Börsenkrise: Warum? Warum jetzt? - DER SPIEGEL
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Börsenkrise Warum? Warum jetzt?

Weltweit geraten die Börsen in Turbulenzen. Die Gründe für das Kurschaos sind vielfältig - und die Krise ist längst nicht überstanden. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zur Panikstimmung an den Finanzmärkten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

Foto: AFP

Hamburg - Die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten hat sich heute rund um den Globus ausgebreitet. Die Nervosität der Anleger spiegelte sich in heftigen Kursausschlägen bei Aktien, Staatsanleihen und dem Euro wider. In Asien setzte sich die von Rezessionsängsten ausgelöste Talfahrt fort. Auch an den europäischen Börsen ging der Ausverkauf weiter, wenn auch in abgemilderter Form. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen:

Warum brechen die Märkte jetzt plötzlich ein?

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

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Seit dem vergangenem Wochenende hat sich bei Investoren die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Krise um faule US-Immobilienkredite keineswegs ausgestanden ist, weitere Banken ins Schlingern geraten könnten - und in der Folge möglicherweise eine weltweite Rezession droht.

Die Kursreaktionen sind auch deshalb so heftig, weil viele Börsianer nicht mit einer Kurskorrektur gerechnet hatten. Die Stimmung war nach einem Kursrutsch im Juli und im November 2007 zum Jahresende recht gut gewesen, die Märkte hatten sich erholt. Die Börsen in Asien und Europa hatten die sogenannte Subprime-Krise zum Jahresende als internes US-Problem abgehakt - eine gravierende Fehleinschätzung.

In Deutschland musste die Westdeutsche Landesbank (WestLB) am Wochenende in einer dramatischen Rettungsaktion mit zwei Milliarden Euro frischem Kapital versorgt werden, weil sie offenbar stärker in Ramschhypotheken investiert hat als bislang bekannt. Die Bank of China ist anscheinend ebenfalls betroffen und muss möglicherweise mehrere Milliarden Euro abschreiben.

Zudem gerät in den USA das Unternehmen Ambac Financials in die Bredouille. Bei der Firma haben viele Finanzinstitute ihre Kredite und Hypotheken gegen Ausfälle versichert. Damit drohen auch den versicherten Anleihen Herabstufungen und in der Folge massive Wertverluste. Eine Ausweitung der Krise wäre damit Experten zufolge unweigerlich.

Wie wichtig sind psychologische Faktoren?

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

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Vermutlich ist Psychologie zurzeit wichtiger als fundamentale Wirtschaftsdaten. Die derzeitige Angst der Anleger gründet vor allem darin, dass Vorhersagen momentan unmöglich erscheinen. Börsianer haben in den vergangenen Monaten auf schmerzvolle Weise lernen müssen, dass fast alle Einschätzungen zur Lage der Banken und zum Zustand des Finanzsystems falsch waren.

Die großen Ratingagenturen hatten US-Ramschhypotheken eine ausgezeichnete Bonität bescheinigt - eine Fehleinschätzung. Viele Banken hatten signalisiert, ihr Abschreibungsbedarf wegen fauler US-Kredite sei relativ klein - eine weitere Fehleinschätzung. Auch die Anlagestrategen lagen völlig daneben: HSBC Trinkaus & Burkhardt etwa prognostizierte noch vor vier Wochen für den Sommer 2008 einen Dax-Stand von 8700 Punkten. Daraus wird wohl nichts.

Wie tief können die Börsen noch fallen?

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

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Niemand hat darauf eine Antwort, was die Panik verstärkt. Die Aktienstrategen und Analysten haben sich in den vergangenen Wochen derart verschätzt, dass ihre Prognosen für Dax und Dow ohne Wert sind.

Warum werden die deutschen Banken so abgestraft?

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

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Anleger hatten lange Zeit den Eindruck, dass die heimischen Institute nur sehr begrenzt von der US-Immobilienkrise betroffen seien. Während die amerikanische Citibank schon im Oktober 2007 rund 1,3 Milliarden Dollar wegen Ramschhypotheken abschrieb, bezifferten deutsche Institute ihre Risiken zunächst nur auf einige zehn Millionen Euro.

Seit die Westdeutsche Landesbank massive Abschreibungen in Milliardenhöhe ankündigen musste, ist klar, dass die Aktien deutscher Banken viel risikoträchtiger sind als bisher angenommen. Hinzu kommt die teils katastrophale Informationspolitik einiger Institute. Georg Funke, Chef des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE), versicherte beispielsweise Monate lang, sein Haus sei nicht betroffen - um dann vor wenigen Tagen Wertberichtigungen in Höhe von 390 Millionen Euro bekannt zu geben. Viele Investoren haben deshalb das Vertrauen vollends verloren.

Abschreibungen ausgewählter Banken in US-Dollar *

Citigroup 24,6 Mrd.
Merrill Lynch 23,6 Mrd.
UBS 14,4 Mrd.
Morgan Stanley 9,4 Mrd.
Bank of America 5,3 Mrd.
Credit Suisse 4,7 Mrd.
HSBC 3,4 Mrd. **
Deutsche Bank 3,2 Mrd. **
JP Morgan Chase 2,9 Mrd.
Barclays 2,7 Mrd. **
Bear Stearns 2,7 Mrd.
Wachovia 1,7 Mrd.
Dresdner Bank 840 Mio. **
Commerzbank 425 Mio.
Hypo Real Estate 584 Mio.
Postbank 89 Mio. **
* 3. und 4. Quartal 2007
** nur 3. Quartal

Wer drückt momentan die Kurse und warum sind auch Aktien außerhalb der Finanzwirtschaft betroffen?

Börsenhändler in São Paulo: Weltweit brechen die Kurse ein

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Marktbeobachtern zufolge gehen die teils panischen Verkäufe in Europa und Asien vor allem auf das Konto institutioneller Anleger - Fonds und Investmentbanken, die ihre Verluste begrenzen wollen. "Dies ist keine Panik der Privatanleger, sondern eine Panik der Profis", wie es in der "New York Times" Finanzguru James Sinclair ausdrückt.

Viele Anleger befürchten, dass der sieche Bankensektor den Rest der Wirtschaft mit in die Tiefe reißen wird. Die Sorge ist nicht völlig unberechtigt. Wenn die Banken wegen zu vieler fauler Kredite in ihren Büchern kein Geld mehr an Unternehmen verleihen, kann das deren Wachstum bremsen. Falls Verbraucher keine Darlehen mehr erhalten, könnte dies negative Auswirkungen auf den Konsum haben. Das wirkt sich wiederum negativ auf das Gewinnwachstum von Autoherstellern, Telekommunikationsfirmen oder Lebensmittelkonzernen aus - weswegen Investoren diese Aktien ebenfalls verkaufen.

Macht der Börsencrash den Aufschwung in Deutschland kaputt?

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Bundeswirtschaftminister Michael Glos (CSU) behauptet, die Krise an den Finanzmärkten werde keine Auswirkung auf die Konjunktur haben: "In Deutschland und in Europa sind wir nicht direkt gefährdet." Das ist eine äußerst optimistische Sichtweise. Falls die Vereinigten Staaten oder andere große Länder in Schwierigkeiten geraten, dürfte das auch die stark vom Export abhängige deutsche Volkswirtschaft zu spüren bekommen. "Wenn es in den USA zu einer Rezession kommt, ist Deutschland mit höchstens einem Jahr Verspätung betroffen", sagte Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, der "Bild"-Zeitung.

Wie sieht es in den USA und in Asien aus?

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Viele Ökonomen glauben, dass die USA in eine Rezession schlittern werden. Da die Vereinigten Staaten für 60 Prozent der globalen Nachfrage verantwortlich sind, hätte dies massive Auswirkungen auf den Rest der Welt. Sorge macht Beobachtern auch das chinesische Finanzsystem. Die Banken der Volksrepublik gelten als marode, ihre Bücher sind voll mit faulen chinesischen Krediten - jetzt kommen auch noch die US-Ramschhypotheken dazu.

Was kann die Politik tun?

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Die Bundesregierung hat relativ wenig Handhabe. Da das Wirtschaftswachstum bisher intakt ist, machen Konjunkturpakete hierzulande wenig Sinn, die internationalen Börse lassen sich ohnehin nicht steuern. US-Präsident George W. Bush hofft, die drohende Rezession in seinem Land mit einem 150-Milliarden-Dollar-Programm abwenden zu können. Auch hier ist die Wirkung jedoch ungewiss. Die momentan vorherrschende Einschätzung an der Börse ist, dass diese Konjunkturspritze zu spät kommt und die US-Wirtschaft nicht retten kann.

Müssten die Notenbanken nicht eingreifen?

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Das tun sie bereits. Die US-Notenbank (Fed) hat die Zinsen heute erneut massiv gesenkt, um die klammen Banken mit ausreichend frischem Geld zu versorgen und das Wirtschaftssystem zu stabilisieren. Am Montag hat Fed-Chef Ben Bernanke versucht, die Märkte zu beruhigen und erklärt, eine Rezession in den USA sei keineswegs unausweichlich.