Börsenschluss: "Raus aus den Märkten" - DER SPIEGEL
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Börsenschluss "Raus aus den Märkten"

Dax und Nemax haben mit massiven Kursverlusten eine katastrophale Börsenwoche beendet. Der Blue-Chip-Index ist auf den tiefsten Stand seit 30 Monaten gefallen. Am Neuen Markt gehen langsam die Lichter aus.
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Frankfurt am Main – Schwache Arbeitsmarktdaten aus den USA haben den Händlern in Frankfurt den Wochenausklang vermiest. Im Sog massiver Verluste der Wall Street fielen der Dax und der Nemax tief in den roten Bereich. Der Blue-Chip-Index schloss nahe seines Tagestiefs rund drei Prozent schwächer bei 4730 Punkten. Damit durchbrach der Dax die wichtige Unterstützungslinie bei 4800 Zählern mühelos. Ähnlich drastisch war der Kursverfall am Neuen Markt. Der Nemax 50 gab 1,5 Prozent auf 931 Punkte nach.

Auch in den USA drückten die schwachen Arbeitsmarktdaten auf die Kurse: Gegen Börsenschluss in Deutschland notierte der Dow Jones auf 9601 Punkten, das war ein Minus von 2,4 Prozent. Die Nasdaq gab nach einem kurzen Ausflug ins Plus deutlich nach und verlor 0,9 Prozent auf 1690 Zähler.

Auslöser der Talfahrt: Die Arbeitslosigkeit in den USA nimmt nach einer anhaltenden Serie von Entlassungen weiter zu. Im August kletterte die Quote auf 4,9 Prozent nach 4,5 Prozent im Vormonat und erreichte damit den höchsten Stand seit vier Jahren, wie das Arbeitsministerium in Washington am Freitag mitteilte. Analysten hatten einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 4,6 Prozent erwartet. Konjunkturexperten zeigten sich besonders über den drastischen Stellenabbau im Verarbeitenden Gewerbe besorgt. Hier wurden im August 141.000 Jobs weniger verzeichnet - der größte Rückgang seit Juli 1998. Einen Stellenzuwachs verzeichnete dagegen der Dienstleistungssektor.

Die Reaktionen der Händler reichten von Kopfschütteln über Verständnislosigkeit bis zu kühlen Erklärungsversuchen. Nach den überraschend hohen Arbeitslosenzahlen in den USA habe der Verkaufsdruck nicht nachgelassen, hieß es. Kurz vor dem Wochenende wollten viele Anleger daher "noch raus aus den Märkten".

Die am Vortag arg gebeutelten Technologiewerte blieben am Freitag von dem Kursrutsch weitgehend verschont. Zum einen hatte der Chipriese Intel   seine Prognosen bestätigt, zum anderen stärkte Goldman Sachs mit einer positiven Studie zum Halbleitersektor die Branche. In Frankfurt profitierten davon vor allem die Aktien von Infineon   (plus zwei Prozent auf 22,27 Euro), die als Tagessieger aus dem Handel gingen. Die Aktien von Epcos   (minus 2,3 Prozent auf 37,85 Euro) rutschten erst im späten Handel ab, die Titel der Konzernmutter Siemens   (minus 5,1 Prozent auf 48,35 Euro) mussten ebenfalls deutlich Federn lassen.

Deutlich im Plus hielt sich dagegen die Aktie der Softwareschmiede SAP. Das in den vergangenen Handelstagen arg gebeutelte Papier legte zum Wochenschluss 1,9 Prozent auf 129,06 Euro zu.

Die Telekombranche wurde von neuen Zweifeln über die UMTS-Technologie belastet. Der weltgrößte Mobilfunkanbieter Vodafone musste technische Probleme bei der Einführung der neuen Technologie einräumen. Statt der angekündigten Breitband-Anwendungen werden vorerst wohl nur Schmalspurlösungen angeboten. Europaweit sind die Telekom-Titel daraufhin in den Keller gerauscht. Die T-Aktie   (minus 3,2 Prozent auf 15,02 Euro) wurde zudem von der Nachricht belastet, dass sich Goldman Sachs von einem großen Paket der Titel getrennt habe.

Finanzwerte blieben wie schon am Vortag unter Druck. Gerüchte, die Deutsche Bank   werde seine Vermögensverwaltung (Asset Management) ausbauen und im Gegenzug das Versicherungsgeschäft reduzieren, belasteten die Aktie stark. Die Deutsche Bank und die Zürich-Gruppe stehen nach Angaben der "Financial Times Deutschland" vor einem Tauschgeschäft, mit dem die Deutsche Bank sich aus dem operativen Versicherungsgeschäft verabschieden würde.

Auch die Aktien der Allianz   und Münchener Rück   gaben weiter nach. Größter Verlierer im Dax war der Finanzdienstleister MLP   , der seit seinem Aufstieg in den Dax ein Kursdebakel erlebt. Die Aktie verbilligte sich am Freitag um 7,4 Prozent auf 58,34 Euro.

Die Commerzbank   gab mit dem Sektor nach. Marktkreisen in London zufolge soll die italienische Unicredito an diesem Wochenende ein Angebot für die Commerzbank vorlegen. Als möglicher Preis wurde 26,05 Euro je Commerzbank-Aktie oder 6,13 Unicredito-Titel genannt. Unicredito wollte dies bislang nicht kommentieren. Frankfurter Bankenkreise hielten das Marktgerücht für wenig überzeugend, zumal der Preis für die Investorengruppe Cobra nicht attraktiv sein dürfte.

Die Autowerte notierten uneinheitlich. Die Aktie von Volkswagen   legte rund ein Prozent auf 49,67 Euro zu. Der Wert profitierte von der Ankündigung, dass der ehemalige BMW-Chef Bernd Pischetsrieder die Nachfolge von Ferdinand Piëch antreten wird. Die Aktien von BMW   (minus 2,4 Prozent auf 36 Euro) und DaimlerChrysler   (minus 6,7 Prozent auf 44,80 Euro) präsentierten sich hingegen sehr schwach.

Neuer Markt: Keine Reaktion auf Impulse

"Die Stimmung am Markt ist lustig," sagte ein Frankfurter Händler. Die Kurse gingen hoch und runter ohne dabei nachvollziehbar auf äußere Impulse zu reagieren, hieß es. Die höher als erwartet ausgefallenen Arbeitslosenzahlen in den USA hätten die Indizes nur sehr kurzfristig und nicht deutlich nach unten gedrückt. "Der Neue Markt reagiert nicht mehr auf schlechte Nachrichten," sagte der Händler. "Möglicherweise deutet das tatsächlich auf eine Bodenbildungsphase hin."

Im Nemax 50 konnten Broadvision   und Pixelpark   trotz der schlechten Nachrichten aus New York ihre Gewinne verteidigen. Auch T-Online   schloss etwas fester. Am Ende des Index notierten EM.TV   , Lambda   und Umweltkontor   . Auch das Biotechnologie-Schwergewicht Qiagen   musste Verluste hinnehmen.

Fusion mit KirchMedia läßt ProSieben abstürzen

Medienmogul Leo Kirch bringt sein Kerngeschäft durch eine Fusion mit dem ProSieben-Konzern im kommenden Jahr an die Börse. ProSiebenSat1 Media wird dazu auf die Muttergesellschaft KirchMedia verschmolzen. Wenn der Beschluss bis spätestens Ende Juni 2002 umgesetzt wird, wird es die derzeit im MDax notierte ProSiebenSAT.1-Aktie nicht mehr geben. Stattdessen soll die neue KirchMedia an der Börse gelistet werden. Die Aktie von ProSiebenSat1 brach um knapp 20 Prozent ein. Schon am Donnerstag gab der Titel zweistellig nach.

Euro gewinnt nach US-Arbeitsmarktbericht einen vollen Cent

Der Euro hat nach Veröffentlichung der enttäuschenden US-Arbeitsmarktbericht zeitweise einen vollen Cent auf Kurse um 0,9054 Dollar gewonnen. Im Verlauf gab der Kurs wieder geringfügig nach. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Mittag auf 0,8952 (Donnerstag: 0,8855) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,1848 (2,2087) Mark. Gegen Handelsschluss in Frankfurt kostete der Euro 0,9047 Dollar.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,6161 (0,6109) Pfund, 108,32 (107,36) Yen und 1,5118 (1,5115) Schweizer Franken fest.