Börsenschluss Unterstützung aus New York
Frankfurt am Main - Der Dax hat sich von den herben Kurseinbrüchen im Handelsverlauf erholen können und schloss auf 4936 Punkten, ein Minus von knapp einem Prozent. Das Tagestief wurde zuvor bei 4869 Zählern gemessen, der tiefste Stand im laufenden Jahr. Der Nemax 50 verlor rund 2,4 Prozent auf 1091 Zähler.
Die New Yorker Börsen haben nach einem äußerst schwachen Start wieder an Kraft gewonnen und kletterten ins Plus. Zum Handelsschluss in Frankfurt notierte der Dow Jones bei 9731 Punkten, ein Plus von 0,5 Prozent. Die Nasdaq präsentierte sich 0,1 Prozent fester auf 1857 Zählern.
Händler machten für die frühen Kursrückgänge vor allem die Warnung von Ciena verantwortlich. Der Netzwerkausrüster erwartet für das erste Quartal schlechte Zahlen. Zudem fiel der US-Geschäftsaktivitäts-Index für das nicht-verarbeitende Gewerbe des Institute für Supply Management (ISM-Index) im Januar deutlich niedriger aus, als von Analysten erwartet. Der Index fiel auf 49,6 Punkte nach revidierten 50,1 Punkten im Dezember. Das sind alles keine guten Nachrichten für die Anleger, die wegen des Enron-Skandals ohnehin noch skeptisch genug seien, berichteten Händler.
Die Bankentitel haben trotz der späten Kurserholung noch tief im Minus geschlossen. So setzte die HypoVereinsbank ihre Talfahrt vom Vortag fort und verlor 3,8 Prozent auf 33,88 Euro. Titel der Deutschen Bank gaben 3,3 Prozent auf 67,50 Euro nach. Die niedrige Börsenbewertung stelle inzwischen eine Übernahmegefahr für das Unternehmen dar, sagte Vorstandschef Rolf Breuer zuvor in einem Zeitungsinterview.
Die Commerzbank (minus 1,2 Prozent auf 18,75 Euro), die nach Vorlage ihrer Jahresbilanz deutlich weniger Dividende zahlen will, gab weiter nach. UBS Warburg bewertet nach den Zahlen die Aktie weiterhin mit "neutral", senkte allerdings das Kursziel von 20 auf 17,50 Euro. MLP-Anteilsscheine verbilligten sich um 4,4 Prozent auf 63,55 Euro. Händler erklärten den Kursrutsch mit der undurchsichtigen Bilanz des Finanzdienstleisters. Seit dem Enron-Debakel würde ein verwirrendes Zahlenwerk zunehmend für Skepsis sorgen, hieß es.
Schering-Aktien hielten sich dagegen im Plus und legten 1,6 Prozent auf 66,01 Euro zu. Der Pharmakonzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr Gewinn und Umsatz deutlich gesteigert. "Die Zahlen lagen leicht über den Schätzungen", sagte Ulrich Huwald, Pharma-Analyst bei M.M. Warburg. Ob Schering die Dividende über die bereits angedeuteten 0,80 Euro pro Aktie anhebe, sei nicht klar, sagte ein Analyst. Nach den Dividendenkürzungen bei einigen Dax-Unternehmen wäre dies jedoch ein Appetithappen für die Aktionäre. Gewinner des Tages war Metro . Ohne Unternehmensnachrichten verteuerten sich die Titel um zwei Prozent auf 39 Euro.
Papiere des Reisekonzerns Preussag verloren den zweiten Tag in Folge deutlich und gaben um 2,7 Prozent auf 32,68 Euro ab. "Auf dem Markt ist ein großer Verkäufer aktiv, der den Kurs mit seinen Aufträgen nach unten drückt", sagte ein Händler in Hamburg. Auch charttechnisch sei der Wert angeschlagen, fügte ein anderer Börsianer hinzu. Preussag sei an der Widerstandsmarke von 35 Euro abgeprallt und befinde sich seitdem im "freien Fall". Unterstützung werde die Aktie erst wieder im Bereich von 28 bis 30 Euro finden.
Aktien der Lufthansa gaben um 1,2 Prozent auf 16,90 Euro ab. Händler erklärten die Verluste mit den Zahlen des irischen Konkurrenten Ryanair. Der Billigflieger hat im dritten Quartal einen Rekordgewinn von 28,8 Millionen Euro erzielt. Das entspricht einer Steigerung von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. "Solche Zahlen lassen bei vielen Investoren offenbar Ängste aufkommen, dass die Iren der Lufthansa Marktanteile abjagen", sagte ein Händler in Frankfurt.
Im MDax bröckelte der Kurs der ProSiebenSat.1-Aktie um 6,3 Prozent auf 4,50 Euro. Zuvor hatte der Vorstandschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, in einem Fernsehinterview gesagt, der Finanzsektor sei "unter den derzeitigen Umständen nicht bereit, weiteres Kapital (für Kirch) zur Verfügung zu stellen". Der bereits hoch verschuldeten KirchGruppe stehen in diesem Jahr möglicherweise milliardenschwere Forderungen ins Haus. "Die Aktie hat schon immer auf solche Meldungen im Zusammenhang mit Kirch reagiert", sagte ein Händler in Frankfurt. Der mögliche weitere Einstieg des Rechtehändlers Rupert Murdoch in den defizitären Bezahlfernsehsender "Premiere" habe die Aktie an den Vortagen auf mehr fünf Euro getrieben.
Nach der Aussage Breuers wird Händlern zufolge die Luft für Kirch dünner: "Bisher hat sich Kirch immer aus solchen Situationen gerettet, dachten die Börsianer bisher", sagte ein Frankfurter Marktbeobachter. Nachdem die Bayerische Landesbank - auch unter dem Einfluss von Kanzlerkandidaten Eduard Stoiber - bisher bereitwillig Kredite vergeben habe, "ist diese Pipeline jetzt wohl auch verstopft". Die Bayern-LB ist laut "Handelsblatt" derzeit mit einem Volumen von 1,5 bis zwei Milliarden Euro bei Kirch engagiert und will Zeitungsberichten zufolge keine weiteren Gelder bereitstellen. "Die heutige Kursbewegung ist rein von der Angst getrieben", sagte ein weiterer Händler einer Großbank. Obwohl die finanziellen Engpässe bekannt seien und auch der Streit zwischen der Axel Springer und deren Aktionär Kirch bereits vorher eskaliert sei, habe erst das Breuer-Interview zu dem Kursrutsch geführt. "Jetzt ist wohl jedem klar geworden, wie ernst es um Kirch steht, obwohl die ProSieben-Aktie davon ja nur mittelbar betroffen ist", sagte der Händler.
Nervöser Handel am Neuen Markt
Ein Frankfurter Händler sprach von einem "äußerst nervösen" Handel. Der Neue Markt habe sämtliche Bewegungen mitgemacht, die aus den USA kamen, waren sich die Börsenexperten einig. Nach dem Auftakt der Nasdaq war der Neue Markt zunächst deutlich in die Knie gegangen, hatte sich dann aber im selben Fahrwasser wieder erholt. Das Vertrauen der Anleger sei auf Grund der Gerüchte in den USA über mögliche weitere Unregelmäßigkeiten in den Unternehmensbüchern auf dem Rückzug, sagte ein anderer Händler.
Größter Verlierer im Nemax 50 war das Papier von Rhein Biotech . Die Titel verloren 12,6 Prozent auf 52 Euro. Bereits an den beiden Handelstagen zuvor war die Aktie um insgesamt 15 Prozent abgesackt. "Es gibt institutionelle Investoren, die aggressiv verkaufen", begründete ein Händler den Kursrutsch.
Carrier-1-Anteilsscheine reduzierten ihre Verluste auf minus 9,6 Prozent. Zuvor rutschte die Aktie um mehr als 13 Prozent auf 0,63 Euro. Schon am Vortag brachen die Titel des angeschlagenen Telekommunikations-Ausrüsters bei hohen Umsätzen um über 40 Prozent ein, nachdem das Unternehmen zuvor bekannt gegeben hatte, es könne wegen rechtlicher Probleme ein Anleihenrückkaufprogramm nicht durchführen.
"Die Zahlen haben nicht negativ überrascht - und das ist doch auch schon etwas", sagte ein Händler nach Veröffentlichung der vorläufigen Jahresumsätze bei Pfeiffer Vacuum . Die Aktie des Spezialisten für Vakuumtechnik gab im frühen Handel nach, erholte sich zum Abend aber wieder auf den Vortagesschlusskurs bei 36 Euro.
Zu den wenigen Gewinnern zählten die Titel von Comroad (plus sechs Prozent auf 7,47 Euro) und IM Internationalmedia (plus 2,1 Prozent auf 19,30 Euro).
Kurs des Euro gestiegen
Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,8683 (Montag: 0,8644) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,1517 (1,1569) Euro. Bis zum Handelsschluss in Frankfurt verlor die Einheitswährung wieder leicht auf 0,8657 Euro.