Börsenausblick: Prior lässt die Bullen los - DER SPIEGEL
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Börsenausblick Prior lässt die Bullen los

Die Hoffnung auf eine Winterrallye an den deutschen Aktienmärkten wächst und ruft vereinzelt Glücksritter mit provokanten Prognosen auf den Plan. Im Dax legen gleich vier Konzerne ihre Zahlen vor. Bei Siemens rechnen Analysten mit schlechten Nachrichten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Pessimisten unter den charttechnischen Analysten haben am Montag dem Dax für den Wochenverlauf eine Talfahrt vorausgesagt. Auf bis zu 4500 Punkten könne der Index fallen, nachdem die Standardwerte zuvor die Widerstandslinie von 5000 Punkten nicht halten konnten. Doch wir sehen ein ganz anderes Bild. Der Markt ignoriert schlechte Unternehmensnachrichten und steigt. Mutige nehmen bereits wieder das Wort "Jahresendrallye" in den Mund.

Andere wissen es noch besser, und dabei schießen die Spekulationen zuweilen auch ins Kraut: Egbert Prior, Provokateur aus Berufung, sieht den Dax zum Frühjahr bereits bei 7000 Punkten und rät seiner Fangemeinde, auf den "fahrenden Zug" aufzuspringen, "bevor es Ihnen Ihr Banker rät". Der Energieschub für deutsche Aktien soll wieder einmal aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommen.

Für das Büro Prior steht fest: Nach zehn US-Zinssenkungen versinken die Märkte in Liquidität, die Anleger werden wie besessen Aktien kaufen, die Unternehmen nahezu besinnungslos investieren, das Wort Rezession kurzerhand in die Mottenkiste zurückverbannt. Die Winterrallye werde die deutschen Aktien mit quasi historischer Gesetzmäßigkeit nach oben treiben, die Steuerreform ein "Dax Monopoly" auslösen und die Unternehmensgewinne im Ergebnis steigen lassen...

Das erinnert doch ein wenig an alte Neuer-Markt-Hysterie. Bleiben wir auf dem Teppich und Herr Prior bitte bei seinen Leisten. Sollte er dennoch Recht behalten, wird SPIEGEL ONLINE Herrn Prior im kommenden Frühjahr natürlich an dieser Stelle als neuen Spekulationsmilliardär gebührend würdigen. Zurück zu den täglichen Niederungen des grauen Börsenalltags.

Gute Vorgaben aus New York

Die Chancen für einen festen Handelsauftakt in Deutschland stehen gut. Die US-Börsen konnten nach Handelsschluss in Deutschland noch zulegen und liefern heute erfreuliche Vorgaben. Der Dow Jones legte um 2,1 Prozent auf 9750 Zähler zu. Der Nasdaq Composite kletterte um 2,8 Prozent auf 1892 Punkte. "Der Rückzug der Taliban aus Kabul sorgte für gute Stimmung. An den Aktienmärkten hofft man auf einen Etappensieg im Kampf gegen den Terrorismus", kommentierte Peter Cardillo, Director of Research bei Westfalia Investments.

Einen Tag nach Infineon-Chef Ulrich Schumacher muss heute der Siemens   -Vorstandsvorsitzende Chef Heinrich von Pierer den Anlegern schlechte Zahlen präsentieren. Analysten rechnen wegen der schlechten Lage in der Telekommunikationssparte mit einem Verlust im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2000/01 (30. September). Im Gesamtjahr dürfte der Siemens-Gewinn vor Sonderposten laut Schätzungen von 3,4 Milliarden Euro auf weniger als 800 Millionen Euro eingebrochen sein. Die Chiptochter Infineon steuerte einen Nettoverlust von fast 600 Millionen Euro bei.

Zwar gehört Siemens nicht zu den Favoriten von Herrn Prior. Vielleicht aber werden wir ja eine ähnliche Trotzreaktion der Aktie wie am Vortag bei Infineon sehen, die trotz grottenschlechter Zahlen rund zehn Prozent zugelegt hatte.

Nach der Verschmelzung zum größten deutschen Allfinanzkonzern gibt heute auch die Allianz   ihre Zahlen für das dritte Quartal bekannt. Die Allianz hatte ihre Prognosen für das laufende Jahr infolge der Terroranschläge in den USA bereits um eine Milliarde Euro gesenkt. Da die Aufwendungen im dritten Quartal zu Buche schlagen, erwarten einige Analysten einen Verlust in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro. Wegen des schwachen Börsenumfeldes wird auch die Dresdner Bank nach Einschätzung der Analysten einen Teil dazu beitragen.

Bei der Präsentation der Lufthansa   -Zahlen für das dritte Quartal warten Analysten vor allem auf die Prognose sowie Aussagen zu Stilllegungen und Einsparungen. Von der Zeit nach den Terroranschlägen des 11. September seien gerade einmal 19 Tage in das dritte Quartal gefallen, gibt HypoVereinsbank-Analyst Uwe Weinreich zu bedenken. Delbrück-Analyst Markus Glockemeier sagt: "Wichtig wird sein, welche Prognose Jürgen Weber für das vierte Quartal ausgibt." Martin Borghetto von Morgan Stanley Dean Witter ist davon überzeugt, dass die Deutsche Lufthansa am Ende des Jahres in die Verlustzone fliegen wird.

Für das abgelaufene Quartal liegen die Umsatzprognosen der Analysten zwischen 4,075 Milliarden und 4,5 Milliarden Euro. Obwohl die Folgen der Attentate von New York und Washington nach allgemeiner Überzeugung erst im vierten Quartal voll wirksam werden, gehen die Schätzungen der Experten beim operativen Gewinn weit auseinander. Zwischen 25 Millionen und 135 Millionen Euro soll Lufthansa verdient haben. Für die bisherigen drei Quartale prognostizierten sie einen Umsatz zwischen 11,4 Milliarden und 12,4 Milliarden Euro sowie einen operativen Gewinn zwischen 130 Millionen Euro und 265 Millionen Euro.

Am Neuen Markt werden unter anderem Carrier 1   , Kontron   und Constantin Film   ihre Quartalszahlen vorlegen.

Die asiatische Leitbörse in Tokio schloss im Plus. Der Nikkei kletterte um 0,6 auf 10.086 Zähler.