Börsenkommentar Es geht um Öl
Unter Börsianern gilt die Regel: "Kaufen, wenn die Kanonen donnern", die einmal der Börsenguru André Kostolany geprägt hat. Demnach setzt sich eine Verkaufswelle in Gang, wenn die Masse der Anleger einen Krieg erwartet. Sie denken nämlich, dass die Kurse fallen, wenn der Krieg wirklich losbricht. Sobald es dann losgegangen ist und die Wirkungen weniger schlimm sind als befürchtet, wird wieder kräftig gekauft. Der optimale Einstiegstermin wäre also der tatsächliche Beginn des Krieges, wenn die Kurse niedrig sind und eine Erholung fast zwingend ins Haus steht.
Zu Beginn des Golfkrieges wurde diese Regel befolgt. Nach eine kurzen Gedenkminute am ersten Tag der amerikanischen Intervention brach im New Yorker Börsensaal das Geschrei los. Die Broker kannten nur noch ein Ziel: Kaufen, kaufen, kaufen. Der Dow Jones gewann an diesem Tag mehr als hundert Punkte, was damals noch 4,3 Prozent waren. Die Angriffe der alliierten Truppen waren für die Anleger das Signal, das die Gefahr am Golf bald gebannt sein würde.
Nach den ersten Raketen auf Ramallah ist jedoch das Gegenteil passiert. Der Dow Jones fiel um über 300 Punkte oder mehr als drei Prozent und hielt dieses Minus mehrere Stunden. Von Käufern keine Spur. Die momentane Nervosität bezieht sich nämlich gar nicht in erster Linie auf die Angst vor dem Nahostkrieg, sondern vielmehr auf die Angst ums Öl.
Viel stärker als die ersten Kriegsnachrichten wirkte die Meldung von dem Bombenanschlag auf ein US-Kriegsschiff im Jemen. Wenn nämlich die Ölversorgung nicht mehr gesichert werden kann, dann haben die Amerikaner ein gewaltiges Problem. Nichts kann so schnell das Wirtschaftswachstum lahm legen wie die fehlende Versorgung mit dem schwarzen Gold. Diese Sorge wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass die USA erst kürzlich einen Teil ihrer strategischen Ölreserven auf den Markt geworfen haben, um den Preis zu senken.
Die Angst ums Öl wird länger anhalten und gravierender sein als die Sorge um die kriegerischen Auseinandersetzungen. Deshalb wäre es leichtsinnig, Aktien zu kaufen, nur weil die Kanonen donnern.