt es derzeit knüppeldick. Die Aktien konnten sich im späten Handel zumindest ein wenig erholen und reduzierten ihr Minus auf 2,3 Prozent. Zeitweise wer der Titel um mehr als zwölf Prozent abgestürzt, nachdem er am Vortag bereits 15 Prozent verloren hatte. MLP-Vorstandschef Bernhard Termühlen hat die Vorwürfe des Anlegermagazins Börse Online zurück gewiesen.
Deutliche Verluste verbuchten auch Auto-Aktien. BMW-Aktien fielen gestern um 5,6 Prozent auf 42 Euro und führten damit die Verliererliste an. Der gesamte Sektor habe unter den schwächer als erwartet ausgefallenen Zulassungszahlen für Westeuropa gelitten, sagten Händler. Die Pkw-Neuzulassungen fielen im Mai um acht Prozent auf knapp 1,25 Millionen Fahrzeuge. In Deutschland wurden 14 Prozent weniger Fahrzeuge neu zugelassen. Im Gegensatz zu Volkswagen und DaimlerChrysler verbuchte BMW jedoch ein kräftiges Zulassungsplus.
Cargolifter und MobilCom im Aufwind
Cargolifter: Rettung durch Boeing?
Doch es gibt auch Aktien mit kräftigen Kursaufschlägen. Gewinner des Tages im Nebenwerte-Index MDax war die Aktie von Cargolifter , die sich um 50 Prozent auf 0,92 Euro verteuerten. Auslöser für den Kurssprung: Der US-Flugzeugriese Boeing prüft nach eigenen Aussagen einen Einstieg bei dem insolventen Luftschiffbauer.
MobilCom im Aufwind
Am Neuen Markt stieg die MobilCom-Aktie nach drei Tagen mit Einbußen von insgesamt mehr als 60 Prozent um 22,15 Prozent auf 7,25 Euro. Wie aus Pariser Finanzkreisen verlautete, bemühen sich die Banken und Großaktionär France Télécom intensiv um eine Lösung des Schuldenproblems der Telefongesellschaft. Zudem werde der Rücktritt von MobilCom-Chef Gerhard Schmid immer wahrscheinlicher, sagten Händler.
Nikkei gibt nach, Euro steigt
Die Aktienbörse in Tokio hat am Freitag erneut schwach geschlossen. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte büßte 224 Punkte oder 2,0 Prozent ein und fiel unter 11.000 Punkte ein. Der Euro notierte am Morgen mit 0,944 US-Dollar wieder deutlich über 94 US-Cent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs des Euro gestern bei 0,9417 Dollar festgesetzt.