Börsenmillionäre Schmuckstücke fürs Wohnzimmer
New York - Um kurz vor 20 Uhr erreicht die Spannung im Saal den Siedepunkt. Christopher Burge, der graumelierte US-Ehrenvorsitzende des Auktionshauses Christie's, beugt sich über sein Pult. "Nummer 34", spricht er bedeutungsvoll ins Mikrofon. "Mark Rothko, 'Homage an Matisse', 1954." Kunstpause. "Zehn Millionen Dollar." Die Gäste raunen.
Doch binnen Sekunden stacheln sich die Gebote hoch, zwei anonyme Bieter bekämpfen sich per Telefon. 15,8 Millionen! 18 Millionen! 19 Millionen! "Verkauft an...", reizt Burge gedehnt. Nein, ein neuer Bieter mischt sich ein. 19,7 Millionen! 20 Millionen! Der Hammer fällt, der Saal stöhnt auf, orgiastischer Applaus bricht aus. "Mein Gott", ächzt eine Dame mit schwerem Schmuck.
Teures Hobby: Auktionsfieber in New York
Dienstag Abend bei Christie's im New Yorker Rockefeller Center. In dem hellen Auktionssaal, hat sich der Geldadel schnatternd zum Event der Saison versammelt. Zur größten Versteigerung moderner Nachkriegskunst seit Jahrzehnten, mit Meisterwerken von Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Willem de Kooning und Mark Rothko.
"Die großartigste Auktion meiner Karriere"
Zu Hunderten sind sie gekommen. Wenn schon nicht, um mitzubieten, dann doch, um teilzuhaben an dieser dekadent-elektrisierenden Stimmung aus Geschmack und Gier. Das Auditorium ist gefüllt bis zum letzten Polstersessel, an den Wänden stehen sie in Viererreihen.
Hollywood-Star Steve Martin ist da. Alt-Agent Michael Ovitz, der Ex-Präsident von Disney. Hedgefonds-Milliardär Steven Cohen, diskret in einer Privatloge. Verleger Peter Brant nebst Gattin, Supermodel Stephanie Seymour. Und viele ältere Herren mit jüngerer Trophäenbegleitung, weiblicher wie männlicher. Allein die zur Schau getragenen Accessoires sind Millionen wert. "Das darf keiner verpassen", sagt der Daytrader Gary Winion, einen fetten Auktionskatalog unterm Arm.
Am Ende des Abends zieht Burge Bilanz: 66 Bilder und Skulpturen wechselten den Besitzer, für insgesamt 157,5 Millionen Dollar. Ein Weltrekord, für Christie's, für die gesamte US-Kunstszene. Der Rothko blieb der Topseller: Inklusive Kommission ging die gigantische Leinwand für 22,4 Millionen Dollar an einen anonymen Bieter. Selbst das billigste Stück, eine Stahlskulptur des New Yorker Avantgardisten Walter de Maria, erzielte mit 240.000 Dollar einen Bestpreis für den Künstler. "Dies", seufzt der Brite Burge, sonst eher ein Freund des Understatements, "war die großartigste Auktion meiner Karriere."
Vom Bieten restlos erschöpft
Der neue Wohlstand der Wall Street schwappt auf den Kunstmarkt über. "Die Käufergruppe für Top-Qualität hat sich in den letzten Jahren beträchtlich vergrößert", stellt Tobias Meyer fest, der bei Sotheby's, dem anderen großen Auktionshaus hier, moderne Kunst betreut. Es seien nicht zuletzt auch die Profiteure des US-Bullenmarkts, die nur "das Beste vom Besten wollen, und das sofort", fügt Meyers Christie's-Kollege Brett Gorvy hinzu. "Die Reichen werden immer reicher", vermerkt das "Wall Street Journal" dazu lapidar. "Und ihre Wände werden immer besser dekoriert." 80 bis 90 Prozent der Käufer moderner Kunst, so berichten die Auktionshäuser, seien inzwischen Amerikaner.
Am Tag nach Christie's rief denn auch Sotheby's nach Manhattan. 48 Raritäten kamen unter den Hammer, für 114,5 Millionen Dollar. Der Spitzenreiter, eine Monumentalskulptur von David Smith, auf den Markt geworfen vom texanischen Ölbaron Sid Bass, schlug mit 23,8 Millionen Dollar sogar den Rothko von Christie's. Am Ende waren alle vor lauter Bieten "restlos erschöpft", wie Carol Vogel in der "New York Times" notierte. In der Vorwoche hatten die Auktionshäuser schon mit ihren Impressionisten abgeräumt. Christie's erzielte da 161 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie noch vor drei Jahren. Ein Toulouse Lautrec brachte 22,4 Millionen. Sotheby's brachte Werke für 130 Millionen unter die Leute. Zusammen genommen waren dies die erfolgreichsten Versteigerungen ihrer Art seit 1990, dem letzten Höhepunkt des Marktes.
"Hedgefonds-Typen im Saal"
Die astronomischen Summen erklären sich nicht nur durch den höheren Cash-Flow der Generation Geld. Die "neureichen" Kunstfreude dieser Tage, findet Meyer, zeigen ein anderes, aggressiveres Bietverhalten als ihre Vorväter: Statt langsam kleine Kollektionen aufzubauen und dabei mehr über Kunst zu lernen, "wollen sie gleich ganz oben anfangen".
Christie's-Manager Gorvy spricht von "wichtigen Werken mit großer Wandwirkung". Ein Warhol fürs Wohnzimmer. Der bekannte New Yorker Galerist Achim Moeller berichtet, er sehe bei den Auktionen immer häufiger auch "diese Hedgefonds-Typen im Saal". Moeller selbst bot bei Christie's für John Whitehead mit - den ehemaligen Chef des Brokerhauses Goldman Sachs - gab sich aber geschlagen, als die Preise zu hoch schossen.
Viele der Wall-Street-Laiensammler sehen Kunst allerdings nicht nur als dekoratives Statusobjekt für ihre Penthäuser, sondern auch als gute Geldanlage: "Wer von anderen Anlageformen enttäuscht ist", schreibt das Fachmagazin "Artnet", "lässt sein Geld in die Kunst fließen, in der Hoffnung, bleibende Werte und langfristige Wertsteigerungen zu erzielen." So nutzte die bajuwarische Fürstin Gloria von Thurn und Taxis die Kaufwut der New Yorker Nouveaux Riches. Sie stieß diese Woche übers New Yorker Auktionshaus Phillips, de Pury & Co. diverse skurrile Stücke aus ihrer Privatsammlung ab, für immerhin 7,5 Millionen Dollar. Ihre Hoheit war nicht zugegen, ließ alles aber von ihren Töchtern auf Video aufzeichnen.
Kombination aus Sklavenmarkt und Bordell
Besonders freuen sich über den Run auf die Auktionen natürlich die Mittelsmänner. Nach diversen Skandalen über angebliche Preisabsprachen sonnen sie sich in neuer, lukrativer Prominenz. Sotheby's vermeldete kürzlich Quartalsumsätze von 53,7 Millionen Dollar, 26 Prozent mehr als im vorherigen Quartal - "aufgrund erhöhter Auktionskommissionen". In der Regel rechnen die Firmen zwischen 12 und 20 Prozent der erzielten Preise sich selbst an.
Doch nicht alle jubeln mit. "Auktionen moderner Kunst sind bizarre Kombinationen aus Sklavenmarkt, Börsenparkett, Theater und Bordell", beklagt der Kunstkritiker Jerry Saltz. "Sie sind reines Entertainment, bei dem sich Spekulation und Trophäenjagd vermischen." Von "Qualität" und "innerem Leben der Kunst" könne längst keine Rede mehr sein. "Ich sah zu, wie eine dreiviertel Milliarde Dollar die Hand wechselte und sagte ein leises Goodbye an all die Kunstwerke, die wahrscheinlich zu meinen Lebzeiten nie wieder das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden."