Börsenschluss Euphorie wieder verflogen
Frankfurt am Main/New York Der Dax ist von den schwachen US-Börsen in die Tiefe gezogen worden und hat seine Gewinne wieder abgeben müssen. Beim Schlussgong stand der Leitindex bei 5045 Punkten, ein Minus von 0,5 Prozent. Am Neuen Markt verlor der Nemax 50 rund 0,8 Prozent auf 1154 Zähler. Am Nachmittag wurde das Tageshoch bei knapp unter 1200 Punkten gemessen.
In den USA haben die Aktienmärkte ihre Verluste im Verlauf deutlich ausgeweitet: Der Dow Jones fiel bis zum Handelsschluss in Deutschland um 0,3 Prozent auf 9746 Punkte, die Nasdaq gab 1,8 Prozent auf 1895 Zähler nach. Dabei waren die vor Handelsbeginn veröffentlichten Unternehmensdaten von Amazon.com , Lucent Technologies und der Bank of America gut. Vor allem der Internet-Händler Amazon überraschte die Anleger mit einem Gewinn im vierten Quartal. Auch konnte das Unternehmen die Umsatzerwartungen der Analysten um zehn Prozent übertrumpfen und einen positiven Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr geben. Die Börse honorierte die Zahlen mit einem Plus von über 20 Prozent. Die Lucent-Aktie kletterte um annähernd drei Prozent. Zwar hat der Netzwerk-Ausrüster einen hohen Fehlbetrag ausgewiesen, Analysten sind im Vorfeld jedoch von einem höheren Verlust ausgegangen.
Am Markt kamen jedoch skeptische Stimmen auf, dass die Prognosen der Unternehmen für die kommenden Monate zu optimistisch sein könnten. Auch werde eine weitere Zinssenkung der amerikanischen Notenbank (Fed) unwahrscheinlicher, da sich die Hinweise auf ein allmähliches Ende der konjunkturellen Talfahrt mehrten. Im Dezember stieg das amerikanische Konjunkturbarometer bereits zum dritten Mal in Folge. Mit 1,2 Prozent war die monatliche Zunahme gleichzeitig die stärkste seit Februar 1996. Das teilte das Conference Board, ein Forschungsinstitut der Privatwirtschaft, mit. Der Index der wichtigsten Wirtschaftsdaten war im November nach revidierten Angaben um 0,8 Prozent und im Oktober um 0,1 Prozent gestiegen. "Die Rezession könnte in Kürze vorüber sein", sagte ein Ökonom des Conference Boards, Ken Goldstein. "Drei monatliche Anstiege nacheinander, jeder größer als der vorhergehende, bringt die Indikatoren über den Vor-Rezessions-Stand." Die Fed hatte im vorigen Jahr zur Ankurbelung der Wirtschaft die Leitzinsen elf mal gesenkt, um insgesamt 4,75 Prozentpunkte auf 1,75 Prozent.
"Noch ist kein klarer Trend der Börsen erkennbar", sagte Aktienhändler Ulrich Norde vom Börsenmakler Schnigge. Die Anleger seien weiterhin sehr vorsichtig. Zudem stünden weitere Quartalsberichte an, hieß es. Am Abend wird der US-Mobilfunkkonzern Motorola noch über die jüngste Geschäftsentwicklung berichten. Am Mittwoch werden SAP und Siemens Zahlen vorlegen. Die Mobilfunkfirmen Nokia und Ericsson folgen am Donnerstag und Freitag.
"Der zwischenzeitliche Anstieg im Dax war offensichtlich limitiert. Nach jeder guten Nachricht kommt es schnell wieder zu Gewinnmitnahmen", sagte ein Düsseldorfer Aktienhändler. Zeitweilig hatte der Dax mehr als ein Prozent im Plus gelegen. Gute Nachrichten stimulieren den Markt nach Händlerangaben nur kurzzeitig. "Es bleibt eine Zitterbörse", sagte ein Börsianer.
Volkswagen hält seine Gewinne
Die Papiere von Volkswagen gingen ohne wichtige Unternehmensnachrichten als Tagessieger aus dem Handel. Mit 50,31 Euro kostete die Aktie knapp ein Prozent mehr als am Vorabend.
Verluste dagegen musste der Dialyse-Experte Fresenius Medical Care verbuchen. Die Aktie verbilligte sich um 2,7 Prozent auf 64,10 Euro und litt dabei offenbar unter anhaltenden Gerüchten über einen Rauswurf aus dem Dax. Die als Dax-Aufstiegskandidatin gehandelte Altana-Aktie kletterte im Gegenzug im MDax um 3,6 Prozent auf 59,76 Euro. Zudem hatten die Analysten von Merrill Lynch das Papier am Montag wegen einiger vielversprechender Neuentwicklungen mit "Strong Buy" bestätigt.
Die Technologiewerte haben ihre Gewinne größtenteils wieder abgeben müssen. Die Aktie des Halbleiterherstellers Infineon verteuerte sich am Tag der Hauptversammlung um 0,9 Prozent auf 23,05 Euro. Am Mittag stand das Papier jedoch schon mit deutlich mehr als drei Prozent an der Dax-Spitze. Die aktuelle Aufwärtsbewegung des Aktienkurses sei eine Gegenreaktion auf die jüngsten Verluste, die von der Hoffung auf "bessere Zeiten" genährt würde, sagte ein Händler. "Das ist eine für Infineon unspektakuläre Tagesbewegung, die nicht der Rede Wert ist", sagte Michael Bahlmann, Analyst bei M.M. Warburg. Der Titel des Bauelementeproduzenten Epcos schloss nahezu unverändert bei 45,51 Euro, SAP-Papiere verloren 0,6 Prozent auf 156 Euro. Siemens-Aktien drehten ebenfalls ins Minus und verbilligten sich um 2,2 Prozent auf 68,96 Euro.
Bewegung gab es bei der Aktie der Lufthansa , die sich um 1,6 Prozent auf 17,19 Euro verbilligte und lange Zeit Schlusslicht im Dax war. Spekulationen über einen neuen Streik der Pilotenvereinigung Cockpit - diesmal bei der Tochter City Line - hätten das Papier belastet, sagten Händler. Lufthansa schließt zudem einen Rechtsstreit mit dem Bundeskartellamt nicht aus. Die Behörde hat die Lufthansa-Preise auf den Linienflügen zwischen Berlin-Tegel und Frankfurt/Main ins Visier genommen.
Die Aktien des Autovermieters Sixt haben unter einem möglichen Einstieg von DaimlerChrysler ins Gebrauchtwagen-Geschäft gelitten. Die Aktie verlor 2,1 Prozent auf 11,70 Euro. Das "Handelsblatt" hatte berichtet, der Automobilkonzern DaimlerChrysler starte als erster deutscher Autohersteller ein eigenes Gebrauchtwagen-Geschäft. Ein Daimler-Sprecher hatte der Zeitung gesagt, im März solle die Tochter "Motormeile" in Echingen bei München gegründet werden. Die neue Gesellschaft solle aber nicht nur Mercedes-Modelle, sondern alle Marken verkaufen. Experten werteten diesen Schritt als "Innovation", hieß es. Gleichwohl werde DaimlerChrysler damit seinen eigenen Kunden ins Gehege kommen. So würden die Autovermieter Europcar und der größte Mercedes-Kunde in Deutschland, Sixt, zu einem guten Teil vom Gebrauchtwagen-Geschäft leben. Die Titel vom deutschamerikanischen Autobauer gaben unterdessen um 0,4 Prozent auf 46,05 Euro ab.
Neuer Markt: Keine Chance gegen den Nasdaq-Sog
"Die Umsätze waren wieder schwach und aus irgendeinem Grund haben wir gegen Abend die Lust verloren", sagte ein Händler. "Die Zahlen und Ausblicke der US-Unternehmen waren allesamt besser als dass, was die Börse erwartet hatte", sagte ein anderer Börsianer: Der Kursabschwung zeige, "wie nervös die Börse immer noch ist".
Vor allem Verluste des Schwergewichts Aixtron lasteten auf dem Nemax 50. Die Aktie des Spezialmaschinenbauers verlor mehr als sechs Prozent auf 24,20 Euro, nachdem die Analysten von ABN Amro den Titel auf "Reduzieren" herabgestuft hatten: Es gebe keine Anzeichen, dass sich der Absatzmarkt für die Maschinen für die Halbleiterindustrie schnell verbessere.
Fester präsentierte sich die Aktie von T-Online : Das Papier stieg um 1,8 Prozent auf 12,20 Euro. Die Rhein-Biotec-Aktie pendelte um den Vortagesschlusskurs. Trotz der anhaltenden Übernahmegerüchte um den Impfstoff-Spezialisten blieb die Nachfrage nach den Papieren gering.
Anteilsscheine des Biotechnologieunternehmens Morphosys verteuerten sich um 2,5 Prozent auf 55,80 Euro, nachdem die Münchner die Kernmannschaft des Entwicklungsteams für Antikörper-Medikamente vorgestellt hatten.
Kurs des Euro gefallen
Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,8830 (Montag: 0,8840) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,1325 (1,1312) Euro. Gegen Handelsschluss in Frankfurt notierte die Einheitswährung bei 0,8849 Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6184 (0,6156) Pfund, 118,53 (117,24) Yen und 1,4686 (1,4692) Schweizer Franken fest.