Börsenausblick: Die Bären sind dran - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsenausblick Die Bären sind dran

Die Vorgaben aus den USA sind mäßig, Gewinnwarnungen aus Deutschland verderben die Stimmung. Der historische Kursaufschwung der letzten Tage dürfte erst einmal zu Ende sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Trotz schwacher Konjunkturdaten und Unternehmensnachrichten, die im besten Fall im Rahmen der Erwartungen liegen, stiegen in den letzten Wochen die Kurse. Die "Bären" unter den Marktbeobachtern zeigen sich ratlos und halten den Aufschwung - der größte seit 25 Jahren - für maßlos übertrieben.

Vor allem verweisen sie auf die Abhängigkeit der US-Börsen. Dort sehen Experten von JP Morgan oder Merrill Lynch den Boden noch nicht erreicht und erklären, dass die Indizes noch einmal ihre Tiefstände testen werden. Die "Bullen" entgegnen, viele Gewinnwarnungen seien in den Kursen bereits eingepreist. Nach neun Zinssenkungen in den USA setzen sie auf eine Erholung der Konjunktur und steigende Kurse im Frühjahr kommenden Jahres.

Wie es weitergeht, ist nach Ansicht von Händlern schwer einzuschätzen. Die US-Investoren allerdings bleiben hochsensibilisiert und reagierten am Dienstag nach Meldungen über neue Milzbrandanschläge mit Gewinnmitnahmen. So schlossen Dow Jones und Nasdaq Composite leicht im Minus. Es sollte nicht verwundern, wenn auch in Deutschland zu Handelsbeginn Anleger zunächst ihre Kursgewinne mitnehmen.

Dank eines drastischen Sparkurses konnte Amazon.com nach Börsenschluss einen Quartalsverlust im Rahmen der Erwartungen vermelden. Der Online-Einzelhändler hält aber daran fest, er könne im vierten Quartal Gewinne erwirtschaften. Nachbörslich gab die Aktie deutlich ab.

Compaq verfehlte die Markterwartungen, obwohl der Computerkonzern die Schätzungen erst vor drei Wochen nach unten korrigiert hatte. Auch im laufenden Quartal wird erneut ein Verlust erwartet. Zur Begründung verwies das Management auf die schwache PC-Nachfrage, einen Preiskrieg in der Branche und Unterbrechungen bei der Zulieferung von Bauteilen. Auch hier gab die Aktie nachbörslich ab.

In Deutschland sollten die Anleger heute die Aktie von Preussag   im Blick behalten. Trotz der aktuellen Krise der Luftfahrt- und Tourismusbranche rechnet der Touristikkonzern auch im kommenden Jahr mit einem Wachstum, berichtet die "Börsen-Zeitung" (Mittwochausgabe). "Es wäre nicht seriös zu sagen, welche Wachstumsraten wir erwarten, aber wir erwarten Wachstum", zitiert die Zeitung den Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel. Auch für 2001 werden die Ziele laut Frenzel erfüllt, da der Großteil der Buchungen zum Zeitpunkt der Anschläge in den USA bereits abgeschlossen waren. Zudem hätten Reisen in die USA im Konzern nur einen Anteil am Umsatz von zwei bis drei Prozent.

Abwärts dürfte es dagegen für die Aktien des Erotikkonzerns Beate Uhse gehen. Nach vorläufigen Zahlen für die ersten neun Monate 2001 steigerte das im M-Dax notierte Unternehmen seinen Umsatz um 42 Prozent auf 313 Millionen Mark. Das Betriebsergebnis (Ebit) von 18,8 Millionen Mark liege unter dem Vorjahr (minus 7,4 Prozent). Zugleich gab der Erotikkonzern eine Gewinnwarnung heraus. Wörtlich heißt es in der Pflichtmitteilung vom Morgen: "Entsprechend der aktuellen Daten passt das Unternehmen sein Ergebnisziel 2001 auf 20 Millionen Mark an; bisher wurden 40 Millionen Mark prognostiziert."

Beige-Book wird düsteres Bild der US-Konjunktur geben

Nach Ansicht von Beobachtern wird das Beige Book, das heute gegen 20.00 Uhr (MESZ) von der US-Notenbank veröffentlicht wird, ein durch die Terroranschläge zusätzlich verdüstertes Bild der konjunkturellen Lage in den USA zeichnen. Waren die Folgen der Anschläge im vorangegangenen Bericht noch nicht berücksichtigt, so würden die durch die Attentate ausgelösten wirtschaftlichen Verwerfungen nunmehr voll durchschlagen, heißt es. Zugleich dürfte der Bericht Rückschlüsse auf den Ausgang der kommenden Sitzung des Offenmarktauschusses (FOMC) der Federal Reserve am 6. November zulassen.

Die meisten Experten erwarten, dass auf dieser Sitzung eine weitere Senkung des Zielsatzes der Fed Funds Rate um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent beschlossen wird. Kritische Beobachter werfen allerdings ein, dass die Fed vorsichtig sein sollte, die Zinsen nicht zu schnell zu senken, da der verbliebene Zinssenkungsspielraum mittlerweile relativ eng sei.

Die asiatische Leitbörse in Tokio schloss leichter. Der Nikkei verlor 0,6 Prozent auf 10.802 Zähler.