Börsenschluss Hemmungslos abwärts
Frankfurt/New York - Sorgen vor einem erneuten Abgleiten der US-Konjunktur in die Rezession sowie schlechte Unternehmensnachrichten haben am Mittwoch für kräftige Verluste an den deutschen und internationalen Börsen gesorgt. Gleichzeitig zog der Ölpreis wieder an, nachdem die USA ihre Forderung nach einer Ablösung des irakischen Regierungschefs Saddam Hussein bekräftigt hatte.
Oracle und J.P. Morgan als böse Vorboten?
Besonders unter Druck standen die Technologie- und Finanzwerte. Erstere wurden Börsianern zufolge vom zurückhaltenden Ausblick des US-Softwarekonzerns Oracle und letztere von der Ankündigung eines Gewinnrückgangs bei der US-Großbank J.P. Morgan Chase belastet.
Die Aktien beider Unternehmen gaben in New York zu Börsenschluss in Deutschland rund elf Prozent ab. Bei diesen beiden Firmen handele es sich um wichtige Unternehmen ihres Sektors, sagte der Chef-Marktstratege Richard Cripps von Legg Mason Wood Walker. Daher seien ähnliche Negativ-Meldungen von Mitbewerbern zu erwarten.
Zudem belastete Händlern zufolge auch die Angst vor einem zweiten Golfkrieg die Aktienkurse. US-Präsident George W. Bush, der einen Regimewechsel im Irak anstrebt, hatte seine Forderung nach einer umfassenden Irak-Resolution im UNO-Sicherheitsrat bekräftigt.
Dax markiert tiefsten Stand seit mehr als fünf Jahren
Der Dax fiel am Mittwoch um fünf Prozent auf 3124 Punkte. Bei 3111 Zählern hatte er sein Tagestief markiert und damit den tiefsten Stand seit Februar 1997. Mit Verlusten von rund 42 Prozent hat sich der Index seit seinem Jahreshoch vom März schlechter entwickelt als alle anderen europäischen Indizes. Angesichts des bevorstehenden großen Verfallstermins an den Terminmärkten am Freitag sei sogar ein Unterschreiten der Marke von 3000 Punkten nicht auszuschließen, sagten Börsianer. Am Neuen Markt fiel der Nemax 50 erstmals seit Bestehen unter 400 Punkte. Investoren haben sich längst verabschiedet - dort toben sich nur noch Zocker aus.
Zu Handelsschluss in Deutschland gab an der Wall Street der Dow Jones rund ein Prozent auf 8135 Zähler nach. Der Index für die US-Technologiebörse, der Nasdaq Composite, rutschte um 1,3 Prozent auf 1244 Zähler ab. Die nächste Widerstandslinie des Dow Jones sehen Charttechniker bei 7700 Punkten, die des Nasdaq Comoposite liege bei 1206 Punkten. Die Indizes hatten diese Marken Ende Juli bzw. Anfang August markiert.
318 Milliarden Euro Marktkapital im Dax vernichtet
Seit dem Jahreshoch bei 5467 Punkten Mitte März hat der Dax rund 2300 Zähler eingebüßt. Dabei verloren die 30 Dax-Werte zusammen rund 318 Milliarden Euro ihrer Marktkapitalisierung, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Polens entspricht.
In den vergangenen sechs Monaten hat kein europäischer Index schlechter als der Dax abgeschnitten. Während die Athener Börse seit 19. März 2002 "nur" 18 Prozent nachgab und Spitzenreiter im europäischen Vergleich ist, landet der Dax (minus 42 Prozent) hinter dem AEX-Index (Niederlande, minus 38 Prozent) und der Stockholmer Börse (minus 37 Prozent) auf dem letzten Platz.
Abwärtstrend bei den meisten Aktien ungebrochen
"Das Umfeld ist derzeit nicht gut", sagte ein Aktienhändler. Es bleibe die politische Unsicherheit in der Irak-Frage und die Sorge vor einem Rückfall der Konjunktur in die Rezession. Uwe Wagner, charttechnischer Analyst der Deutschen Bank , ergänzte, das Chartbild des Dax sehe mittlerweile sehr kritisch aus. "Es gibt keine sinnvollen Unterstützungslinien mehr und die Abwärtsdynamik ist beachtlich", sagte Wagner. "28 der 30 Dax-Werte sind in einem intakten Abwärtstrend." Vor dem Hintergrund des dreifachen Verfalls an der Terminbörse Eurex am Freitag sei eventuell auch die Marke von 3000 Punkten nicht mehr zu halten.
Epcos im freien Fall
Epcos im freien Fall
Nicht eine Aktie im Dax verbuchte Kursgewinne. Zu den stärksten Kursverlierern in Frankfurt zählten am Mittwoch Finanz- und Technologiewerte. Schwächste Aktie im Dax waren die Papiere von MAN, die 10,50 Prozent auf 16,27 Euro verloren. Die Aktie hatte nach Angaben von Marktbeobachtern bei 18 Euro ein wichtige charttechnische Widerstandslinie nach unten durchschlagen. Danach habe es kein Halten mehr gegeben. Händler begründeten die Verluste allerdings auch mit den schwachen Konjunkturaussichten für Nutzfahrzeuge, die sich auf der Fachmesse IAA abgezeichnet habe.
Nach dem Gewinneinbruch und dem trüben Ausblick von Oracle standen Technologietitel unter Druck. Der Oracle-Konkurrent SAP verlor rund zwei Prozent, der Chiphersteller Infineon mehr als sechs Prozent. Das Papier fiel zeitweise auf ein Allzeittief von 7,75 Euro.
Noch härter traf es die Aktie des Herstellers elektronischer Bauelemente Epcos . Epcos gab zeitweise mehr als zehn Prozent nach, die Aktie schloss unter der 10-Euro-Marke. Auch Siemens musste Verluste von zuletzt mehr als sieben Prozent auf 38,50 Euro hinnehmen.
Finanzwerte schwach - Druck auf Versicherer hält an
Unter den Finanzwerten standen Münchener Rück und HypoVereinsbank (HVM) mit einem Minus von 9,4 Prozent auf 136,80 Euro beziehungsweise neun Prozent auf 17,20 Euro ganz oben auf der Verliererliste. "Alle schwachen Bankwerte folgen der Nachricht von J.P. Morgan. Das ist eine große amerikanische Bank und keine gute Nachricht für den Sektor", sagte ein Marktteilnehmer. Der Versicherer litten derweil auch unter der Kapitalerhöhung des niederländischen Mitbewerbers Aegon und den schlechten Geschäftszahlen von Rentenanstalt/Swiss Life, hieß es.
Im MDax brachen die Aktien von Gildemeister um zehn Prozent auf 4,50 Euro ein. Der Werkzeugmaschinenbauer erwägt eine Reduzierung oder gar Streichung der Dividende für das Geschäftsjahr 2002.
Die Aktien von Porsche verbilligten sich zwar um 3,6 Prozent auf 450,50 Euro, entwickelten sich damit aber besser als der Durchschnitt. Die Branchenindizes für die deutschen und europäischen Autobauer verloren 4,9 beziehungsweise 4,4 Prozent. Der Sportwagenhersteller hatte zuvor mitgeteilt, Gewinn und Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr gesteigert zu haben.
Neuer Markt: Unsicherheit bei Mobilcom
Mobilcom-Aktie im Rückwärtsgang
Der Nemax 50 markierte am Mittwoch mit einem Verlust von mehr als vier Prozent auf 399 Punkte ein Allzeittief, konnte den Verlust zu Handelsschluss aber auf 405 Punkte oder 3,3 Prozent reduzieren. Der Mobilcom-Aktie ist nach dem spektakulären Anstieg vom Wochenbeginn vorerst die Puste ausgegangen. Am Mittwoch gab die Aktie zuletzt erneut mehr als zehn Prozent auf 2,65 Euro nach. Am Montag hatte sich der Aktienkurs des angeschlagenen Unternehmens nach der Zusage der Finanzspritze von 400 Millionen Euro mit einem Anstieg auf 3,26 Euro nahezu verdoppelt. Trotz der Millionenspritze des Bundes bleibt die Zukunft des schwer angeschlagenen Mobilfunkunternehmens ungewiss.
Das am Neuen Markt notierte Telekommunikationsunternehmen 3U Telecom will indessen die Festnetzaktivitäten des Mobilfunkanbieters übernehmen. Wie der Vorstandsvorsitzende Uwe Graul sagte, habe das Unternehmen Mobilcom ein Angebot unterbreitet.
Gold, Öl und der Euro ziehen an
An den Rohstoffmärkten stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl wieder. Die richtungweisenden Erdöl-Sorten Brent und Light Crude verteuerten sich jeweils um rund zwei Prozent auf 28,52 beziehungsweise 29,65 Dollar.
Am Vortag war der Ölpreis noch stark gefallen, nachdem der Irak der bedingungslosen Rückkehr der UN-Rüstungsinspektoren zugestimmt hatte. Dadurch war zunächst Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Streits mit den USA aufgekeimt. Die US-Regierung hatte jedoch das Einlenken des Irak als taktisches Manöver bezeichnet und die Forderung nach einer Ablösung Husseins bekräftigt. Börsianern zufolge ist somit die Gefahr eines US-Militärschlages gegen den Irak nicht gebannt. Von der anhaltenden Krise im Nahen Osten profitierte auch Gold, das in unsicheren Zeiten als sichere Anlage gilt. Der Preis für eine Feinunze kletterte auf etwa 319 Dollar.
Renten wegen Aktienschwäche im Aufwind
Parallel zu den fallenden Aktienmärkten stiegen die Renten kräftig. Der richtungweisende Bund-Future stieg um 18 Ticks auf 112,09 Zähler, nachdem er zuvor mit 112,38 Punkten ein Kontrakthoch markiert hatte. Die zehnjährige Bundesanleihe zog um 12 Basispunkte auf 105,13 Stellen an. "Wir spielen erneut das Spiel schwächerer Aktien und stärkerer Bonds und Futures", sagte Charles Berry von der Landesbank Baden-Württemberg.
Kurs des Euro gestiegen
Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs des Euro bei 0,9725 (Dienstag: 0,9649) Dollar fest. Der Dollar war damit 1,0283 (1,0366) Euro wert. Gegen 20.30 Uhr wurde der Euro mit 0,9792 Dollar gehandelt.