Börsenkommentar: An Chips verschluckt - DER SPIEGEL
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Börsenkommentar An Chips verschluckt

Die Gewinnwarnungen amerikanischer Computerhersteller lassen die Börsianer mittlerweile kalt. Sich danach zu richten, wäre jedoch äußerst gefährlich.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bis vor kurzem war es so, dass Gewinnwarnungen ganze Branchen in den Keller beförderten. Als Gateway im November zum ersten Mal warnte, wurde die Nasdaq von Panikattacken erfasst. Als es vor Jahresschluss nur leise Zweifel an der Profitabiltiät von Yahoo gab, brachen Internetwerte reihenweise ein.

Das hat sich gründlich geändert. Yahoo gibt einen pessimistischen Ausblick für 2001 - andere Internet-Portale lassen sich nicht beeindrucken. Gateway muss jeden zehnten Mitarbeiter feuern und trotzdem gehen die deutschen Technologieaktien fröhlich in die Höhe. Warnende Worte von Motorola, Hewlett Packard und Cisco hätten Anleger noch vor wenigen Wochen in hellen Aufruhr versetzt - jetzt verhallen sie fast ungehört.

Wenn die Börsianer keine Lust haben, nach Gründen für solche Umschwünge zu suchen, dann reden sie von "Bodenbildung" oder "Psychologie". Das bedeutet nicht anderes als der Abschied von harten Fakten oder die pure Sehnsucht nach steigenden Kursen. Wo eine solche Sicht der Dinge hinführt, das hat man am Neuen Markt in diesem Jahr gesehen.

Hält man sich an die harten, unangenehmen Fakten, dann gibt es auf dem Markt für Halbleiter, PC's und Handys eben keine Lichtblicke - eher das Gegenteil: Ähnlich wie die Autobauer haben die Computer-Hersteller in Erwartung einer riesigen Nachfrage kräftig auf Lager produziert. Doch die Nachfrage blieb hinter den hohen Erwartungen zurück. Was auf Lager ist, muss jetzt unters Volk gebracht werden, ein brutaler Preiskampf deutet sich an. Hinzu kommt, dass die US-Konjunkturprognosen für 2001 alles andere als verheißungsvoll sind.

Die traurige Geschichte geht aber noch weiter. Für das erhoffte große Geschäft haben die Computerbauer große Bestände an Bauteilen und Chips angesammelt, die jetzt erst einmal abgebaut werden müssen. Motorola gab sich deshalb bei der Einschätzung des weltweiten Halbleiter-Marktes sehr ernüchtert: Wurde zuvor noch mit einem Marktwachstum von 20 bis 25 Prozent gerechnet, so waren es Mitte der Woche nur noch 10 bis 15 Prozent. Selbst diese Zahlen könnten zu hoch sein. Einige US-Analysten rechnen schon mit einem einstelligen Wachstum.

Ein solches Szenario mag nicht psychologisch, sondern nur logisch sein. Aber vielleicht hat ja der eine oder andere Anleger genug vom Glauben an Börsengurus.