Börsengänge in Deutschland laufen mies - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Börsengänge Nur auf die Heuschrecken ist noch Verlass

Der Dax strebt neuen Rekorden entgegen, da sollte eigentlich auch der Markt für Neuemissionen blühen. Doch die meisten Börsengänge enden für Aktienkäufer im Desaster. Eine positive Ausnahme bilden ausgerechnet Unternehmen, die von Finanzinvestoren an die Börse gebracht werden.
Von Christian Kirchner
Börse in Frankfurt: Die Kursbilanz - ein Bild des Jammers
Börse in Frankfurt: Die Kursbilanz - ein Bild des Jammers

Börse in Frankfurt: Die Kursbilanz - ein Bild des Jammers

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es um das Thema Börsengänge geht, neigen viele Investmentbanker in Deutschland zum Flunkern. Stets stehen angeblich große Börsengänge "unmittelbar vor der Tür", ist die Rede von "gut gefüllten Pipelines", werden Börsengänge zu "Eisbrechern" stilisiert, kurz: wird das Geschäft bald anziehen. Zum Wohle von Firmen wie Anlegern. Scheitern Börsengänge, ist dann einfach der Markt schuld, weil die Stimmung ja leider zu schlecht sei.

Von schlechter Stimmung an der Börse kann in Deutschland keine Rede sein. Der Dax erzielte am Freitag den höchsten Schlusskurs seiner Geschichte. Und dennoch spielt Deutschland - gemessen an der Größe seiner Volkswirtschaft und auch seiner Börse - im internationalen Vergleich eine mikroskopisch kleine Rolle bei Börsengängen. Daran ändern auch die jüngst erfolgreichen Platzierungen von Evonik oder RTL-Aktien nichts. Auf gerade einmal sieben Milliarden Euro summiert sich das hierzulande bei Börsengängen eingeworbene Geld seit 2009. Weltweit wird nur etwa jeder 50. Euro aus Börsengängen in Deutschland eingesammelt. Und die Kursentwicklung der meisten Börsenneulinge bietet ein Bild des Jammers, weil die Banken auf der Jagd nach lukrativen Aufträgen jede Menge Schrott an die Börse wuchten.

Gerade junge und wachstumsstarke deutsche Firmen bevorzugen andere Quellen für Eigenkapital - und leben gut damit. Sie sind genervt von den Transparenzpflichten und Fixkosten, die mit einem Börsengang verbunden sind. Und sie bekommen derzeit genügend Geld aus anderen Quellen. Nur noch zwei der 50 wachstumsstärksten deutschen Technologiefirmen sind börsennotiert, wie die Wirtschaftsprüfer von Deloitte ermittelt haben.

Der Markt wird träge

Auch Anleger müssen sich nicht grämen. Denn ein Boom der Börsengänge fällt zeitlich häufig zusammen mit einem Wirtschaftsboom - nicht zwingend aber mit steigenden Kursen. Gerade in stark wachsenden Volkswirtschaften treibt der Staat oft Privatisierungen voran. Das führt zu einem Boom der Börsengänge - und oft zu Fehlallokationen, Stichwort: T-Aktie.

Vor allem aber verteilt sich das in den Aktienmarkt investierte Geld auf immer mehr Aktien. Der Markt "verdaut" quasi Milliarden-Neuemissionen und wird träge, die Kurse stagnieren oder sinken gar. Gut beobachten ließ sich das zuletzt in China: 2010 und 2011 gab es dort mehr und größere Börsengänge als in jedem anderen Land der Welt. Der Anteil Chinas am globalen Markt für Börsengänge schoss auf weit über 40 Prozent. Doch für Investoren in chinesische Aktien waren 2010 und 2011 verlorene Jahre.

Ohnehin verbinden zwar viele Anleger mit Börsengängen die Chance auf schnelle Gewinne. Der empirische Befund ist aber deutlich: Im Schnitt laufen Neuemissionen jahrelang schlechter als der Gesamtmarkt.

Oder - wie in Deutschland - sogar katastrophal. Seit der Aktienmarkt im März 2009 zu seiner Post-Lehman-Erholung abhob, sind knapp drei Dutzend Firmen in den regulierten Markt an die Frankfurter Börse gegangen. Zwei Drittel von ihnen notieren trotz stark gestiegener Börsen unter ihrem Emissionspreis, ein Drittel verlor gar mehr als die Hälfte an Wert, eine Handvoll ist scheintot oder schon pleite. Zwischen Emissionstag und heute liefen die Neuemissionen im Schnitt rund 26 Prozentpunkte schlechter als der Aktienindex MDAX für mittelgroße Werte.

Erträge der Vergangenheit sind kein Garant für die Zukunft

Allerdings kennt die Bilanz auch einen klaren Sieger - und das sind die großen Börsengänge von Firmen mit mindestens rund einer halben Milliarde Euro Emissionsvolumen. So kletterte der Kurs des Immobilienkonzerns GSW Immobilien 60 Prozent, der des Chemielogistikers Brenntag um 160 und der von Kabel Deutschland um 230 Prozent seit Emission. Die Aktie des Versicherers Talanx legte bereits rund 30 Prozent zu.

In diesen Fällen haben meist die als "Heuschrecken" verschrienen Finanzinvestoren ihre Aktien weiterverkauft. Anleger sollten also hinter den Umplatzierungen von Aktien durch Finanzinvestoren nicht gleich eine Abzocke wittern - wenn es in den vergangenen Jahren bei Neuemissionen überhaupt etwas zu verdienen gab, dann genau bei diesen Papieren.