Börsenhausse: "Der Scheck ist gedeckt" - DER SPIEGEL
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Börsenhausse "Der Scheck ist gedeckt"

Nach dem gescheiterten Anlauf auf das Dax-Rekordhoch haben die Anleger heute erst einmal Kasse gemacht. Doch die Kurskorrektur bietet keinen Grund zur Sorge. Jeder Vergleich mit der Situation vom März 2000 verbietet sich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Es kommt selten vor, dass die Händler im Parkett der Frankfurter Börse die große Anzeigentafel beobachten, als liefe dort ein Meisterschaftsspiel. Gestern war es allerdings so weit. Die Kurve, die den Verlauf des Dax anzeigt, hatte sich den ganzen Tag über kontinuierlich nach oben bewegt - um dann lediglich fünf Zähler unter der historischen Höchstmarke zu verharren. Immerhin: Mit einem Stand von 8090 markierte der Index den höchsten jemals erreichten Schlusskurs eines Tages.

Anläufe dieser Art gab es einige in den vergangenen Wochen. Anfang Juni zum Beispiel fehlten schon einmal nur wenige Punkte bis zum Rekordhoch. "Angst vor der eigenen Courage", lästern die Optimisten unter den Händlern über die Anleger, "Gelegenheit für Gewinnmitnahmen" die nüchternen Betrachter.

"Die ersten Anzeichen für ein Platzen der Blase", sagen dagegen die Unken. Die Baisse sei geradezu programmiert angesichts der Entwicklung der Börsenkurse in den vergangenen sechs Monaten. Derartige Kurszuwächse könnten nur auf eine allgemeine Hysterie zurückzuführen sein.

Tatsächlich sind die Aktien der 30 im Dax notierten Konzerne seit Jahresbeginn stetig teurer geworden - getrieben von einer ganzen Reihe von Fusionen und Übernahmen ebenso wie von den glänzenden Konjunkturdaten. Der Wertzuwachs seit dem Tiefpunkt der Börsendepression am 12. März 2003 betrug annähernd 250 Prozent. Die Anteilscheine von traditionellen Brick-and-Morter-Betrieben wie dem Reifenhersteller Continental oder dem Lkw-Riesen MAN verzeichneten sogar Aufschläge, wie sie bis dahin nur von überfliegenden Hightech-Schmieden erreicht wurden: fast 750 Prozent.

"Kursniveau ist beängstigend"

Ein Ende der Hausse also, bereits im Jahr zwei des bedeutendsten Konjunkturaufschwungs der letzten zehn Jahre? Erinnert tatsächlich alles an den Wendepunkt am 7. März 2000, als der Dax mit 8136,16 Punkten für kurze Zeit seinen historischen Höchststand erreichte? Der Schweizer Vermögensverwalter Felix Zulauf jedenfalls sieht bereits erste Anzeichen einer Überhitzung: " So ganz allmählich treten wir in die Übertreibungsphase ein", erklärte er in einem Interview mit der "Berliner Zeitung". Bis eine Blase entsteht, die dann irgendwann platzz, werde es zwar noch eine Weile dauern. "Die Volatilität an den Märkten wird aber zunehmen."

"Das derzeitige Kursniveau ist schon beängstigend", räumt auch Udo Ludwig ein, der die Abteilung Makroökonomik am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle leitet. Doch von einer Situation, die mit der vom März 2000 vergleichbar sei, könne keine Rede sein. Denn anders als zu den Zeiten der New-Economy-Hysterie stimmten nicht nur die gesamtwirtschaftlichen Rahmendaten, sondern auch die Verfassung der wichtigsten Player im Markt. "Der Scheck ist gedeckt, da bin ich mir sicher", sagte er.

Von einem soliden Fundament spricht auch der Münchener Vermögensverwalter Jens Erhardt. Die Unternehmen seien besser aufgestellt und sie verfügten über mehr Eigenkapital als 2000. Die Gewinne seien stetig gestiegen, erklärt er. Auch die Zinsen bewegten sich noch immer auf einem erträglichen Niveau.

Wie groß die Unterschiede zur Situation im Jahr 2000 sind, zeigt allein ein Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis vieler Unternehmen. Damals betrug der Börsenwert einiger Unternehmen das 200-fache ihres Jahresgewinns, heute bringen es die Spitzenreiter nur auf den Faktor 14. Auch bei der Bewertung der Branchen haben die Anleger eine Kehrtwende vollzogen. Waren 2000 Hightechkonzerne wie Cisco und Intel die Renner, so sind es heute wieder die Klassiker aus dem Bereich Energie. Der russische Gaslieferant Gasprom etwa gehört inzwischen zu den teuersten Unternehmen der Welt.

Grafik: Kursverlauf des Dax bis zum gestrigen Rekord-Schluss

Grafik: Kursverlauf des Dax bis zum gestrigen Rekord-Schluss

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch die Wettbewerbsfähigkeit der Dax-Konzerne gilt den Experten inzwischen als Garant dafür, dass ein Absturz wie 2001 nicht zu befürchten ist. "Der Leidensdruck, der nach der Baisse entstanden war, hat Reformanstrengungen befördert, die bis dahin undenkbar waren", erklärt Stefan Rünzi, der Finanzwissenschaften an der Universität Köln lehrt. "Unternehmen arbeiten inzwischen wesentlich effizienter, die Arbeitskosten sind niedriger und die Produktivität höher", fügt er hinzu

Dennis Nacken von Allianz Global Investor verweist auf die konjunkturellen Rahmenbedingungen, die jeden Vergleich mit der damaligen Situation aushielten. In Deutschland springe endlich wieder die private Nachfrage an, Japan verzeichne deutliche Zuwächse im Export. China und Indien trügen inzwischen einen erheblichen Teil zum weltweiten Wachstum bei. "Selbst in den USA, dem zurzeit schwächsten Kandidaten, zeigen die Indikatoren wieder nach oben."

Und anders als im Jahr 2000 beherrschten auch nicht schillernde Unternehmen der New Economy die Schlagzeilen. Die Implosion der Branche sei zwar auch damals gesamtwirtschaftlich nicht wirklich ins Gewicht gefallen, "aber eine enorme psychologische Wirkung hatte sie schon".