Börsenausblick: Bush-Rede verpufft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsenausblick Bush-Rede verpufft

US-Präsident George W. Bush hat den Abwärtssog an den US-Börsen nicht aufhalten können. Die Vorgaben für Dax und Nemax sind schlecht. Deutlich unter Druck sollten wieder die Technologiewerte stehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Die vorbörslichen Indikatoren sehen nicht gut aus für die deutschen Aktienmärkte: Dow Jones und Nasdaq sind im späten Handel noch einmal abgerutscht und haben nahe ihres Tagestiefs geschlossen. Zudem belasten negative Analystenkommentare die Technologiebranche und die Spekulationen um Telekom-Chef   Ron Sommer sind immer noch nicht beendet. Zum Börsenauftakt ist daher erneut mit Kursabschlägen zu rechnen.

Der Dax schloss am Dienstag 1,6 Prozent schwächer bei 4369 Zählern, während der Auswahlindex des Neuen Marktes Nemax 50 um 1,6 Prozent auf 570 Punkte fiel. Der M-Dax lag unterdessen 0,5 Prozent im Minus bei 3891 Stellen.

Der amerikanische Standardwerte-Index Dow Jones verlor 1,9 Prozent auf 9096 Punkte. Der Nasdaq schloss 1,7 Prozent schwächer bei 1381 Zählern. Trotz der Sorge um die anhaltende Schwäche des Dollar und einer pessimistischen Halbleiterstudie von Merrill Lynch hatten die Börsenbarometer zuvor mehrfach um ihre Vortagesschlussstände gependelt.

"Neue Ära der Rechtschaffenheit"

Bush kündigte ein hartes Durchgreifen gegen Bilanzfälscher an: "Wir müssen eine neue Ära der Rechtschaffenheit einläuten", sagte er. Zudem kündigte er eine Arbeitsgruppe für Wirtschaftskriminalität unter der Leitung des stellvertretenden Justizministers an. Geplant sei, die Zahl der Ermittler zu erhöhen, die Höchststrafe für Wirtschaftsvergehen zu verdoppeln und die Publizitätspflichten zu verschärfen.

Marktteilnehmer bewerteten seine Aussagen jedoch als Aktionismus und Augenwischerei. Dadurch werde niemand ernsthaft von Betrügereien abgehalten. Um die in jüngster Zeit bekannt geworden Bilanzmanipulationen dauerhaft zu unterbinden, müsse stattdessen die enge Verflechtung der Unternehmen mit den Investmentbanken aufgelöst werden, hieß es weiter. Ob dies jedoch gelinge, sei sehr zweifelhaft.

Tagesverlierer waren die Aktien des Pharmakonzerns Merck & Co.  . Einen Tag nach erneuten Enthüllungen fragwürdiger Bilanzierungspraktiken verlor der Titel 4,3 Prozent auf 45,75 Dollar. Die Analysten von Merrill Lynch erwarten, dass die anstehenden Quartalszahlen durch Umsatzrückgänge und sinkende Gewinnspannen belastet werden dürften. Auch die künftige Nutzung der Genom-Datenbank der Genforscher Celera Genomics konnte der Aktie dabei keinen Auftrieb verleihen.

In einer Studie zu Halbleiter-Ausrüstern zeigte sich Merrill Lynch zudem skeptisch. In den vergangenen Wochen sei die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass die Aufträge im laufenden und im kommenden Jahr weiter schwach bleiben würden. Neben zahlreichen Halbleiterwerten an der Nasdaq verloren im Dow Jones auch die Aktien von Intel   um 2,9 Prozent auf 17,96 Dollar. Salomon Smith Barney hatten zuvor das Kursziel auf 27 Dollar gesenkt und für 2002 und 2003 ihre Ergebnisprognosen zurück genommen.

Münchener Rück mit "sehr positivem" Ergebnis

Die Münchener Rück   erwartet für das erste Halbjahr nach eigenen Angaben ein sehr positives Ergebnis. In einer am Morgen veröffentlichten Pflichtmitteilung nannte der weltgrößte Rückversicherer das Geschäft in den ersten sechs Monaten sehr erfreulich. Vorstandsvorsitzender Hans-Jürgen Schinzler erwartet für das zweite Halbjahr bei normaler Weiterentwicklung unseres Geschäfts in der Nicht-Lebens-Rückversicherung eine sehr gute Schaden-/Kosten-Quote von unter 100 Prozent. Für das laufende Jahr rechnet der Versicherungskonzern mit einem zweistelligen Beitragsanstieg.

Unter Druck könnte die 'Aktie Gelb' geraten. Der Deutschen Post   droht nach dem millionenschweren Rückzahlungsbescheid aus Brüssel erneut eine große finanzielle Belastung. Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) will den Konzern zur Senkung seiner Preise für bestimmte Produkte zwingen, wovon auch die wichtigste Einnahmequelle, der Brief, betroffen sein dürfte.

Bleibt Ron Sommer im Amt?

Weiterhin unklar ist die Zukunft von Telekom-Chef   Ron Sommer. Der angesichts des dramatischen Kursverfalls der T-Aktie unter Druck geratene Vorstandsvorsitzende lehnt einen Rücktritt ab. Er sei der festen Überzeugung, er habe sich nichts vorzuwerfen, hieß es am Dienstagabend in Sommers Umfeld. Nach ARD-Informationen ist eine möglichst rasche Ablösung Sommers in der Bundesregierung jedoch bereits ausgemacht. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel hätten sich vergangene Woche darauf verständigt, meldete die "Tagesschau". Am Dienstag bescherten die Gerüchte um seine Ablösung der T-Aktie einen Aufschlag von 6,8 Prozent auf 11,32 Euro.

Erst nach Börsenschluss werden die Geschäftszahlen von Yahoo!   erwartet. Der US-Internetportal-Betreiber hat seinen Gewinn je Aktie im zweiten Quartal 2002 nach Einschätzung von Analysten trotz Werbeflaute im Jahresvergleich um einen Cent auf 0,02 Dollar gesteigert. Allerdings würde der Ertrag damit gegenüber dem Vorquartal stagnieren.