Börsenausblick: US-Rallye lässt hoffen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsenausblick US-Rallye lässt hoffen

US-Topmanager haben sich auf bessere Zeiten eingeschworen. Der Ablauf der Frist für den Bilanzeid war gleichzeitig der Startschuss für eine Rallye in den USA. Auch der Dax dürfte zum Auftakt deutlich klettern. Lediglich AOL und United Airlines trüben die Stimmung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Der Umschwung kam zu spät für den deutschen Markt, aber er kam: Anleger in den USA haben am Mittwoch im späten Handel ihre Enttäuschung über die ausgebliebene Zinssenkung der US-Notenbank überwunden. Mit Ablauf der Frist für den Bilanzeid haben außerdem zahlreiche US-Unternehmen die Richtigkeit ihrer Zahlen beeidet, und damit kehrte Vertrauen zurück in den Markt. Eindeckungen von Leerverkäufern und Umschichtungen von Anleihen zu Aktien gaben der Kurserholung zusätzliche Dynamik, sagten Händler.

Der Dow Jones legte binnen der letzten beiden Handelsstunden mehr als 250 Punkte zu und ging mit einem Plus von 3,1 Prozent fester auf 8743 Zähler aus dem Handel. Der Nasdaq Composite kletterte sogar um 5,1 Prozent auf 1334 Punkte. Dax und Nemax, die gestern abend tief im Minus geschlossen hatten, dürften heute zum Auftakt einen Teil dieser Gewinne nachholen.

Eingeschworene Gemeinschaft

Die Bosse und Finanzchefs von 709 Unternehmen haben bis nach Handelsschluss an diesem Mittwoch "nach bestem Wissen" beschworen, dass der letzte Jahres- und Quartalsbericht sowie andere relevante Dokumente ihrer Firmen wahr sind. Fällig waren bis Mittwoch Abend 740 eidesstattliche Erklärungen von Firmen, bei denen sich das Geschäftsjahr mit dem Kalenderjahr deckt. Die anderen haben mit der Einreichung Zeit, bis ihre regulären Geschäftsberichte bei der SEC fällig sind. Die Börsenaufsicht SEC hatte nach der Serie von Bilanzskandalen das Management von insgesamt 947 US-Firmen zum Bilanzeid aufgefordert.

Bilanztricks bei AOL lassen Börsianer vorerst kalt

Auf ihre Bilanz geschworen haben unter anderem die Finanzchefs und Vorstände von Großkonzernen wie Bank of America  , Boeing  , Citigroup  ,Eastman Kodak  , Ford  , Intel  , Xerox   und Walt Disney  .

Dagegen hat AOL Time Warner   Unregelmäßigkeiten in der Bilanz ihrer Internet-Tochter AOL eingeräumt. Drei Transaktionen von insgesamt 49 Millionen US-Dollar seien widerrechtlich als Einnahmen verbucht worden und hätten damit den Umsatz aufgebläht. Die Fehlbuchungen hätten sich über zwei Jahre erstreckt. Die US-Börsenaufsicht, die wegen möglichen Bilanzbetrugs bereits gegen den Konzern ermittelt, sei informiert worden. Allerdings zeigen sich Anleger zunächst sehr gelassen: Die Aktie von AOL tendierte trotz der Meldung nach Börsenschluss im nachbörslichen Handel weiterhin fest.

Fristverlängerung für die üblichen Verdächtigen

Mit Ablauf der Frist sind die Probleme aber noch nicht bereinigt. Das neue Gesetz schafft lediglich die Voraussetzungen für ein künftig härteres Vorgehen. Ob sich Bilanzsünder, die ihre Zahlen "nach bestem Wissen" beeiden, tatsächlich festnageln lassen, bleibt unsicher. Die Hauptakteure der jüngsten Skandale - Adelphia Communications, Dynegy, Enron, Qwest Communications und Worldcom   kündigten außerdem an, den Termin auf Grund laufender Buchprüfungen nicht einhalten zu können. Für Quartalsberichte ermöglicht die SEC eine Fristverlängerung von 5 Tagen, für Jahresabschlüsse von 15 Tagen.

Technologie-Schwergewichte gefragt

Zu den größten Gewinnern in New York zählten Technologieaktien. Die Papiere von Hewlett Packard   legten zweistellig zu. Auch IBM  , Microsoft  , Intel   und andere große Computer-, und Chipaktien tendierten sehr fest.

Der Einzelhandelskonzern Wal-Mart   kletterte um mehr als acht Prozent: Einerseits hat der Konzern trotz schwacher Konjunkturlage mit guten Quartalszahlen überrascht, und zweitens will Wal-Mart Aktien im Wert von fünf Milliarden Dollar zurück kaufen. Sogar das Dow-Schwergewicht General Electric   beendete den Handelstag mit einem deutlichen Plus. Dabei hatte die Investmentbank Salomon Smith Barney für den US-Mischkonzern die Ertragsprognosen gekürzt und dies unter anderem mit der Pleite der US Airways   begründet.

Stürzt nach US Airways auch United Airlines?

Dagegen standen die meisten Airlines sowie der Flugzeughersteller Boeing   und der Triebwerksanbieter United Technologies   wegen der Probleme der gesamten Luftfahrtbranche unter Druck. Die Aktien der UAL, der Muttergesellschaft der United Airlines, sind nochmals um 10,58 Prozent auf nur noch 2,45 Dollar gefallen. Das Unternehmen hat einen Gang zum Konkursrichter in Aussicht gestellt, falls es nicht seine Kosten dramatisch senken kann. Bereits am Sonntag hatte US Airways   Gläubigerschutz beantragt.

Dax mit knapp 100 Punkten Plus erwartet

Dax mit deutlichem Plus erwartet

Nach der Rallye in New York rechnen Händler in Frankfurt damit, dass der Dax mit einem Plus von knapp 100 Punkten (2,5 Prozent) wieder Kurs auf 3700 Punkte nimmt. Vor allem die Technologiewerte Siemens  , Infineon  , SAP und Deutsche Telekom   dürften zunächst profitieren. Bei der Telekom gehen außerdem die Spekulationen um den Vorsitz weiter: Der frühere Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff, ist nach Informationen der "Berliner Zeitung" weiterhin als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG im Gespräch.

Auch die gebeutelten Finanzwerte dürften sich heute ein wenig erholen. Die schwache Bilanz der Allianz   und der Credit Suisse Group   hatten gestern auch die HypoVereinsbank   und Deutsche Bank   belastet. Unsicherheiten über die Folgekosten der Flutkatastrophe lasten aber nach wie vor auf den Aktien der Rückversicherer wie der Münchener Rück  .

Gewinneinbruch und Gewinnwarnung belasten MLP

Der Heidelberger Finanzdienstleisters MLP   hat kurz vor Handelsbeginn seine Bilanz vorgelegt, erwartungsgemäß einen Ergebnisrückgang verzeichnet und seine Jahresprognose für das Vorsteuerergebnis deutlich gesenkt. Der Gewinn vor Steuern werde im Gesamtjahr mit etwa 100 Millionen Euro deutlich unter dem Vorjahreswert von 150,7 Millionen Euro liegen, teilte MLP am Donnerstag mit.

Der Vorsteuergewinn sank im ersten Halbjahr auf 53,1 Millionen Euro nach 53,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten jedoch mit einem noch stärkeren Gewinneinbruch gerechnet. "Die Zahlen scheinen in Ordnung zu sein", sagte ein Broker in einer ersten Einschätzung. Negativ seien jedoch die deutlich nach unten geschraubten Prognosen für das Gesamtjahr - die Aktie dürfte zum Auftakt zunächst nachgeben.

Der Energiekonzern Eon  , dessen gute Zahlen gestern in einem sehr schwachen Marktumfeld untergegangen sind, könnte heute dagegen Gewinne nachholen. Eon hat sein Betriebsergebnis im ersten Halbjahr 2002 um 42 Prozent auf 2,352 Milliarden Euro erhöht und damit über den Erwartungen von Analysten gelegen.

Neuer Markt: Es bleibt kritisch

Am Neuen Markt halten sich Händler dagegen mit Prognosen zurück. Der Nemax 50 notierte am Mittwoch zeitweise nur noch acht Punkte über seinem Rekordtief bei 462 Zählern. "Der Markt ist praktisch tot, große Investoren haben sich längst verabschiedet", sagte ein Händler. Zu den schwächsten Werten im Nemax 50 gehörte am Mittwoch das Papier von Thiel Logistik  , das sich um knapp zwanzig Prozent verbilligt. Der Logistikspezialist wird - entgegen allen Beteuerungen - nun doch die Aktienmehrheit an die Beteiligungsgesellschaft Delton AG abgeben. Zudem will Thiel den Konkurrenten Microlog   schlucken.

Nikkei fest, Euro schwächer

Die Aktienbörse in Tokio hat am Donnerstag nach der festen Vorgabe der Wall Street deutlich fester geschlossen. Der Nikkei-Index verbesserte sich um 157 Punkte oder 1,6 Prozent auf 9795,57 Zähler.

Der Kurs des Euro gab im frühen Handel auf 0,9784 Dollar nach. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs gestern bei 0,9857 (Dienstag: 0,9799) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 1,0145 (1,0205) Euro.