Börsenschluss Flucht in defensive Werte
Frankfurt am Main Der Dax verharrte über nahezu dem gesamten Handelsverlauf im Minus und schloss am Abend 0,7 Prozent schwächer auf 6015 Punkten. Gegen Mittag ist der Blue-Chip-Index sogar kurzzeitig unter die psychologisch wichtige Marke von 6000 Zählern gefallen. Die Talfahrt am Neuen Markt setzte sich ebenfalls fort: Mit einem Minus von 1,9 Prozent auf 1351 Punkten verabschiedete sich der Nemax 50 aus dem Handel. Besser hielten sich die Nebenwerte. Der M-Dax gab leicht um 0,3 Prozent auf 4794 Zähler ab.
Der Handel verlief weitgehend umsatz- und nachrichtenarm. Belastend wirkten sich hingegen noch die Hiobsbotschaften der vergangenen Tage aus. Außerdem fehlten Impulse von den US-Börsen, die an diesem Mittwoch wegen eines Feiertages geschlossen blieben.
"Dahingedümpel ohne Impulse", beschrieb ein Händler das Marktgeschehen. "Keiner weiß so richtig, wo die Reise hingehen soll", fügte er hinzu. In die Kursbewegungen dürfe man deswegen nicht zu viel hinein interpretieren.
Gewinner des Tages war die Aktie von Henkel, die 3,4 Prozent auf 71,07 Euro gewann. Anleger honorierten damit den voraussichtlichen Verkauf der Chemiesparte Cognis. Als aussichtsreichster Kaufkandidat gilt Schroder Ventures. Darüber hinaus hat Henkel-Chef Ulrich Lehner seine Expansionsstrategie bekräftigt.
Im Stimmungstief gefangen waren wieder die Technologiewerte. Größter Verlierer im Dax war die Aktie von Infineon. Die Anteilsscheine sackten um 5,6 Prozent auf 27,50 Euro. Die Aktien von Siemens (minus 2,6 Prozent auf 71,35 Euro) und Epcos (minus zwei Prozent auf 62,28 Euro) verloren ebenfalls deutlich. Neuigkeiten gab es nur bei Siemens, und die waren gemischt: Einerseits will der Konzern 310 Millionen Dollar in Asien investieren, andererseits bei seinem IT-Dienstleister SBS bis Ende 2002 in Deutschland 1600 Stellen streichen.
Die T-Aktie ging mit einem Verlust von 0,4 Prozent auf 27 Euro aus dem Handel. Innenminister Otto Schilys Forderung nach einem sichereren Internet habe den Kurs belastet, sagte ein Händler. Jedoch rechne er mit einem weiteren Anstieg des Kurses, da dieser aus charttechnischer Sicht einen Doppelboden ausgebildet habe.
SAP-Titel sanken um 1,1 Prozent auf 155 Euro. Dabei hat der Walldorfer Softwarehersteller trotz der Gewinnwarnungen der Konkurrenten Broadvision und i2 Technologies an seinen Prognosen festgehalten.
Unter Druck standen auch die Finanztitel. Allianz-Titel verloren 1,1 Prozent auf 332,55 Euro, nachdem die EU-Kommission sich für die Prüfung der Übernahme der Dresdner Bank mehr Zeit nehmen will. Der Münchener Versicherungskonzern will trotzdem an seinem Zeitplan festhalten. Der Dresdner-Kurs gab um 0,5 Prozent auf 52,66 Euro nach.
Unter Abgabedruck standen auch die Anteilsscheine der Commerzbank, die Händlern zufolge unter einer Herunterstufung durch eine Investmentbank litten. Der Bankentitel verringerte sich um 3,3 Prozent auf 28,90 Euro. Händler sagten, dass viele Marktteilnehmer nicht mehr mit einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank am Donnerstag rechneten. Dies belaste den Finanzsektor.
Gegen den Markttrend entwickelten sich die Aktien von BASF, was Händler unter anderem auf die Mitteilungen des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) zurückführten. Danach war der Gesamtumsatz der deutschen Chemie-Industrie im ersten Halbjahr um 5,2 Prozent gestiegen. Zudem teilte der VCI mit, man gehe davon aus, dass die Talsohle der Chemiekonjunktur nun erreicht sein dürfte. Allerdings nahm der Verband seine Prognosen für das Gesamtjahr zurück. BASF-Papiere verteuerten sich um 0,9 Prozent auf 47,09 Euro.
RWE-Papiere setzten mit 1,03 Prozent Zuwachs auf 46,90 Euro ihre Klettertour fort. Der Essener Konzern hatte am Dienstag sein Jahresergebnis vorgestellt und einen Umsatzanstieg um 29 Prozent auf 62 Milliarden Euro bekannt gegeben. Merrill Lynch hat empfohlen, die Aktie zu akkumulieren.
Sommerloch am Neuer Markt
Nach den Skandalen und Enttäuschungen der vergangenen Wochen ist der Neue Markt in der Anlegergunst tief gefallen. "Wir befinden uns schon seit längerem im Sommerloch", sagte ein Händler resigniert. Zudem sei der Vertrauensverlust erheblich. "Es interessiert sich keiner mehr für dieses Marktsegment", fügte er hinzu. "Wenn das so weitergeht, haben wir Ende des Jahres statt rund 400 nur noch 100 Unternehmen am Neuen Markt."
"Wir verzeichnen ein umsatzloses Fallen des Neuen Marktes", beschrieb ein Börsianer die Lage. "Es gibt keine Käufer und da die Nasdaq heute geschlossen ist, fehlen weitere Impulse", sagte ein Händler. Die Meldungen von Gewinnwarnungen und Vorstandswechsel würden zusätzlich belasten. Von den Quartalszahlen würden die Anleger jetzt nicht mehr viel erwarten. "Dann bleibt noch die Frage, ob es schon alle Konkurskandidaten aus dem Index geschüttelt hat", sagte er.
Positive Akzente setzte Highlight Communications. Die Aktien des Film- und Sportrechtehändlers ging als Tagessieger im Nemax 50 mit einem Plus von 4,8 Prozent auf 3,30 Euro aus dem Handel. "Die Anleger nutzen das momentan günstige Einstiegsniveau", sagte ein Händler. Schnäppchenjäger seien unterwegs. Highlight hatte am Dienstag einmalige Sonderabschreibungen von maximal 176 Millionen Schweizer Franken angekündigt, um dem möglichen Verlust der Verwertungsrechte an der Uefa Champions League Rechnung zu tragen. Die Analysten der niederländischen ABN Amro bewerteten die Aktie in einer aktuellen Studie mit "wenigstens 4,20 Euro".
Der Aktienkurs der Articon Integralis brach dagegen um 39,5 Prozent auf 11,20 Euro ein, nachdem der IT-Sicherheitsexperte angekündigt hatte, seine Umsatzplanung für das zweite Quartal zu verfehlen. "Wir glauben, dass eine eindeutig überzogene Reaktion vorliegt", kommentierte Bernd Janssen von UBS Warburg die Kursverluste. "Wir gehen davon aus, dass sich die meisten Aufträge dieses Unternehmens zwar verzögern, nicht aber gestrichen werden", fügte er hinzu.
Gerüchte, die Agentur SinnerSchrader wolle bei der insolventen Kabel New Media einsteigen, ließen den Kurs von Kabel am Mittwoch um 19,6 Prozent auf 0,67 Euro steigen. SinnerSchrader-Aktien dagegen gaben um 5,6 Prozent auf 4,18 Euro nach.
Die Biotech-Firma Morphosys profitierte von einer angekündigten Verlängerung der Zusammenarbeit mit Bayer. Die Anteilsscheine verteuerten sich um 4,4 Prozent auf 45,20 Euro. Gleichzeitig gab das Unternehmen jedoch einen Patentstreit mit dem amerikanischen Mitbewerber Applied Molecular Evolution bekannt.
Die Papiere von Aixtron verloren bei hohen Umsätzen 11,6 Prozent auf 26,49 Euro. "Bei der charttechnisch wichtigen Marke von 26,50 Euro wurden Verkäufe aufgrund von Stopp-Loss-Marken ausgelöst", begründete ein Frankfurter Händler. Danach hätten Käufer wieder zugegriffen und den Kurs zeitweise über die Marke getrieben.
MWG Biotech-Aktien verloren zehn Prozent auf 3,60 Euro, nachdem das Biotechnologieunternehmen den Rücktritt seines Finanzvorstands bekannt gegeben hatte. Es sei "prinzipiell nichts Schönes", wenn der Finanzvorstand abtrete, sagte ein Händler, hielt es aber "für etwas überraschend, dass die Aktie dann gleich so unter Druck kommt". "Am Neuen Markt geht ja öfter mal jemand", konstatierte ein anderer Händler. "Aber wenn man so um die drei Euro notiert, sind die prozentualen Ausschläge gleich viel höher."
Euro verliert wieder
Der Kurs des Euro ist am Mittwoch gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8453 (Dienstag: 0,8497) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,3138 (2,3018) Mark. Am Abend wurde die Währung mit 0,8462 Dollar gehandelt.
Der Euro wurde von schwindenden Hoffnungen auf eine baldige Zinssenkung belastet. EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte am Dienstag gesagt, er habe keine neuen Informationen, die eine Leitzinsänderung rechtfertigten. Die EZB wird am Donnerstagmittag ihren Zinsentscheid bekannt geben.