Börsenlogik: Wie der Dollarverfall dem Dax hilft - DER SPIEGEL
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Börsenlogik Wie der Dollarverfall dem Dax hilft

Anleger in Angst: Der rasante Wertverfall des Dollar schockt Börsianer weltweit. Zu Unrecht, sagen Experten. Die Schwäche der Währung könnte der US-Wirtschaft letztlich aus der Krise helfen - und damit auch den Dax stärken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Kein Tag vergeht zurzeit an der Börse ohne Horrormeldung. Gestern etwa: Da wurde bekannt, dass der Milliarden-Fonds Carlyle Capital Corp wegen der Krise auf dem US-Immobilienmarkt quasi vor dem Aus steht. Die Preise für Gold   (1000 Dollar je Unze) und Öl (111 Dollar je Barrel) knackten neue Rekorde.

Auch aus den USA gab es reichlich schlechte Nachrichten diese Woche: Die Zahl der Zwangsversteigerungen bei Immobilien hat sich verdoppelt. Die Industrie hat im Februar rund 60.000 Jobs abgebaut, gleichzeitig sind die Umsätze im Einzelhandel gesunken. Das sind nicht mehr nur düstere Vorboten, sondern handfeste Hinweise darauf, dass die US-Wirtschaft im ersten Quartal einen realen Rückgang verzeichnen wird.

Und dann noch der Euro. Die Marke von 1,56 US-Dollar hat die Gemeinschaftswährung gestern zeitweise überschritten. Das schmerzt den noch amtierenden Exportweltmeister Deutschland. Ein Auto oder eine Maschine, in Deutschland für 20.000 Euro hergestellt, müsste in der Rezessionszone USA für weit mehr als 30.000 Dollar verkauft werden, um Gewinn für den Hersteller einzufahren. Das ist ziemlich schwierig.

Schwacher Dollar kann US-Wirtschaft auch helfen

Doch Anleger sollten sich nicht entmutigen lassen. Denn zumindest die Gleichung "starker Euro = schwacher Dax" ist zu simpel, um als Wegweiser zu taugen. Der lautstark beklagte Dollarverfall kann dem deutschen Leitindex im Gegenteil sogar dabei helfen, um sich noch in diesem Jahr deutlich zu erholen.

"Der schwache Dollar kann für die US-Wirtschaft ein Mittel sein, um sich aus ihrer aktuellen Schwächephase herauszuhangeln", sagt Andy Sommer, Analyst bei der HSH Nordbank. Ein Treiber dafür seien unter anderem die anziehenden US-Exporte. Der schwache Greenback hilft US-Schwergewichten wie General Electric  , Boeing   oder General Motors  , mehr Produkte im Euroraum zu verkaufen. Hersteller wie Apple   freuen sich zudem über satte Währungsgewinne und steigende Gewinnmargen in Europa. Dies wirkt als Gegengewicht für die abflauende Nachfrage im Heimatland. "Der Außenhandel der USA liefert erstmals seit vielen Jahren einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum", sagt auch Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der BayernLB. Bei einem gleichzeitigen Rückgang der Importe verringert sich auf diese Weise auch das Defizit in der Leistungsbilanz - dieser Bereinigungsprozess hat bereits eingesetzt.

Pfister und Sommer gehen deshalb davon aus, dass auch dank kräftiger Zinssenkungen die konjunkturelle Abkühlung in den USA eher milde ausfallen wird. Und wenn der schwache Dollar der US-Konjunktur aus der aktuelles Krise hilft, dann helfe er mittelfristig auch dem Dax, sagt Pfister. Sollte die US-Konjunktur etwa nach einem schwierigen ersten Halbjahr bereits im dritten Quartal wieder anziehen, könnten Anleger bereits auf Sicht von sechs Monaten deutlich steigende Notierungen sehen.

Puffer gegen teure Rohstoffe

Der zweite Grund, wegen eines steigenden Euro nicht die Nerven zu verlieren: Für viele Dax-Unternehmen wirkt er als Ausgleich für steigende Rohstoffpreise, die traditionell in Dollar abgerechnet werden. Dieser "commodity hedge" sei nicht zu unterschätzen, betont Sommer. "Viele Unternehmen würden steigende Öl- und Rohstoffpreise noch härter treffen, wenn die Wirkung nicht durch den starken Euro gemildert würde."

Drittens: Dax-Unternehmen sind nicht machtlos. Sie produzieren weltweit und haben damit die Möglichkeit, durch Verlagerung ihrer Produktion die Währungsturbulenzen aufzufangen. "Kaum ein Mercedes oder BMW   wird doch in Deutschland hergestellt und dann per Schiff zu den US-Autohändlern gebracht", sagt Sommer. Vor wenigen Tagen verkündete zum Beispiel BMW, die Produktion der Geländewagen X3 und X5 im US-Werk Spartanburg um ein Drittel hochzufahren. Autos, die von deutschen Herstellern im Dollarraum verkauft werden, wurden dort auch in der Regel hergestellt.

Acht Prozent der Exporte in die USA

Viertens: Der deutsche Export hat sich bislang als bemerkenswert robust gegenüber dem Euro-Anstieg erwiesen. Nach Angaben des Bundesverbandes für Groß- und Außenhandel wird der Gesamtwert der deutschen Ausfuhren in diesem Jahr erstmals über die Marke von einer Billion Euro steigen. Der starke Euro bremst zwar das Exportwachstum auf voraussichtlich fünf Prozent, aber er bremst das Wachstum eben nicht völlig aus. "Nur acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA", sagt HSH-Analyst Sommer. Mehr als 70 Prozent der Güter werden dagegen – währungsneutral – in die Eurozone exportiert.

Warum Deutschland dem Preiskampf weniger ausgesetzt ist

Zwar sind auch viele asiatische Währungen an den Dollar gebunden, sodass sich Exporte nach Asien derzeit verteuern. "Doch deutsche Unternehmen exportieren in diese Wachstumsregionen überwiegend hochwertige Ausrüstungsgüter – sie sind als Spezialitätenhersteller weniger stark einem Preiskampf ausgesetzt als ein Hersteller von Massengütern", erklärt Markus Reinwand, Analyst der Helaba.

Der Dollarverfall verringere zwar die Gewinnmargen – doch die dynamische Nachfrage in den Schwellenländern sorge auch hier immer noch für Exportwachstum. "Der Dax ist lange Zeit im Gleichschritt mit dem Euro gestiegen", sagt Reinwand. Ein Indiz, dass eine stabile Konjunktur stärker wiegt als Währungsturbulenzen.

Wettlauf gegen die Zeit

Fünftens: Dax-Unternehmen wie Adidas  , die vorwiegend im asiatischen Raum produzieren, aber überwiegend im Euro-Raum verkaufen, können vom starken Euro sogar direkt profitieren. Ihre Produktionskosten sinken mit dem fallenden Dollar. Dieser Effekt kann dem Sportartikelhersteller zum Beispiel dabei helfen, die Schwierigkeiten mit der US-Tochter Reebok zu kompensieren.

Die wichtigste Funktion des schwachen Dollar bleibt jedoch, die US-Konjunktur über die Exporte zu stabilisieren – je früher, desto besser. Die Experten sind optimistisch: "Die Chancen für eine Erholung im dritten Quartal werden auch durch das US-Konjunkturprogramm erhöht", ergänzt Pfister. Die Steuerschecks – rund 100 Milliarden Dollar für private Konsumenten und rund 50 Milliarden Dollar für US-Unternehmen – werden zwischen Mai und September verschickt, und ein Teil des Geldes dürfte rasch den Weg zurück in den Wirtschaftskreislauf finden. Auch wenn dieses staatliche Notprogramm nur als Strohfeuer wirke – es könne einen positiven und sich selbst verstärkenden psychologischen Effekt haben.

Wenn die US-Wirtschaft bereits im Herbst wieder an Fahrt gewinnt, hat die US-Notenbank die Möglichkeit, die Zinsen wieder anzuheben – und damit auch den Dollar zu stärken. "Zum Ende eines Zinssenkungszyklus der Fed steigen erfahrungsgemäß die Renditen am US-Rentenmarkt. Damit werden Dollar-Anlagen für Anleger wieder interessanter", sagt Pfister.

Damit wären auch die Krisenzeiten in Frankfurt am Main bald vorbei. Die Experten von HSH Nordbank, Helaba und BayernLB räumen angesichts dieser Aussichten auch dem Dax   bis Ende September Erholungspotenzial von zehn Prozent und mehr ein. "Die Börse läuft einer Erholung der Realwirtschaft meist um rund sechs Monate voraus", sagt Reinwand.

Das einzige Problem: Ein schwacher Dollar stärkt die Börse nur dann, wenn er am Ende auch selbst gestärkt aus der Belebungskur hervorgeht. Sollte die US-Wirtschaft stattdessen endgültig in die Krise geraten, wäre die Katastrophe perfekt.

Regierungen weltweit bemühen sich deshalb, die Krise auf den internationalen Finanzmärkten zu bekämpfen und die eigene Wirtschaft zu stärken. Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF), ansonsten stets auf Konsolidierung der Staatshaushalte bedacht, forderte gestern die Regierungen auf, notfalls durch höhere Staatsausgaben und Konjunkturprogramme einer Verschärfung der Krise zu begegnen. Selbst die auf Preisstabilität fixierte Europäische Zentralbank dürfte in solch einem Fall noch in diesem Jahr die Zinsen senken. Auch sie kann dem Euro-Höhenflug damit Grenzen setzen.

Und eins steht fest: Bis zur Zinswende ist es noch ein weiter Weg. "Die Fed wird am kommenden Dienstag die Zinsen erneut um mindestens 50 Basispunkte senken", schätzt Reinwand. Dann stünde der Leitzins, der noch vor einem halben Jahr bei 5,25 Prozent notierte, bei 2,5 Prozent. Eine weitere Senkung der Zinsen bis zum Herbst auf zwei oder gar unter zwei Prozent hält Reinwand nicht für ausgeschlossen.