Börsenschluss "Die Angst ist weiter im Markt"
Frankfurt am Main Die Buchführungs-Affäre des US-Telekomkonzerns Worldcom hat die Börsen auch am Donnerstag noch geprägt. Während einige Händler die Kursverluste vom Vortag als "Überreaktion" bezeichneten, zeigten sich andere Experten skeptisch. "Die Angst ist weiter im Markt", sagte Diane Beißenhirtz vom Düsseldorfer Handelshaus Lang&Schwarz. Ins gleiche Horn stieß Knut Hochwald von der Hamburger Sparkasse: "Es ist viel zu früh, von einer Trendwende zu reden." Andere befürchteten, dass der mögliche Betrug bei Worldcom weltweit das Vertrauen der Anleger in Unternehmen und Märkte zerstören könnte.
Im derzeit angeschlagenen Umfeld ist die Börse auch besonders anfällig für Marktgerüchte. Im späten Handel geriet die heutige Kurserholung in New York und Frankfurt ins Stocken, nachdem Gerüchte um Bilanzierungsprobleme beim US-Autoriesen General Motors (GM) kursierten. Kurzfristig musste die GM-Aktie sogar vom Handel ausgesetzt werden. Die Aktien notierten vor der ersten Handelsunterbrechung (17.10 Uhr) mit 50,50 Dollar. Nach der Handelsaufnahme notierte die GM-Aktie wieder etwas fester bei 53,30 Dollar.
Die GM-Gerüchte wirkten sich auch auf den Dax auf. Dennoch gelang es der Leitindex bis Börsenschluss wieder Punkte gutzumachen. Er schloss mit einem Plus von fast vier Prozent auf dem Tageshöchststand von 4259 Punkten. Die im MDax zusammengefassten Nebenwerte schlossen mit durchschnittlich 1,5 Prozent im Plus und zogen den Index ebenfalls auf den Tageshöchststand von 3845 Punkte. Am Neuen Markt beendete der Nemax 50 den Handelstag auf 601 Zählern, ein Plus von fast 4,3 Prozent.
Viele Anleger nutzten nun die Gelegenheit zum Wiedereinstieg, sagten Händler. Daher haben sich die Börsenbarometer bis Handelsschluss wieder erholen können. Doch auch kritische Stimmen sind zu hören. "Das Vertrauen ist begrenzt, die Leute warten auf weitere Fakten", schränkte allerdings der Fondsmanager Josef Scarfone von Frankfurt Trust ein. Auch andere Marktteilnehmer bezeichneten die allgemeine Stimmung als unverändert schwach. Es brauche nur eine weitere Hiobsbotschaft, um den Trend umkehren zu lassen. Sollten jedoch weitere schlechte Nachrichten ausbleiben, sind nach Einschätzung mehrerer Marktteilnehmer in den kommenden Tagen Kurssteigerungen von fünf bis zehn Prozent möglich.
Das US-Handelsministerium hatte zuvor ein höher als erwartet ausgefallenes Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal dieses Jahres veröffentlicht. Das US-BIP stieg mit einer annualisierten Rate von 6,1 Prozent und damit so stark wie seit dem vierten Quartal 1999 nicht mehr. Zuvor war mit einem Wachstum von 5,6 Prozent gerechnet worden. Die Hoffnung auf eine Erholung der US-Konjunktur habe neue Nahrung erhalten, sagten Händler. So erklärten sich auch die Kursgewinne.
Die Wall Street hat aufgrund der GE-Gerüchte ihre Gewinne zunächst vollständig abgegeben. Sowohl Dow Jones als auch Nasdaq konnten sich aber wieder erholen und notierten zuletzt bei 9225 bzw. 1452 Punkten über ihren Vortagesschlussständen.
SAP nimmt 100-Euro-Marke ins Visier
Besonders kräftig legten im Dax die Technologiewerte zu. SAP-Aktien verteuerten sich um 7,5 Prozent auf 97,20 Euro. Die Papiere profitierten von einer Aussage des Oracle-Vorstandsvorsitzenden Larry Ellison, der die großen Softwareunternehmen als Profiteure der Krise sieht: "Die IT-Budgets sind immer noch knapp bemessen. Viele kleine Softwarefirmen werden die Krise nicht überleben."
Die Siemens-Familie präsentierte sich geschlossen im Plus: Epcos (plus 4,8 Prozent auf 33,14 Euro), Siemens (plus 6,2 Prozent auf 58,70 Euro) und Infineon (plus 6,0 Prozent auf 15,49 Euro) kletterten kräftig. Am Vortag hatten schwache Zahlen des US-Chipherstellers Micron und Alcatel sowie die Worldcom -Nachricht die Technologietitel auf eine steile Talfahrt geschickt.
T-Aktie unter neun Euro, defensive Werte nicht gefragt
T-Aktien verteuerten sich um 4,19 Prozent auf 8,95 Euro. Im Einklang mit den meisten europäischen Telekomaktien hat auch die Deutsche Telekom von der positiven Stimmung nach den vorangegangenen Verlusten profitiert. "Das ist eine rein technische Reaktion auf die vorangegangenen Verluste", sagte ein Wertpapierhändler in Frankfurt. "Das sind keine richtigen Käufe."
Ralph Breßler, Telekom-Analyst des Düsseldorfer Privatbankhauses Lampe, sagte: "Nachdem der Worldcom-Bilanzskandal anscheinend verarbeitet ist, steigen die meisten europäischen Telekommunikationsaktien." Bei der Telekom seien noch viele Fragen offen: So sei die Bilanzierung der Immobilien noch nicht endgültig geklärt.
Kaum Positiv-Effekte durch den Maut-Auftrag
Auch der verschobene Börsengang der Mobilfunksparte T-Mobil und der geplatzte Verkauf der restlichen Teile des Kabelnetzes werfe nach wie vor Fragen nach der Durchführbarkeit des Entschuldungskonzept auf. "Da hilft es auch nicht, wenn die Telekom den Auftrag für das LKW-Mautsystem in Deutschland heute oder morgen bekommt," sagte Breßler.
Die Automobilwerte mussten nach den GM-Gerüchten einen Teil ihrer Gewinne abgeben, konnten aber bis Handelsschluss wieder Punkte gutmachen : Die Anteilsscheine von DaimlerChrysler beendeten den Handelstag mit einem Plus von 3,9 Prozent, Volkswagen schloss mit einem Plus von 1,92 Prozent, BMW schaffte es immerhin mit 0,7 Prozent in den positiven Bereich.
Lufthansa profitiert von Studie
Die Aktien der Deutschen Lufthansa profitierten von einer Studie der Deutschen Bank, in der die Mitbewerberin British Airways herauf gestuft wurde. Der Kurs kletterte um 2,8 Prozent auf 14,00 Euro.
Vermeintlich defensive Werte waren hingegen wenig gefragt. Der Kurs von Fresenius Medical Care verlor 4,7 Prozent auf 43,60 Euro und war damit der schwächste Wert im Dax.
Post-Aktie derzeit nicht attraktiv
Die "Aktie Gelb" verbilligte sich um 0,26 Prozent auf 12,72 Euro. Die mangelnde Attraktivität für kurz- und mittelfristig orientierte Anleger hat die Aktie der Post weiter unter Druck gesetzt. Nachdem der Titel bereits am Vortag auf dem niedrigsten Schlussstand seit dem Börsengang aus dem Handel gegangen war, näherte er sich am Donnerstag kurzfristig dem Allzeittief von 11,80 Euro.
Bereits in der Vergangenheit habe die Aktie die kurzfristigen Aufwärtsbewegungen des Standardwerte-Index nicht mitvollzogen, sagten Händler. "Die Aktie ist auf dem derzeitigen Preisniveau für langfristig orientierte Anleger attraktiv", sagte ein Händler in Frankfurt. Sie sei jedoch kaum gefragt, weil Postchef Klaus Zumwinkel für die kommenden beiden Jahre kein Gewinnwachstum in Aussicht gestellt hat. "Hinzu kommen noch die drohenden Strafen der EU-Kommission und die Frage, ob die Post das Porto tatsächlich senken wird oder muss."
Kurserholung bei WCM Euro etwas leichter
Im MDax schlossen die Papiere von WCM mit fast 35 Prozent im Plus bei 6,25 Euro. Nach dem rund 50-prozentigen Kursverlust der vergangenen Wochen realisierten die Anleger endlich, dass die Titel nicht wertlos seien, sagte ein Händler. Schließlich besitze WCM ein beachtliches Immobilien- und Beteiligungsvermögen.
Am Vormittag hatte die Beteiligungs- und Immobiliengesellschaft mitgeteilt, die umstrittene Studie von United Zurich Finance, die WCM als riskantes Papier einstufte und eine massive Verkaufsempfehlung aussprach, werde in Kürze revidiert. Die neue Studie werde völlig anders aussehen, hieß es. Eine Klage gegen das Finanzinstitut sei damit vom Tisch.
Mit deutlichen Kursgewinnen präsentierten sich die Schwergewichte am Neuen Markt: So legte beispielsweise die Aktie von Steag Hamatech um 16 Prozent auf 3,90 Euro zu. Die Titel von SAP SI (plus 13,7 Prozent auf 8,47 Euro), T-Online (plus 7,7 Prozent auf 7,80 Euro) und Qiagen (plus 3,9 Prozent auf 11,77 Euro) kletterten kräftig.
Deutlich abgeben mussten ACG , IM Internationalmedia und Balda .
Lion Bioscience mit neuem Produkt
Die Aktie von Lion Bioscience verteuerte sich um 7,2 Prozent auf 4,32 Euro. Der Anbieter von Software für die medizinische Wirkstoffforschung bringt mit "SRS Evolution" eine neue Software für die Pharmaindustrie auf den Markt. Die Software sei gemeinsam mit dem Pharma-Konzern Novartis entwickelt worden.
Das insolvente Softwareunternehmen Biodata gibt seinen Widerstand gegen das Delisting vom Neuen Markt auf und wechselt an den Geregelten Markt. Das laufende Verfahren vor einem Schiedsgericht werde nicht weiter verfolgt, sagte Insolvenzverwalter Fritz Westhelle am Donnerstag in Lichtenfels.
Tokios Börse schließt fester
Die Aktienbörse in Tokio hat am Donnerstag fest geschlossen. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte erholte sich nach den schweren Verlusten vom Vortag um 187,04 Punkte oder 1,9 Prozent auf 10.261 Punkte. Am Mittwoch hatte das Börsenbarometer mehr als 400 Punkte verloren. Der breiter gefasste Topix stieg am Donnerstag um 9,77 Punkte oder ein Prozent auf 994 Zähler.
Kurs des Euro gefallen
Der Kurs des Euro ist am Donnerstag gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9824 (Mittwoch: 0,9917) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0179 (1,0084) Euro. Bis 19 Uhr (MESZ) stieg die Einheitswährung wieder leicht auf 0,9874 Euro.
Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6460 (0,6491) Pfund, 118,07 (118,54) Yen und 1,4722 (1,4658) Schweizer Franken fest.