Börsencrash: Warum staatliche Eingriffe nichts nützen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsencrash Warum staatliche Eingriffe nichts nützen

Panikverkäufe und Nervosität bei den Anlegern: Der plötzliche Börsencrash hat Analysten und Banken überrascht. Soll der Staat regulierend eingreifen? SPIEGEL ONLINE fragt Wirtschaftsexperten, wie der Dax wieder auf Kurs gebracht werden kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Drei Jahre in Folge hatte der Dax um jeweils 20 Prozent zugelegt - jetzt kam der Kursrutsch, der drittgrößte prozentuale Verlust in der Geschichte des Deutschen Aktien-Index. Zwar hatten sich aufgrund amerikanischer Wirtschaftsdaten und der Immobilienkrise die Anzeichen für eine mögliche Rezession gehäuft, doch dass es so schnell gehen würde, damit hatte kaum einer gerechnet. Was bisher eher ein Salami-Crash, ein nicht so deutlich wahrnehmbarer Abschwung in kleinen Scheibchen war, wurde zum massiven Kurssturz.

Die große Frage unter den Wirtschaftsexperten und Analysten ist jetzt, wie man den Kurs wieder auf Kurs bringt. Müssen externe Akteure eingreifen, oder wird es der Aktienmarkt schon selbst richten?

"Wenn jedesmal bei einer heftigen Korrektur auf dem Markt der Staat einspringt, bringt das nichts", sagt Dr. Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank. "Zusätzliche kurzfristige Zinssenkungen der Federal Reserve könnten eine positive Wirkung haben." Die Fed reagierte tatsächlich schneller als viele erwarteten - sie senkte heute den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte.

Für den Finanzmarktexperten Manfred Jäger vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln spielen jetzt vor allem psychologische Faktoren eine Rolle. Sobald die Börsenhändler glauben, dass die Talsohle des Dax-Kurses erreicht sei, würden sie auch wieder kaufen. "Es muss eine hinreichend große Gruppe von Investoren geben, die glaubt, dass es reicht", sagt er. Der Crash sei aber ein Anzeichen dafür, dass einige Investoren ihren Glauben an eine steigende Konjunktur verloren hätten. Trotzdem gehe er davon aus, dass spätestens am morgigen Mittwoch die Aktienkäufe wieder stark zunehmen.

Konjunkturprogramm kann Schaden anrichten

Von dem 150 Milliarden Dollar teuren staatlichen US-Konjunkturprogamm, das am vergangenen Freitag beschlossen wurde, um die Krise langfristig einzudämmen, hält Jäger wenig. "Man sieht ja an diesem Crash, dass ein Konjunkturprogramm nicht zwingend hilft." Der "schwarze Montag" zeige, dass so eine Maßnahme, die erst mit großer Zeitverzögerung wirken kann, von den Börsen nicht ernst genommen werde. "Ein Konjunkturprogramm kann unter Umständen sogar schaden, weil der Staat Aktivitäten des privaten Sektors übernimmt und weil die Steuerzahler belastet werden", sagt Jäger.

Michael Köhler, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), glaubt nicht, dass es zu einer schnellen Erholung kommen wird. "Im Unterschied zu früheren Crashs war hier kein einzelnes Ereignis der Auslöser, sondern die generelle Sorge um eine konjunkturelle Abschwächung in den USA."

Dazu könne sogar das eigentlich als Rettungsmaßnahme gedachte US-Konjunkturprogramm beigetragen haben: "Das hat die Sorgen der Anleger noch verstärkt, weil es zeigt, dass die US-Regierung ein Problem sieht."

Sinkende Bedeutung der USA für die Weltwirtschaft

Jetzt gehe man bei der LBBW davon aus, dass die nächsten "Wochen und Monate schwierig bleiben". Es seien - trotz der immer wieder geäußerten Forderung nach mehr Transparenz - bei den nächsten Veröffentlichungen von Quartalszahlen der Banken noch "weitere Negativmeldungen zu erwarten".

Mehr Optimismus verbreitet Christian Dreger, Konjunkturexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. "Wir halten die Kursreaktion für völlig übertrieben, sie ist fundamental durch nichts gerechtfertigt", sagt Dreger. Die deutschen Unternehmen seien dank einer Politik der Lohnmoderation in einer relativ guten Gewinnsituation. Trotz Immobilienkrise und Schwächen der US-Bauwirtschaft sei noch unklar, ob sich die Konjunkturschwäche fortsetze. "Wir erwarten da keine Rezession", sagt Dreger. Zudem sei "die Bedeutung der USA für die Weltwirtschaft in den letzten Jahren gesunken, jährlich gehen mit neun Prozent der deutschen Exporte etwa genau soviel in die USA wie nach Osteuropa".

Auf den Finanzmärkten dagegen "können sich Ansteckungen ergeben", gibt Dreger zu. Das Risikomanagement einiger Banken habe nicht richtig funktioniert, zudem haben Negativzahlen die Investoren überrascht, beispielsweise beim Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate oder am Wochenende bei der WestLB. "Da müsste man in Zukunft vorsichtiger bei der Risikobewertung von Anlagen sein", sagt Dreger.

Nach dem Dax-Schock darf nicht vergessen werden, dass sich die deutsche Wirtschaft weiterhin im Aufschwung befindet, dass erstmals seit Jahrzehnten ein ausgeglichenes Budget erreicht wurde. Die Priorität für staatliche Eingriffe in die Konjunktur sei "die Konsolidierung der Staatsfinanzen", sagt Dreger. Mögliche Absatzprobleme im Handel sieht der Konjunkturexperte auch bei einer Fortsetzung der Dax-Krise nicht. "In Deutschland wird der Konsum mehr von der Entwicklung am Arbeitsmarkt geprägt als durch Vermögensverluste am Aktienmarkt", sagt Dreger.