Börsenausblick Warten auf Greenspans Formeln
Es war wohl kein Zufall, dass Alan Greenspan auf der Terminliste des frisch gekürten US-Präsidenten Bush ganz oben stand. Und man kann sich vorstellen, was Bush, der von jeher als Liebling der Börse galt, dem schmächtigen aber mächtigsten Mann Amerikas zwischen Eiern und Speck außer seinen Steuersenkungsplänen noch zu Gehör brachte.
Nicht nur Bush, die ganze Finanzwelt wünscht sich von Greenspan am Dienstag ein Zinssignal, dass den darbenden Kursen an den internationalen Aktienmärkten und damit vielen Unternehmen zum Jahresende noch einmal einen Kick versetzen kann. Denn der Crash an der Nasdaq macht es für die Wachstumsunternehmen zusehends schwerer, Kapital zu beschaffen.
Doch Greenspan ist ein vorsichtiger Mann: Natürlich weiss der Herr mit dem freundlichen Lächeln um die jüngsten Konjunkturdaten, die ein Abflachen des US-Aufschwungs belegen. Er wird sich aber hüten, mit einer überhasteten Zinssenkung dem Phantasie-Gepenst einer harten Landung der amerikanischen Wirtschaft ungezügelten Raum zu lassen und damit weiteren Kursverlusten Tür und Tor zu öffnen.
Das Gerede über Rezession ist auch verfehlt. Denn die Wachstumswerwartungen liegen für 2001 immerhin noch bei rund drei Prozent. Und die im November stärker angestiegenen Verbraucherpreise sprechen ebenso gegen eine abrupte Zinswende in den USA.
So wird sich Greespan nach Ansicht von Beobachtern eher zu der strategischen Ausrichtung der Notenbank äussern und das umfangreiche aber sehr differenzierte Instrumentarium zur Geldpolitik vorsichtig wie ein Chirurg am offenen Herzen einsetzen. Der Wechsel von einer strikten zu einer neutralen Geldpolitik wäre hier ein denkbares Zeichen.
Bis dahin werden sich die Anleger vermutlich zurückhalten und die Aktienmärkte wie ein gespannter Flitzebogen verharren, zumal an der Wall Street der Dow Jones bereits gestern in Erwartung fallender Zinsen mit einem Plus von zwei Prozent aus dem Handel gegangen war. Die Technologiebörse Nasdaq schloss dagegen mit einem Minus von rund einem Prozent.
Die Börse in Tokio ist am Dienstag eingebrochen. Der Nikkei-Index gab um 2,4 Prozent nach und fiel mit 14.132 Zählern auf das niedrigste Niveau seit 21 Monaten.
In einer an Unternehmensnachrichten kargen Zeit werden die uneinheitlichen Vorgaben das Geschäft an den deutschen Aktienmärkten nicht gerade erleichtern. Die Börsianer gehen jedenfalls mit gemischten Gefühlen ans Werk - warten auf den weißen Rauch.