Börsenrally: Reife ist riskant - DER SPIEGEL
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Börsenrally Reife ist riskant

Die Dax-Unternehmen haben satte Gewinnsteigerungen hinter sich. Der Gewinnzyklus sei in eine "reife Phase" eingetreten, heißt es. Das klingt hübsch, für Aktionäre ist es aber weniger schön. Anleger müssen sich bald auf Abwärtsbewegungen einstellen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es klingt wie fernes Donnergrollen. Zwei Dax-Konzerne gerieten in dieser Woche trotz steigender Gewinne unter die Räder: Der Logistiker Deutsche Post   steigerte seinen Nettogewinn 2005 um 40 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro, und auch das Dax-Dickschiff DaimlerChrysler   lag mit einem Nettogewinn von 2,8 Milliarden Euro über den Erwartungen. Beide Aktien gaben unmittelbar nach Bilanzvorlage deutlich ab: Anleger, erhitzt von den Kursschüben der vergangenen Wochen, gingen erst einmal in Deckung.

Einzelfälle oder Vorboten eines kühlenden Gewitters? Analysten mussten nicht lange suchen, um bei beiden Dax-Konzernen Mängel aufzuspüren: Beim deutsch-amerikanischen Autobauer ist die Vorzeigemarke Mercedes erstmals seit zehn Jahren in die Verlustzone gerutscht, und die Post hat noch immer Probleme mit ihrem Expressdienst in den USA.

Zwar will Post-Chef Klaus Zumwinkel das Betriebsergebnis bis 2009 um 33 Prozent steigern - doch das Expressgeschäft, das nach dem Fall des Briefmonopols in Deutschland eine zentrale Rolle einnehmen wird, werde sich erst "in den kommenden Jahren" Richtung Gewinnzone entwickeln.

Risiken steigen stärker als die Chancen

So weit, so vage. Auch das Management von DaimlerChrysler   hielt sich bei der Bilanzvorlage mit genauen Prognosen für 2006 zurück und stellte für dieses Jahr lediglich eine "Verbesserung der Ertragslage" in Aussicht.

Das ist erfreulich, bei einem Dax-Stand von aktuell knapp unter 5800 Punkten aber für viele Anleger nicht erfreulich genug. Werden die Gewinnsteigerungen der Unternehmen in den kommenden Quartalen reichen, um weitere Kurssprünge im Dax   zu rechtfertigen?

Selbstverständlich kann der Dax es bis auf 6000 Punkte schaffen. Doch die Risiken werden allmählich größer als die Chancen. Die HypoVereinsbank (HVB)    zum Beispiel hält an ihrem moderaten Ausblick fest und setzt das Sechs-Monats-Kursziel für den Dax   bei 5500 Zählern - deutlich unter der aktuellen Marke.

Profit-Maximierern geht die Puste aus

"Die Märkte dürften nach unserer Einschätzung ab dem zweiten Quartal eher auf der Stelle treten. Im dritten Quartal ist eine Korrektur am Aktienmarkt um 10 Prozent nach unten recht wahrscheinlich", sagt Gerhard Schwarz, Leiter der Aktienstrategie bei der HVB. Das bedeute auch, dass sich das Chance/Risikoverhältnis für den Anleger in den kommenden Monaten verschlechtern werde, sagt Schwarz.

Dieses steigende Risiko hat schlicht mit den deutlichen Gewinnsteigerungen der Vergangenheit zu tun. "Das Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen wird sich in diesem Jahr verlangsamen - in einer so reifen Phase des Gewinnzyklus ist das normal", sagt der Stratege der HVB.

Zwar verdienen die meisten Dax-Unternehmen weiterhin prächtig. Es wird für sie jedoch immer schwieriger, auf die stolzen Zuwächse des Vorjahres noch etwas draufzusetzen - zumal die Zinserhöhungen in den USA stärker ihre Wirkung entfalten werden und das globale Wirtschaftsklima sich 2006 wahrscheinlich leicht abkühlen wird.

Das bedeutet: Steigender Gewinn nicht gleich steigender Kurs, denn es könnte die vorerst letzte Gewinnsteigerung in diesem Ausmaß gewesen sein. "In der aktuellen Spätphase werden Anleger Gewinnzuwächse nicht mehr in gleicher Weise in Kurszuwächse ummünzen wie noch vor einem Jahr", meint Schwarz.

Auch die erfreulichen Frühindikatoren für die deutsche Konjunkur - das Geschäftsklima in Deutschland ist mittlerweile auf ein Fünfjahreshoch gestiegen - deuten eher auf einen "oberen Wendepunkt" hin. "Die Indikatoren sind derzeit so stark, dass sie sich kaum noch verbessern dürften", erklärt der HVB-Experte. Nach den zahlreichen Aufwärtsrevisionen der Konjunkturdaten wie der Unternehmensgewinne steigt die Wahrscheinlichkeit für die ersten Abwärtsrevisionen im Jahr 2006.

Fonds haben kaum noch Barreserven

Im vergangenen Jahr sind die Gewinne vieler Dax-Unternehmen um mehr als 25 Prozent gestiegen. Im laufenden Jahr dürften es nach einer Umfrage von Fact Set Research noch rund 11 Prozent sein, und das ist noch optimistisch. "Die meisten Dax-Unternehmen sind sehr gut aufgestellt. Dennoch ist es möglich, dass das durchschnittliche Gewinnwachstum bereits in diesem Jahr wieder knapp unter die Grenze von 10 Prozent fällt", sagt Schwarz.

Für stagnierende bis fallende Kurse spricht außerdem die aktuell hohe Investitionsquote der Fondsgesellschaften, die ihre Aktienquote in den vergangenen Monaten kräftig erhöht haben. "Viele Fonds haben derzeit geringe Cashquoten und sind auf weitere Anlegerzuflüsse angewiesen, um zuzukaufen. Bleiben diese aus, müssen Fonds möglicherweise Aktien verkaufen", argumentiert Schwarz. Ein Indiz für die Neigung, bei einigen Aktienpositionen Gewinne mitzunehmen und wieder mehr Cashreserven aufzubauen, sind die aktuell stärkeren Kursschwankungen: Deutsche Post   und DaimlerChrysler   rutschten unmittelbar nach Vorlage der Bilanz schon mal um vier Prozent in den Keller. Die Volatilität im Dax, die 2005 noch bei durchschnittlich elf lag, ist inzwischen wieder auf einen Wert von 15,5 gestiegen.

Wall Street: Zehn mal mehr als zehn Prozent in Folge

Wenn Kurse zu wackeln beginnen, blicken Anleger und Fondsmanager gerne in die USA. Die Bilanzsaison, die in dieser Woche mit den Quartalszahlen von Dell   zu Ende ging, hat nach holprigem Start doch noch die Erwartungen erfüllt: Die Unternehmen im S&P 500 haben nach Berechnungen des Finanzdienstleisters Thomson First Call ihre Gewinne im abgelaufenen Quartal durchschnittlich um 14,6 Prozent gesteigert. Im laufenden Quartal dürften es noch einmal 10,8 Prozent sein.

Aber: Die Gewinnsteigerungen wurden vor allem getragen von ausgewählten Branchen sowie von Cashmaschinen wie dem Ölkonzern Exxon  , der derzeit rund 100 Millionen Dollar Nettogewinn erzielt - pro Tag. Dem gegenüber stehen Sanierungsfälle wie der Autobauer General Motors  , dem künftige Zahlungsverpflichtungen wie Pensionszusagen an die Mitarbeiter die Luft zum Atmen nehmen.

Sonderstory Deutschland?

Die Gewinne in den USA sind mit der abgelaufenen Quartalssaison nun schon zehn Quartale in Folge zweistellig gewachsen. Ein Ende dieser in der Börsenhistorie höchst seltenen Serie ist abzusehen - zumal die Zinsen in den USA inzwischen auf 4,5 Prozent gestiegen sind und offen bleibt, wie viele weitere Zinserhöhungen der neue Fed-Chef Ben Bernanke folgen lässt.

Der Nachfolger von Alan Greenspan hat in seiner ersten Rede als Fed-Chef in dieser Woche die Anleger zunächst beruhigt, braucht aber viel Fingerspitzengefühl: "Jede weitere Erhöhung könnte eine zuviel sein", meint Schwarz.

Börsenbullen verweisen unverdrossen auf die "Sonderstory" des deutschen Aktienmarktes, der ungerührt von Wacklern an der Wall Street weiter nach oben strebt. Doch auch der "Economist", der 2005 noch das Comeback des Standorts Deutschlands feierte, mischt in seine aktuelle Titelstory "Waiting for a Wunder" nun wieder mehr kritische Töne.

Zu viel Optimismus ist gefährlich, das wissen nicht nur Börsianer. Und wer die deutlichen Steuererhöhungen in Deutschland ab 2007 als Konjunkturprogramm für 2006 verkauft, offenbart sich als extremer Optimist. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird auch im WM-Jahr kaum über 1,5 Prozent hinauskommen, denn die Weltwirtschaft kühlt langsam wieder ab.

Einen Crash im Deutschen Aktienindex hält Aktienstratege Schwarz dennoch für unwahrscheinlich - auch wenn der Index schon drei Jahre mit steigenden Notierungen hinter sich hat. "Der Index ist weiterhin moderat bewertet und die Unternehmen sind überwiegend gesund", so Schwarz. "Es besteht kein Grund zur Panik - nur zur Vorsicht."

Die Post   und DaimlerChrysler   haben diese Vorsicht bereits gespürt: Wenn die Dax-Konzerne Schering  , MAN  , BASF   und RWE   in der kommenden Woche Zahlen vorlegen, brauchen auch sie nicht mehr mit der Euphorie des vergangenen Jahres zu rechnen.

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