Börsendebakel Dax rutscht unter 5400 Punkte
Frankfurt am Main - Deutschlands Anleger werden den heutigen Handelstag so schnell nicht vergessen. Der Dax büßte 2,9 Prozent seines gestrigen Schlussstandes ein und fiel auf 5383,28 Punkte. Damit wurden die Dax-Gewinne seit Jahresbeginn aufgezehrt. Auch der MDax der mittelgroßen deutschen Aktiengesellschaften rutschte kräftig ins Minus und verlor 3,75 Prozent auf 7570,99 Zähler. Für den Technologieindex TecDax ging es um 3,67 Prozent auf 614,70 Punkte nach unten. Der VDax, der die Nervosität der Anleger widerspiegelt, markierte den höchsten Stand seit zwei Jahren.
Auf dem Frankfurter Börsenparkett gerieten heute vor allem Aktien jener Unternehmen in Bedrängnis, die besonders abhängig von der Konjunkturentwicklung sind. So etwa die Papiere von ThyssenKrupp und MAN , die um 6,19 Prozent auf 25,51 Euro beziehungsweise um 7,5 Prozent auf 50,55 Euro nachgaben und damit an das Ende der Dax-Liste rutschten. Auch Besitzer von Deutsche-Börse-Anteilsscheinen mussten hohe Kursverluste um 2,3 Prozent auf 97,20 Euro hinnehmen. Der Frankfurter Aktienmarkt kämpft gerade verzweifelt gegen die Fusion der Mehrländerbörse Euronext und der New York Stock Exchange.
"Irrationaler" Handel in Tokio
In Japan und den USA hatten die Aktienindizes bereits am Vortag deutlich nachgegeben. "Hier zeigt sich wieder die deutschlandtypische Tendenz, alles was in Übersee passiert, doppelt und dreifach nachzuzeichnen", kommentierte Aktienstratege Michael Köhler von der Landesbank Rheinland-Pfalz das Handelsgeschehen.
Ein Kursdesaster erlebte speziell die asiatische Leitbörse in Tokio. Der Nikkei-225-Aktienindex fiel erstmals in diesem Jahr unter die Marke von 15.000 Punkten; zeitweise betrugen die Verluste 600 Stellen oder vier Prozent auf 14.496 Zähler. Der Nikkei schloss den Handel heute mit einem Verlust von 3,1 Prozent bei 14.633 Punkten. Basilius Dan von der Credit Suisse sprach schon am Morgen von einem völlig "irrationalen" Handel.
Auf der Suche nach der Erklärung
Finanzexperten haben eine Erklärung für die heftigen Kursausschläge an den wichtigen Weltbörsen. "Für Probleme sorgen weniger die wirtschaftlichen Rahmendaten. Schwierigkeiten gibt es, weil das Kapital wandert", vermutet Merck-Finck-Experte Fröhlich. "Da, wo auf dem Papier bereits dicke Kurszuwächse aufgelaufen sind, etwa an den Aktienbörsen in Tokio oder Frankfurt, verkaufen internationale Anleger nun Wertpapiere im großen Stil und streichen ihre Gewinne ein. Dann suchen sie sich einen neuen Anlageplatz." Nie waren die Kapitalmärkte der Welt so eng miteinander verflochten wie heute. Und nie zuvor war es möglich, in so kurzer Zeit sein Geld zu investieren und auf Knopfdruck wieder abzuziehen, wie im Computerzeitalter der Globalisierung.
Tatsächlich scheinen gerade internationale Großinvestoren zuletzt fast hektisch nach möglichen Risiken an ihren Aktienmärkten gesucht zu haben, um den geeigneten Verkaufsmoment für ihre Wertpapiere ja nicht zu verpassen. Fanden die ausschwärmenden Analysten ein mögliches Risiko für die künftige Kursentwicklung, folgte prompt die Verkaufsempfehlung an die jeweiligen Handelsabteilungen. "Als Marktrisiko für Japan oder Deutschland wurden beispielsweise die steigenden Zinsen in Amerika und Europa gewertet. Gerade heute hat die europäische Zentralbank ihren wichtigsten Zinssatz um weitere 0,25 Prozent auf nunmehr 2,75 Prozent angehoben", betont Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Allianz-Fondstochter Dit, gegenüber manager-magazin.de.
Experten raten zum Kauf
Dabei tauge die Inflationsangst als Begründung für die aktuellen Kursverluste gar nicht. "Weder die amerikanische, noch die europäische oder die japanische Zentralbank will mit ihren Zinserhöhungen die Konjunktur abwürgen. Erst recht nicht, um auf den hohen Ölpreis zu reagieren, schließlich dämpft der von allein die Konjunktur. Die Zentralbanker sorgen nur vor, damit sich künftig keine spekulative Blase entlädt."
Dit-Experte Naumer rät Anlegern deshalb zu Besonnenheit. "Die Konjunkturaussichten bleiben gut, die Unternehmensgewinne zeigen sich vom steigenden Ölpreis wenig beeindruckt, nur die Bewertungen haben sich nach dem Kursrutsch verbessert. Warum soll man in dieser Situation nicht sogar Aktien nachkaufen?" Und Percival Stanion, Chefanleger der Londoner Investmentgesellschaft Baring, ergänzt: "Trotz der derzeit kräftig schwankenden Märkte sollte der Aktienmarkt nach wie vor relativ attraktiver bleiben als der Anleihemarkt."
Genau diese Worte verwendeten viele Marktexperten allerdings auch Ende des Jahres 2002. Wenige Wochen später rauschten die Aktienmärkte in den Keller: Der europäische Leitindex Eurostoxx 50 beispielsweise büßte in den folgenden Monaten des Jahres 2003 nahezu 1500 seiner zuvor 3500 Indexpunkte ein.
manager-magazin.de mit dpa und reuters