Börsenschluss Frankfurt: Allianz im freien Fall - DER SPIEGEL
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Börsenschluss Frankfurt Allianz im freien Fall

Massive Kursverluste von Allianz und SAP haben den Dax zum Wochenschluss in den Keller geschickt. Das gesunkene Vertrauen der US-Verbraucher, die lahmende Konjunktur sowie Präsident Bushs Drohungen gegenüber dem Irak lasten auf der Wall Street. Der Dow Jones fällt weiter.
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New York / Frankfurt am Main – Der Einbruch der Allianz-Aktie  , die auf den tiefsten Stand seit neun Jahren gefallen ist, die nahende Pleite von Mobilcom  , die schwachen US-Börsen und die anhaltenden Rezessions- und Kriegsängste haben Anlegern zum Wochenschluss massive Verluste beschert.

Der Dax ging mit einem Minus von 1,8 Prozent auf 3361 Punkte ins Wochenende. Von seinem im August markierten Fünfjahrestief ist der Index noch rund 140 Punkte entfernt. Am Neuen Markt verlor der Nemax 50 3,3 Prozent und schloss bei 425 Punkten, dem tiefsten Schlussstand seit Bestehen des Neuen Marktes. Im März 2000 hatte der Index deutlich über 8000 Punkten notiert.

Ein Bündel von Belastungen

"Freitag der 13. macht seinem Namen alle Ehre", sagte ein Händler in Frankfurt. Angst vor einem Krieg im Irak, die Rückstellungen bei der Allianz, Sorgen um die Bewertung der Beteiligungen in den Unternehmensbilanzen sorgten für ein ganzes Bündel von Belastungen. US-Präsident George W. Bush hatte am Vortag die Vereinten Nationen aufgefordert, bereits in Tagen oder Wochen und nicht erst in einigen Monaten gegen den Irak vorzugehen. Der Ölpreis reagierte mit einem deutlichen Anstieg – Gift für die lahmende Konjunktur.

Allianz-Aktie bald unter 100 Euro?

Im Dax verloren die Papiere des Versicherers Allianz   knapp zehn Prozent auf 100,78 Euro, den tiefsten Stand seit 1993. Die Allianz wird bei ihrer Gruppengesellschaft Fireman's Fund die Reserven für Umweltrisiken in den USA um 750 Millionen Dollar aufstocken: Damit hofft sie, drohende Asbestklagen in den USA abzusichern. Auch Fresenius Medical Care  , der über eine US-Tochter Asbestklagen drohen, gab mehr als sechs Prozent ab und fiel auf 24,25 Euro.

Mit den fallenden Börsen sinkt zudem auch der Substanzwert der Versicherer, die Aktien als stille Reserven halten. In den vergangenen sechs Monaten hat die Allianz an der Börse knapp 48 Milliarden Euro ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Libyens entspricht. Nach Marktgerüchten gehört auch die HypoVereinsbank   zu den Verkäufern. Die Bank benötigt dringend Geld und ist an der Allianz noch mit 4,6 Prozent beteiligt.

Kursrutsch bei SAP und Infineon

Negative Analystenkommentare belasteten auch Infineon   sowie SAP  . SAP-Papiere büßten zuletzt rund fünf Prozent auf 62,25 Euro ein. Die Investmentbank UBS Warburg hat die Titel auf "Hold" von zuvor "Buy" heruntergestuft und das Kursziel von 90 auf 65 Euro gesenkt.

Infineon  -Aktien gingen leicht erholt bei 8,73 Euro aus dem Handel, nachdem sie im Handelsverlauf auf ein Allzeittiefvon 8,52 Euro gefallen waren. Bereits am Vortag hatte das Papier, das im März 2000 zum Preis von 35 Euro emittiert wurde und schnell auf 80 Euro stieg, knapp elf Prozent verloren. Eine nachhaltige Erholung der wichtigen Speicherchippreise sei nicht erkennbar, schrieben die Analysten von M.M. Warburg.

Telekom: Poker um höhere Gebühren?

Die Aktie der Deutsche Telekom   verlor 1,1 Prozent auf 10,47 Euro, obwohl mit der drohenden Pleite von Mobilcom nach Quam ein zweiter UMTS-Wettbewerber wegfällt. Die Telekom will nach Presseangaben angeblich die Grundgebühr um einen Euro anheben und verhandelt darüber mit der Regulierungsbehörde. Beobachter halten es kurz vor der Wahl allerdings für unwahrscheinlich, dass die Behörde ihre Zustimmung dieser Preiserhöhung erteilen wird.

Neuer Markt: Mobilcom vor der Insolvenz

Mobilcom: Wertverlust von rund sieben Milliarden

Am Neuen Markt geht die Talfahrt ungebremst weiter. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der Nemax 50 auch die Marke von 400 nach unten durchschlägt. "Hier toben sich nur noch Spekulanten aus", bemerkte ein Händler. Der Kursverfall sei auch ein Beleg dafür, dass die Deutsche Börse die Probleme am "Wachstumsmarkt" nie in den Griff bekommen habe.

Dramatische Kursverluste mussten die Anteilseigner von Mobilcom   hinnehmen. Das Papier schloss bei 1,12 Euro, nachdem es im Handelsverlauf auf 73 Cent gefallen war. Zuvor hatte der Großaktionär France Telecom   Mobilcom die finanzielle Unterstützung entzogen. Daraufhin kündigte MobilCom-Chef Thorsten Grenz an, das Unternehmen werde einen Insolvenzantrag stellen.

Die Aktie sei nur noch für Zocker interessant, sagten Analysten. Seit Ende Juli 2000, als die Aktie von Mobilcom noch 147,49 Euro kostete, hat das Papier 99,5 Prozent an Wert verloren. Die Marktkapitalisierung fiel in diesem Zeitraum auf rund 35 Millionen Euro von einst rund sieben Milliarden Euro.

US-Vertrauen fällt weiter

Nicht nur schlechte Unternehmensnachrichten von Lucent und Honeywell haben die Kurse an der Wall Street belastet. Auch die Angst vor weiteren Terroranschlägen kehrt zurück: Nach der Festnahme dreier verdächtiger Männer in Florida haben die US-Behörden eine Terrorwarnung veröffentlicht. Zudem ist das Vertrauen der US-Verbraucher, die wichtigste Stütze der US-Wirtschaft, weiter gesunken.

Der Dow Jones gab bis Handelsschluss in Deutschland 0,9 Prozent nach und baute seine Verluste bis 20.30 Uhr auf 1,2 Prozent aus. Der Index notierte unter 8300 Punkten. Der Nasdaq Composite hielt sich am Freitag Abend mit 1283 Zählern noch knapp im Plus.

Die Gewinnwarnung des US-Mischkonzerns Honeywell   und eine Umsatzwarnung des angeschlagenen US-Netzwerkausrüsters Lucent   haben Anleger zu weiteren Verkäufen motiviert, sagten Händler. Honeywell verwies auf das "sehr schwierige wirtschaftliche Umfeld". Lucent rechnet wegen des schwachen Marktes mit einem Umsatzeinbruch von 20 bis 25 Prozent im vierten Geschäftsquartal.

Verbrauchervertrauen drückt auf die Märkte

Auch neue Konjunkturdaten brachten keine Entlastung. Die US-Einzelhandelsumsätze sind im August zwar um 0,8 Prozent gegenüber dem Vormonat und damit etwas stärker als erwartet gestiegen, jedoch ist nach Angaben der Universität Michigan das Vertrauen der US-Verbraucher weiter gesunken. Der Index ist im September auf 86,2 (Vormonat: 87,6) Punkte gefakkeb

Bereits am Donnerstag hatte der Dow Jones um mehr als 200 Punkte nachgegeben. Nach der Rede von US-Präsident George W. Bush vor den Vereinten Nationen wird ein Krieg zwischen den USA und dem Irak immer wahrscheinlicher. Sorgen um die Wirtschaft und die weltpolitische Lage belasten die Märkte.

Nasdaq: Chiptitel unter Druck

Verluste im Halbleitersektor belasten die Nasdaq. Die Investmentbank Lehman Brothers hatte erklärt, die Aktien der Chipausrüster dürften in den kommenden Monaten weiter unter Druck bleiben. Weiterhin hat US-Notenbankchef Alan Greenspan mit seiner Rede vor dem Repräsentantenhaus die Hoffnungen auf einen baldigen Wirtschaftsaufschwung in den USA gebremst. Die Abstufungen zahlreicher Analystenhäuser drückten außerdem auf die deutschen Hightechtitel.

Gute Nachrichten von Motorola und Adobe gehen unter

Der Mobiltelefon- und Chiphersteller Motorola hat die Gewinnprognose für sein Halbleitergeschäft im dritten und vierten Quartal dieses Jahres sowie den Ausblick für die Branche weltweit bekräftigt. Erfreulich auch: Der US-Softwarehersteller Adobe Systems hat im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Gewinn je Aktie von 0,22 Dollar erzielt und damit Analysten-Schätzungen von 0,19 Dollar übertroffen.

Euro gibt im späten Handel nach

An den Devisenmärkten hat sich der Kurs des Euro am Freitag Abend abgeschwächt. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete gegen 19.55 Uhr nur noch 0,9725 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuvor auf 0,9810 (Donnerstag: 0,9757) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 1,0194 (1,0249) Euro.

Die am Freitag veröffentlichten US-Wirtschaftsdaten spiegelten einen interessanten Gegensatz wider, sagte Alexandra Bechtel, Volkswirtin der Commerzbank. Auf der einen Seite seien die amerikanischen Konsumenten deutlich verunsichert, was sich im Index der Universität Michigan für das Verbrauchervertrauen im September zeigte. Andererseits schlage sich diese Stimmung nicht in ihrem Verbraucherverhalten nieder. Das hätten die US-Einzelhandelsumsätze gezeigt. In der Folge habe der Euro deutlich an Wert gegenüber dem Dollar verloren, sagten Händler.