Börsenschluss: Partystimmung auf dem Parkett - DER SPIEGEL
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Börsenschluss Partystimmung auf dem Parkett

Ob Trendwende oder nicht - nach den kräftigen Gewinnen vom Dienstag dürfte es zumindest kurzfristig weiter nach oben gehen. Mut macht, dass auch deutsche Publikumsfonds zu den Käufern zählen, sagen Händler.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main – Spektakuläre Kursgewinne bei Finanz- und Technologiewerten sowie eine starke Wall Street haben die deutschen Aktienmärkte am Dienstag in die Höhe schießen lassen. Der Dax schloss mit einem Plus von sieben Prozent auf Tageshoch bei 3048 Punkten. Am längst für tot erklärten Neuen Markt kletterte der Auswahlindex Nemax 50 um 12,4 Prozent auf 401 Zählern.

An der Wall Street trieben besser als erwartete Unternehmensdaten die Indizes an. Der Dow Jones rückte zu Handelsschluss in Deutschland um 3,8 Prozent vor und stand gegen 20.35 Uhr mit 4,2 Prozent auf 8207 Zähler im Plus. Der Index für die US-Technologiebörse, der Nasdaq-Composite, verbesserte sich um 4,4 Prozent auf 1274 Punkte.

Investoren und Händler in Partystimmung

"Hier wird eine regelrechte Party gefeiert", sagte Aktienhändler Norbert Empting vom Handelshaus Schnigge. Von einer Trendwende wollte er indes noch nicht sprechen. "Fundamental hat sich nicht viel geändert, geschweige denn verbessert", ergänzte Empting mit Blick auf die von der Regierung geplante generelle Besteuerung von Aktiengewinnen und überraschend schlechte Konjunkturaussichten für Deutschland.

Aktienstrategen sprachen von einer Erholung, die sich zwar fortsetzen könne, in erster Linie aber eine Reaktion auf die Verluste der Vormonate darstelle. Dementsprechend zählten in Frankfurt erneut die Titel der Finanz- und Technologiebranche zu den stärksten Kursgewinnern. Diese hatten in der vorherigen Abwärtsbewegung am meisten gelitten.

"Solange die anstehende Berichtssaison zum dritten Quartal keine extrem negativen Überraschungen bringt, dürften die Märkte in den kommenden Wochen weiter nach oben laufen", meinte auch ein Analyst. Dabei könne der Dax durchaus in Richtung 3200/3400 Punkte anziehen. Spätestens dann sei aber mit nachhaltigeren Gewinnmitnahmen zu rechnen.

Fundamental sei der Dax deutlich unterbewertet, was für weitere Kursgewinne spreche, hieß es von anderer Seite. "Innerhalb der nächsten zwölf Monate kann der Dax bis auf 4500 Punkte steigen", sagte Gertrud Traud, Aktienstrategin bei der Bankgesellschaft Berlin. Der Markt habe zuletzt einfach massiv nach unten übertrieben, förmlich einen Weltuntergang und eine Deflation befürchtet. "So schlimm wird es aber nicht kommen, weswegen sich jetzt die Kurse erholen", ergänzte Traud. Für die USA und Europa sei eine Wachstumsdelle, aber keine erneute Rezession zu erwarten. Deswegen habe der Dax allein seit Mittwoch rund 20 Prozent an Wert zugelegt.

MLP legt riesigen Endspurt hin

Frankfurt: Finanzwerte stemmten sich gegen Abstufungen

Im Frankfurter Handel erfreuten sich die Anteilsscheine der Finanzbranche besonderer Beliebtheit. Die Aktien der Versicherer Münchener Rück   und Allianz   verteuerten sich um rund 13 bzw. knapp neun Prozent. Die Titel der HypoVereinsbank  , der Deutsche Bank   und der Commerzbank   kletterten zwischen rund zwölf und sieben Prozent.

"Die Zahlen der Citigroup   helfen dem Sektor", sagte ein Börsianer. Der größte US-Bankkonzern hat seinen Gewinn im abgelaufenen Quartal um fast ein Viertel gesteigert und damit die Erwartungen der Analysten leicht übertroffen. "Die Anleger wollen ihre Cashbestände einfach investieren. Das können auch die zahlreiche Herunterstufungen nicht verhindern", sagte ein Händler. Unter anderem hatte die schweizerische Investmentbank UBS den europäischen Bankensektor heruntergestuft. In Frankfurt hieß es, unter den Großinvestoren seien auch deutsche Publikumsfonds am Start.

MLP stiegen um fast 30 Prozent

Bei MLP   interpretierten Händler den Kursanstieg von rund 29 Prozent auf 9,25 Euro übereinstimmend als Erholung von den massiven Verlusten in den Vormonaten. "Es kommt wieder etwas Vertrauen in den Markt, Anschlusskäufe sind erkennbar und schon steigt die Aktie rasant", sagte ein Händler einer Frankfurter Großbank. Auch helfe eine vor Gericht erwirkte Einstweilige Verfügung gegen das Magazin "Focus". Danach darf das Magazin nicht mehr behaupten, MLP-Aufsichtsratschef Manfred Lautenschläger habe seine Tochter über MLP bei der Kölner Gerling Leben für eine Milliarde Euro versichert. MLP habe mit der fälligen Provision von 60 Millionen Euro den Gewinn aufgebessert. 2002 seien der Antrag wieder zurückgezogen und die Provision zurückgegeben worden. "Focus" kündigte gegen die Verfügung Widerspruch an. "

Techwerte: Ist das Schlimmste vorbei?

Nicht minder stark zogen die Aktien der Technologiebranche an. Die Papiere von Siemens  , Infineon  , Epcos   und SAP   verteuerten sich zwischen rund elf und acht Prozent. "Einige Investoren kommen offenbar zu der Einschätzung, dass das Schlimmste bei den Technologiewerten vorbei ist", sagte Peter Lüdke, Händler bei Merck Finck. Am Dienstag hatte unter anderem Europas größter Unterhaltungselektronikkonzern Philips   für das abgelaufene Quartal einen deutlich reduzierten Verlust ausgewiesen und damit die Marktprognosen geschlagen.

Die PKW-Zulassungszahlen im Westeuropa haben sich im September um 0,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat leicht erholt, was die Automobilwerte stützte. Der mögliche Streik bei DaimlerChrysler   in Kanada habe keine Auswirkungen, sagen Händler. Der Einfluss auf das operative Geschäft durch einen Ausstand in dem kanadischen Werk sei begrenzt. Das "Wall Street Journal" berichtet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Streiks im kanadischen Werk von DaimlerChrysler höher geworden ist.

DaimlerChrysler gewannen mehr als sieben Prozent auf 35,88 Euro, BMW   5,80 Prozent und Volkswagen   6,40 Prozent auf 39 Euro.

Neuer Markt geht durch die Decke

Neuer Markt geht durch die Decke

Der von vielen Börsianern totgesagte Neue Markt hat den Anlegern am Dienstag spektakuläre Kursgewinne beschert. Bei überdurchschnittlich hohen Umsätzen erfreuten sich besonders die Aktien des angeschlagenen Mobilfunkunternehmens Mobilcom   großer Nachfrage.

Zeitweilig betrugen die Gewinne des Auswahlindex des Neuen Marktes Nemax50 knapp 14 Prozent. Das ist der höchste Stand seit mehr als vier Wochen. Angesichts rapide fallender Kurse hatten die meisten Marktteilnehmern dem Wachstumssegment zuletzt keine Zukunft mehr bescheinigt. Die Deutsche Börse AG hatte beschlossen, den Neuen Markt aufzulösen. Der Index schloss schließlich 12,4 Prozent fester auf 401 Zählern.

"Die Verluste am Neuen Markt waren in den Vormonaten noch drastischer als bei den Standardwerten. Deswegen erholt sich der Markt nun auch überproportional stark", sagte die Aktienstrategin Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin. "Es gibt noch einige solide Firmen, die deutlich unterbewertet sind", ergänzte Traud, die exemplarisch die Firmen Mühlbauer Holding   und Singulus   anführte.

Bei hohen Umsätzen legten die Mobilcom  -Aktien rund 32 Prozent auf 3,95 Euro zu. Börsianer begründeten den rasanten Kursanstieg der Aktien mit einem erneuten Zahlungsaufschub durch die Banken und Spekulationen über eine Einigung mit dem Großaktionär France Telecom.

Auch die Titel des Chip-Händlers CE Consumer   zogen weiter an. Sie legten knapp 33 Prozent auf 1,72 Euro zu. Bereits am Montag hatten sich die Titel um 38,3 Prozent verteuert. "Das sind spekulative Käufe in der Hoffnung auf bessere Zeiten", sagte ein Börsianer. Am Montag hatte das Unternehmen Quartalszahlen vorgelegt. Demnach erwarten die Münchener im Schlussquartal 2002 leichte Gewinne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, allerdings auch rote Zahlen für das Gesamtjahr.

"Die Zahlen haben unsere Erwartungen deutlich verfehlt, und der Ausblick ist nicht besonders ambitioniert", sagte Tobias Popovic, der das Unternehmen für die DZ Bank analysiert. Fundamental sei die Kursentwicklung kaum zu erklären.

Händler sagten, er werde insgesamt auf Grund der guten Stimmung am Markt und der starken Vorgaben von der US-Technologiebörse Nasdaq gekauft. Die Nasdaq legte am Dienstag mehr als vier Prozent zu. Davon profitierten in Frankfurt vor allem Werte der Halbleiterbranche. So stiegen die Titel von Aixtron   um mehr als 28 Prozent auf 5,91 Euro. Auch die Anteilsscheine von Süss Microtec   legten knapp 21 Prozent auf 3,30 Euro zu.

Wall Street am Abend: Finanztitel stark gefragt

"Darauf haben die Investoren lange gewartet", so ein Teilnehmer. Die Befürchtung enttäuschender Daten habe sich mit dem Auftakt der Saison nicht erfüllt. Die Quartalsberichtssaison werde auch noch in den nächsten Wochen im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Sollten die Zahlen in diesem Stil weiter ausfallen, sei eine nachhaltige Erholung der Märkte wahrscheinlich. Noch sei es allerdings zu früh, darüber ein Urteil abzugeben. Es handele sich bislang lediglich um eine technische Reaktion in einem überverkauften Markt.

Wall Street: Viele Ergebnisse über den Erwartungen

Citigroup   stiegen zu Handelsschluss in Deutschland um mehr als elf Prozent auf 33,30 Dollar. Das Finanzinstitut hat mit einem Ergebnis pro Aktie von 0,74 Dollar im dritten Quartal die Erwartungen des Marktes um 0,01 Dollar übertroffen. Zuletzt stand die Aktie auf Grund behördlicher Untersuchungen wegen zu positiver Analystenreporte stark unter Druck. Auch Banc of America   konnte bessere als die prognostizierten Zahlen vorlegen. Im Gefolge kletterten auch J.P. Morgan Chase   um rund zehn Prozent auf 18,58 Dollar.

General Motors   hat vor Sondereffekten den Gewinn je Aktie im dritten Quartal von 0,94 Cent auf 1,24 Dollar gesteigert. Erwartet worden war lediglich ein Plus von 99 Cent. Die Aktie kletterte um rund sieben Prozent.

Der Konsumgüterproduzent Johnson & Johnson   hat den Quartalsgewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 49 auf 60 Cent gesteigert. Das war ein Cent mehr als von den Börsianern erwartet. Der Aktie verteuerte sich um zwei Prozent auf knapp 59 Dollar.

Der Kurs des Euro ist am Dienstag gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9810 (Montag: 0,9873) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0194 (1,0129) Euro. Gegen 20.30 Uhr wurde der Euro mit 0,98 Dollar gehandelt.