Börsengänge Aufstieg der ungeliebten Töchter
Der Bann ist gebrochen. Nach einigen Anläufen hat der Deutsche Aktienindex die Schwelle von 6000 Punkten überwunden und setzt seinen Aufwärtskurs zunächst fort. Seit Monaten kennt die Börse nur die Aufwärtsrichtung und beschert den Anlegern glänzende Renditen. Längst ist das auch den großen deutschen Konzernen aufgefallen mit einer ganz anderen Idee in den Hinterköpfen.
Seit die Kurse in Deutschland auf breiter Front zulegen, schlagen Großunternehmen ganze Sparten ihres Geschäfts an der Börse los und machen kräftig Kasse. So brachte vor wenigen Monaten beispielsweise der Handelsriese Metro seine Baumarkttochter Praktiker an die Börse. Kommende Woche will das Familienunternehmen Wacker seine Chemiesparte den Anlegern zum Kauf anbieten. Die Nachfrage ist offenbar so groß, dass die Anteile am oberen Ende der Preisspanne von 70 bis 80 Euro ausgegeben werden dürften. Auch der Dax-Konzern Altana will sich von seinem Chemiegeschäft trennen, der Henkel-Spin-Off Cognis spielt ebenfalls mit Börsengedanken.
"Die Gelegenheit ist günstig für große Unternehmen, gute Renditen mit ihren Töchtern zu erzielen. Denn die Börse ist mittlerweile auch wieder bei Kleinanlegern in Mode, und die interessieren sich durchaus für die Abspaltungen bekannterer Firmen", sagt Peter Löhnert, geschäftsführender Partner bei First Capital Partners.
Das Geschäft lohnt nicht nur für die Großkonzerne. Zumindest in Amerika haben auch Kleininvestoren jahrelang gut an den Börsenabspaltungen verdient. Die Investmentbanker von Lehman Brothers haben nachgerechnet, wie gut: Wer beim Börsenstart der 88 Firmenabspaltungen aus den Jahren 2000 bis 2005 zugriff, verdiente an seinen Aktien in den folgenden 24 Monaten im Schnitt 45 Prozent besser als der Durchschnitt aller etablierten Werte des S&P-500-Aktienindexes. Im Langzeitvergleich der vergangenen 15 Jahre sind es immerhin noch beachtliche 18 Prozent.
Allerdings nutzen die Konzernstrategen solch günstige Börsenphasen wie derzeit auch gerne, um wenig attraktive Töchter loszuwerden. Zum Beispiel Infineon: Der Münchner Technologiekonzern bereitet gerade den Börsengang seiner Speicherchipsparte vor. Jahrelang hatte sie den Infineon-Managern mit teils heftigen Ertragsschwankungen Probleme bereitet. Auch das technische Niveau der Produkte schien nicht immer auf dem neuesten Stand zu sein.
Jetzt wollen die Münchener ihre ungeliebte Sparte endlich loswerden und bieten sie Anlegern unter dem neuen Namen "Qimonda" zum Kauf. "Vor diesem Hintergrund bleiben die Investoren aber eher kritisch", sagt Stefan Chmielewski vom Handelshaus Lang & Schwarz. "Für Infineon wird es nicht leicht, Anleger davon zu überzeugen, ihre Aktien zu kaufen."
Die aktuelle Börsenflut ehemaliger Konzerntöchter erinnert manchen Experten an eine aufgestaute Welle. "Aus Sicht der Konzerne bot der deutsche Aktienmarkt lange nicht die Möglichkeit, Randaktivitäten mit ausreichend hohem Gewinn los zu werden. Der Verkauf an Finanzinvestoren war attraktiver. Doch bei den Preisen, die derzeit an der Börse für komplette Geschäftssparten erzielt werden, ist es oft umgekehrt", sagt Ralf Hafner, Merger-&-Acquisitions-Experte des Beratungsunternehmens PriceWaterhouseCoopers.
Und Beispiele wie die frühere Bayer-Chemisparte Lanxess oder der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der seine einstige Konzernmutter HVB mittlerweile aus dem Dax verdrängt hat, zeigen, dass die neu gewonnene Freiheit häufig geradezu Flügel verleiht. "Sobald eine Division nicht mehr in die Strukturen eines großen Konzerns eingebunden ist, kann sie viel freier und flexibler agieren", sagt First-Capital-Experte Löhnert.
"Gleichzeitig haben Spin-Offs gegenüber anderen Börsenneulingen oft den Vorteil, dass die internen Abläufe bereits konzerngerecht organisiert sind", so der Experte. Die verselbständigten Sparten seien es schlicht gewohnt, regelmäßig Berichte vorzulegen und für Transparenz zu sorgen.
Hinzu kommt die vollkommen neue Außenwirkung der einstigen Konzern-Schattenkinder: "Wenn eine Sparte plötzlich eigenständig ist, werden beispielsweise Umstrukturierungen viel stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen und von den Anlegern honoriert", hat Lang & Schwarz-Experte Chmielewski beobachtet.
So profitieren alle Beteiligten von der Abspaltung, aber nur solange die Unternehmensführung der Spin-Offs ihrer neuen Aufgabe gewachsen ist. "Es ist nun mal etwas anderes, ob ich eine Sparte innerhalb eines Konzernverbundes lenke, oder ob ich sie plötzlich in vollkommener Eigenständigkeit führen muss", warnt M&A-Profi Löhnert. Nicht immer geht das gut.
Das bekommt derzeit der US-Automobilgigant General Motors zu spüren. Der hatte 1999 seine Tochter Delphi abgespalten. Doch die meldete im vergangenen Herbst Insolvenz an - und stürzte das einstige Mutterhaus in die größte Krise seiner Unternehmensgeschichte.