Börsenschluss: "Normalität heißt abwärts" - DER SPIEGEL
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Börsenschluss "Normalität heißt abwärts"

Das Kursmassaker an den Aktienmärkten nimmt kein Ende. Dax und Nemax schlossen tief im Minus. Der Talfahrt der Technologietitel haben sich auch defensive Werte aus der Finanzbranche angeschlossen.
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Frankfurt am Main – Schwache Konjunkturdaten und negative Analystenstimmen zur Technologiebranche haben die Aktienmärkte am Donnerstag in die Knie gezwungen. An einem rabenschwarzen Handelstag schloss der Dax mit einem Minus von 3,4 Prozent auf 4875 Punkten. Das ist der niedrigste Stand seit April 1999. Noch schlimmer erging es dem Neuen Markt. Der Nemax 50 rauschte auf 945 Zähler, ein Minus von 4,7 Prozent. Zuvor notierte der Auswahlindex auf einem Allzeittief von 928,86 Punkten. Der alle Werte umfassende Nemax All Share ging mit einem Verlust von 3,9 Prozent auf 988 Punkten aus dem Handel.

Auch die Börsen in New York präsentierten sich schwach: Der Dow Jones verlor bis zum Handelsschluss in Deutschland 1,7 Prozent auf 9867 Punkte, die Nasdaq gab 2,2 Prozent auf 1719 Zähler ab.

"Wir sind zur Normalität zurückgekehrt - und Normalität heißt abwärts," sagte ein Börsianer. Allein im August war der zusammengerechnete Börsenwert der 30 Dax-Konzerne um rund 100 auf 730 Milliarden Euro geschrumpft. "Wir hatten heute Morgen schon ein Fiasko, und jetzt ist das Fiasko noch größer geworden", sagte ein Händler. "Mir fehlen inzwischen die Worte, und es fehlt mir auch an Begründungen."

Am Nachmittag hat das Motorola-Management noch Öl auf das Feuer gegossen: Der zweitgrößte Handyhersteller der Welt hat seine Prognosen gesenkt und zudem noch weitere Stellenstreichungen angekündigt. Zudem wurden in den USA schwache Konjunkturdaten veröffentlicht. So stiegen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung unerwartet stark. Aber auch die negative Entwicklung des US-Index für das Dienstleistungsgewerbe überraschte den Markt. Der Service-Index der Vereinigung der US-Einkaufsmanager, der an den Finanzmärkten mittlerweile ebenso stark wie der NAPM-Konjunkturindex beachtetet wird, sei auf 45,5 von 48,9 Punkten im Juli und damit auf den historisch tiefsten Stand gefallen, teilte die Vereinigung der US-Einkaufsmanager (NAPM) mit.

SAP reißt den Dax nach unten

Der Dax wurde besonders von den Kursverlusten der Softwareschmiede SAP belastet. Die Aktie ging mit einem Verlust von 9,7 Prozent auf 126,60 Euro aus dem Handel. Analysten schlossen nicht aus, dass auch der Walldorfer Konzern seine Gewinnerwartungen nach unten korrigieren könnte, nachdem am Vortag ein US-Konkurrent vor fallenden Erträgen gewarnt hatte. SAP-Chef Hasso Plattner hatte allerdings bereits am Dienstag gesagt, der Konzern halte an seiner Prognose fest. Ein skeptischer Kommentar von Goldman Sachs zu SAP hat die Situation noch verschlimmert. Die Experten behalten die Aktie zwar auf ihrer Empfehlungsliste, haben sich jedoch zurückhaltend über die Aussichten für das vierte Quartal geäußert.

Die Aktien von Infineon   schlossen 9,2 Prozent leichter auf 21,83 Euro. Die Siemens-Tochter wurde von Gerüchten um den Rivalen Intel   belastet. Händler befürchten, dass der weltgrößte Chiphersteller eine Umsatzwarnung ausgeben könne. Der weltweite Absatz von Chips ist nach Angaben des Branchenverbandes der Halbleiterindustrie (SIA) im Juli um 37 Prozent eingebrochen. Heute nach Börsenschluss in den USA gibt Intel einen Überblick über die Geschäfte im dritten Quartal.

Die Papiere von Siemens   (minus 3,9 Prozent auf 50,95 Prozent) und Epcos   (minus 7,6 Prozent auf 38,75 Euro) standen ebenfalls deutlich unter Druck. Die T-Aktie   verlor 2,2 Prozent auf 15,51 Euro.

Lediglich drei Dax-Titel konnten sich dem Abwärtstrend entziehen: Die Gewinnerliste wurde angeführt von den Aktien der Fresenius Medical Care   (plus 2,4 Prozent auf 92,91 Euro), gefolgt von Linde   (plus 1,7 Prozent auf 48 Euro) und DaimlerChrysler   (plus 0,3 Prozent auf 48 Euro).

Schwergewichte der Finanzbranche wie Allianz   , Münchener Rück   und Deutsche Bank   mussten erneut herbe Verluste hinnehmen. Die Aktie der Deutschen Bank schloss unter der 71-Euro-Marke. Das Bankhaus will die Fondsgesellschaft Zurich Scudder Investments für 2,5 bis drei Milliarden Dollar kaufen. Allianz notieren ebenso wie die Münchener Rück mit Verlusten von mehr als fünf Prozent.

Der Aktienkurs der im MDax gelisteten ProSiebenSat.1 brach um 16,5 Prozent auf 9,90 Euro ein. Händler erklärten die Verluste mit Medienberichten, wonach Leo Kirch offenbar eine Neuordnung seiner Gruppe plane. Zudem belaste eine Herabstufung der Investmentbank Merrill Lynch den Titel. Die Analysten hatten langfristige Einschätzung des Papiers von "Kaufen" auf "Neutral" heruntergestuft. Demnach messen sie der Aktie nur ein begrenztes Wertsteigerungspotenzial bei.

Neuer Markt: Schwergewichte unter Druck

Am Neuen Markt ist der Nemax 50 auf ein Rekordtief gefallen, der Nemax All Share verlor den Kampf mit der 1000-Punkte-Marke. Kursverluste der Schwergewichte lasteten bleischwer auf den Indizes. Die Aktien von T-Online   sackten um 5,8 Prozent auf 6,71 Euro. Intershop   -Papiere fielen um über 13 Prozent auf 1,59 Euro. Die Aktien der SAP SI   sind unter ihren Ausgabekurs von 19 Euro gesunken und wurden zum Handelsschluss mit 17,50 Euro gehandelt.

Kurs des Euro weiter gefallen

Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8855 (Mittwoch: 0,8891) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,2087 (2,1998) Mark. Gegen Handelsschluss in Frankfurt wurde der Euro dank schwacher US-Konjunkturdaten wieder stärker und mit 0,8958 Dollar gehandelt.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6109 (0,6148) Pfund, 107,36 (106,93) Yen und 1,5115 (1,5101) Schweizer Franken fest.