Börsenschluss "Aktie Gelb" im freien Fall
Frankfurt am Main Die deutschen Aktienindizes haben am Mittwoch nahezu auf ihrem Tagestief geschlossen. Sich ausweitende Verluste der Wall Street, der Kurssturz der Post-Aktie, sowie drastische Verluste der Versicherungstitel drückten den Dax tief ins Minus. Nicht ein Wert des Börsenbarometers schloss im Plus. Zusätzlich belasteten nach Einschätzung von Händlern erneute Sorgen um die Bilanzierungspraxis von US-Unternehmen wieder einmal den deutschen Markt.
Der Dax gab 4,1 Prozent oder rund 180 Punkte auf 4190 Zähler ab. Im M-Dax betrugen die Verluste 1,85 Prozent auf 3819 Zähler. Am Neuen Markt rutschte der Nemax 50 auf 550 Punkte ab: ein Verlust von 3,4 Prozent. Kurz nach Handelsschluss in Deutschland stand auch die Wall Street im tiefroten Bereich. Der Dow Jones verzeichnete Verluste von 2,2 Prozent auf 8899 Punkte. Der Nasdaq Composite fiel um 1,9 Prozent auf 1355 Zähler.
Die Märkte in New York wurden durch eine ganze Reihe von Nachrichten belastet. So hat die Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Untersuchung gegen Qwest Communications eingeleitet hat. Die Aktie von Qwest brach darauf hin ein. Nach Angaben von Qwest hat die Staatsanwaltschaft das Unternehmen aufgefordert, mit ihr zu kooperieren. Ein genauer Vorwurf sei ihr jedoch nicht gemacht worden. Hintergrund der Ermittlungen ist der Vorwurf der US-Börsenaufsicht SEC, Qwest bilanziere unsauber. Qwest steckt seit längerem in einer finanziellen Krise und sieht sich mit einem Schuldenberg von rund 26 Milliarden Dollar konfrontiert.
Auch eine Schadenersatzklage einer Anti-Korruptions-Initiative gegen US-Vizepräsident Dick Cheney sowie das früher von ihm geleitete Maschinenbau-Unternehmen Halliburton wegen angeblicher Bilanzfälschung trübten erneut das Vertrauen in die Aktienmärkte ein. Am Tag zuvor hatte US-Präsident Bush noch eine "neue Ära der Rechtschaffenheit" sowie deutlich höhere Strafen für kriminelle Unternehmensführer angekündigt.
US-Wirtschaft wächst im zweiten Quartal langsamer
Negative Nachrichten gab es auch vom US-Finanzminister Paul O'Neill. Die US-Wirtschaft sei auf dem Wege der Erholung, wird aber im zweiten Vierteljahr wohl nicht so stark wachsen wie im ersten Quartal. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal habe das vom ersten Quartal wohl nicht erreicht, sagte O'Neill am Mittwoch laut Redetext bei einer Veranstaltung in Washington. In den ersten drei Monaten dieses Jahres war das Bruttoinlandsprodukt der weltgrößten Volkswirtschaft annualisiert um 6,1 Prozent gewachsen.
Auf den Aktien der beiden größten Autokonzerne Amerikas lasteten negative Analystenkommentare. Angesichts der Sorge um einen Preiskrieg unter den US-amerikanischen Autobauern hat Banc of America die Aktien von General Motors und Ford Motor von "Buy" auf "Market Perform" herunter gestuft. DaimlerChrysler weite die Garantie auf seine Motoren auf sieben Jahre oder 70.000 Meilen aus und setzte die Mitbewerber damit unter Zugzwang, während diese ihre Marktanteile gleichzeitig heftig gegen ausländische Anbieter verteidigen müssten, schrieben die Analysten. Die Titel von GM und Ford gaben an der Wall Street deutlich nach.
An der Börse herrsche eine Nervosität wie seit dem Golfkrieg nicht mehr, sagte ein Händler in Frankfurt. Die starken Kursschwankungen der vergangenen Tage und Wochen hätten Anleger und Händler zermürbt. "Jede Idee, die man hat, wird innerhalb von 24 Stunden in ihr Gegenteil verkehrt, egal auf welcher Seite man ist." Bevor wichtige Großunternehmen in der kommenden Woche Ausblicke auf das laufende Quartal lieferten, würden sich die Investoren zurückhalten, prognostizierte er.
T-Aktie: Sommer-Theater endet mit Verlusten
T-Aktie rutscht nach Gewinnen ins Minus
Die Aktie der Deutsche Telekom hatte seit Dienstag von Spekulationen über eine Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer profitiert. Am Abend drehten die Telekom-Titel dann jedoch parallel zum nachgebenden Gesamtmarkt ins Minus und schlossen 1,5 Prozent schwächer bei 11,15 Euro. Zuvor war aus mit der Situation vertrauten Kreisen bekannt geworden, der Aufsichtsrat sei in der Frage eines möglichen Führungswechsels uneins. Die beiden Lager stünden sich nach heftigen Auseinandersetzungen unversöhnlich gegenüber. Der Aufsichtsrat wird am kommenden Dienstag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen und soll dabei nach Angaben des Aufsichtsratschefs Hans-Dietrich Winkhaus auch über die Führungsfrage beraten.
Ron Sommer selbst lehnt einen Rücktritt ab. Er sei der festen Überzeugung, er habe sich nichts vorzuwerden, hieß es aus Sommers Umfeld. Nach ARD-Informationen ist eine möglichst rasche Ablösung Sommers in der Bundesregierung jedoch bereits ausgemacht.
Deutsche Bank stuft Schering herab
Mit zu den größten Dax-Verlierern zählten dagegen die Papiere Schering . Die Aktie gab mehr als sieben Prozent auf 57,63 8 Euro ab. Die Deutsche Bank hatte das Papier von "Kaufen" auf "Marketperformer" herabgestuft und das Kursziel von 75 auf 66 Euro gesenkt. Zudem belasteten negative Nachrichten vom amerikanischen Pharmakonzern Wyeth die Branche.
"Die Schering-Aktien werden heute in Sippenhaft genommen", sagte Analyst Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler. Denn eine von der Women's Health Initiative in Auftrag gegebene Studie zu Hormonersatz-Therapie-Produkten (HRT) für Frauen in der Menopause, die für acht Jahre angelegt war, habe bei einigen Patientinnen Nebenwirkungen wie Probleme mit den Herzgefäßen und sogar Brustkrebs ergeben, sagte der Analyst. Am Vortag hatte das US National Institutes of Health (NIH) die Studie gestoppt ohne den Namen des Medikamentes zu nennen, nachdem bei einigen Patientinnen Nebenwirkungen aufgetreten waren.
Aktien der Versicherer stürzen ab
Der Branchenindex für den Versicherungssektor im Dax fiel um 6,3 Prozent. Dabei gaben die Aktien der Münchener Rück um 5,4 Prozent auf 230 Euro nach. Ein Händler sagte, offenbar erwarte das Unternehmen mit den höheren Rückstellungen noch einiges an Forderungen. Analysten zeigten sich von der Höhe der Vorsorge überrascht.
Die Titel der Allianz wurden derweil von den Verlusten der Münchener Rück unter Druck gesetzt. Knapp 40 der insgesamt rund 180 Verlust-Punkte des Dax gingen auf diese beiden Werte zurück. Die Titel der Allianz stürzten um 7,30 Prozent auf 187 Euro.
Deutsche Post: Aktienwert von 1,5 Milliarden vernichtet
Die Aktie der Post schloss 8,4 Prozent im Minus bei 12,10 Euro, nachdem sie zuvor mit 11,91 Euro ein Allzeittief markiert hatte. Auf Druck der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) soll die Post im kommenden Jahr unter anderem das Briefporto senken. Analysten zeigten sich von der Entscheidung nicht überrascht, während Händler sagten, es sei unklar, ob es bei dem von der Post angegebenen Einnahmeausfall von 1,5 Milliarden Euro bis 2007 bleibe. Dies verunsichere die Anleger.
Die Entscheidung der Regulierungsbehörde zu Portosenkungen hat zu einem drastischen Kursverlust der Post-Aktie geführt. Innerhalb von 24 Stunden seien rund 1,5 Milliarden Euro an Aktienwert vernichtet worden, sagte Post-Sprecher Martin Dopychai am Mittwoch in Bonn.
Im roten Bereich notierten auch wieder die Technologiewerte SAP , Epcos , Siemens und Infineon , die zwischen vier und 6,60 Prozent verloren. In einer Studie zu Halbleiter-Ausrüstern äußerte sich Merrill Lynch skeptisch: In den vergangenen Wochen sei die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass die Aufträge im laufenden und im kommenden Jahr weiter schwach bleiben würden.
Neuer Markt: Gute Nachrichten von IDS Scheer
Gute Nachrichten von IDS Scheer
Am Neuen Markt führte die Aktie von IDS Scheer die kurze Gewinnerliste im Nemax 50 an. Das Papier kletterte um rund 13 Prozent auf 7,15 Euro. Der IT-Dienstleister hat im ersten Halbjahr nach vorläufigen Zahlen einen Umsatz von 87 Millionen Euro erzielt. Damit sei der Vorjahreswert von 75,9 Millionen Euro deutlich übertroffen worden, hieß es in einer Mitteilung von Börseneröffnung. Das operative Ergebnis verdoppelte sich in den ersten sechs Monaten im Jahresvergleich nahezu: von 4,5 auf acht Millionen Euro. Gleichzeitig erhöhte sich die Ebit-Marge, also das Verhältnis des Gewinns vor Steuern und Zinsen zum Umsatz von 5,9 auf 9,2 Prozent. "Die Zahlen sind nicht schlecht und der Ausblick zeigt zumindest, dass prognostizierte Zahlen am Neuen Markt eingehalten werden können", sagte ein Händler in Düsseldorf. SES Research nannte die Aktie in einer Kurzstudie "deutlich unterbewertet".
Aixtron befand sich nach einer Herabsetzung des Kurszieles von 16 auf 13,20 Euro durch die Investmentbank Morgan Stanley hingegen unter Druck. Der Wert sank um rund fünf Prozent auf 10,11 Euro.
Die Aktien von MediGene und Pfeiffer verloren jeweils rund sieben Prozent. Börsianer sagten, es gebe keine aktuellen Nachrichten, auf die diese Entwicklung unmittelbar zurückzuführen wäre. Medigene leide offenbar immer noch darunter, dass die Entwicklung des Herzmedikamentes Etomoxir Mitte Juni wegen mangelnder Wirksamkeit abgebrochen worden war. Seitdem verlor das Papier 41 Prozent an Wert.
Auch bei Pfeiffer seien die Verluste fundamental nicht erklärbar, hieß es weiter. Es gebe Verkäufe auf breiter Front. Der Umsatz mit Pfeiffer-Papieren lag doppelt so hoch wie der Durchschnitt der vergangenen 90 Tage, während bei Medigene ein unterdurchschnittliches Geschäft zu verzeichnen war.
Euro im späten Geschäft fest
Der Euro gab nach. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Kurs bei 0,9898 (Dienstag: 0,9930) Dollar fest. Zuletzt wurde die Währung mit 0,9905 Dollar gehandelt.