Börsenschluss Verkaufsorgie am Neuen Markt
Frankfurt am Main Trotz einer schwachen Eröffnung der Wall Street konnten die deutschen Börsen ihre Verluste bis Handelsschluss etwas begrenzen. Das Minus fiel dennoch deutlich aus: Der Dax verlor 3,6 Prozent auf 5553 Zähler. Einen noch kräftigeren Abschwung erlebte der Neue Markt. Der Nemax-50 gab um 8,7 Prozent auf 1309 Stellen nach. Vergleichsweise gering büßte der M-Dax 2,48 Prozent auf 4463 Punkte ein.
In den USA notierte der Dow Jones zum Handelsschluss in Deutschland mit 3,5 Prozent auf 9531 Punkten im Minus. Die Nasdaq rutschte um 8,5 Prozent auf 1682 Zähler in den Keller. Die miese Stimmung in Amerika wurde von einer Reihe von Gewinnwarnungen und den diplomatischen Spannungen zwischen Washington und Peking angeheizt.
So drückten die negativen Unternehmensnachrichten von Ariba und Broadvision die Wall Street von Beginn an nach unten. Zwischenzeitlich hatte der Dow mehr als 210 Punkte verloren. Daraufhin wurde der Handel aufgrund der sogenannten "Uptick-Rule" teilweise eingeschränkt. Damit bleibt für Händler der Verkauf von den Aktien unterbunden, die sie selbst nur geliehen haben. Die Regel soll verhindern, dass Aktienkurse durch solche Leerverkäufe künstlich nach unten gedrückt werden.
Die Welle der Gewinnwarnungen wird nach Einschätzung von Thomson Financial/First Call nicht abreißen. Das Forschungsunternehmen schätzt die Quote der Unternehmen, die für das erste Quartal Warnungen veröffentlichen, auf etwa 70 Prozent. Es geht deshalb von 200 bis 250 weiteren Ertragswarnungen in den nächsten zwei bis drei Wochen aus.
Miese Stimmung in Frankfurt
In Frankfurt haben negative Konjunkturaussichten das Börsenklima zusätzlich verschlechtert. Experten gehen nunmehr nur noch von einem Wirtschaftswachstum in Höhe von zwei Prozent aus. Die Regierung hatte bislang Prognosen von 2,6 Prozent ausgegeben. Ein Händler sagte, angesichts der offenbar düstereren Konjunkturaussichten wiege nun jede negative Nachricht von Unternehmen doppelt.
Ein Charttechniker der Deutschen Bank sieht beim Dax den Abwärtstrend derzeit ungebrochen. Nicht einer der Erholungsansätze in der jüngsten Vergangenheit hätte die Kraft gehabt, den Abwärtstrend nachhaltig zu durchbrechen. Die Marke von 5900 Punkten habe sich als sehr widerstandsfähig erwiesen.
Da der Dax am Montag die Marke von 5700 Zählern nach unten durchbrochen habe, sieht der Experte nun ein Abwärtspotential bis zur Schwelle von rund 5350 Zählern.
Am Neuen Markt gibt es dagegen keine Unterstützungslinien mehr. Nicht zuletzt auf Grund der schwachen US-Technologiebörse und weiterer drohender Gewinnwarnungen sieht der Charttechniker der Deutschen Bank derzeit keine Stabilisierungsansätze.
Technologie besonders unter Druck
SAP schloss 10,3 Prozent im Minus auf 110 Euro und war schwächster Wert im Dax. Händler begründeten den Einbruch mit der Gewinnwarnung des auf B2B spezialisierten US-Softwareunternehmens Ariba. Zusätzlich belastete den Titel eine Herabstufung durch das Investmenthaus Merrill Lynch. Die Siemens-Familie gab ebenfalls deutlich ab: Der Mutterkonzern verlor 5,6 Prozent auf 108,34 Euro, Epcos rutschte um 4,4 Prozent auf 61,60 Euro und Infineon sank um 4,2 Prozent auf 38,25 Euro.
Die Anteilscheine der Lufthansa hielten sich mit einem Minus von "nur" 1,3 Prozent noch wacker. Die Kursabschläge hatten zuvor mehr als fünf Prozent betragen. Die Pilotenvereinigung Cockpit kündigte am Dienstag an, über eine Urabstimmung zu beraten. Die Piloten, deren durchschnittliches Jahresgehalt weit über 200.000 Mark liegt, fordern eine Tariferhöhung von etwa 30 Prozent.
Die Allianz gab 5,3 Prozent ab und fiel auf 300,20 Euro. Deutsche Bank, Dresdner Bank und HypoVereinsbank gaben zwischen 3,8 und 5,2 Prozent nach.
Nur fünf Dax-Werte konnten sich leicht im Plus halten: Metro und E.on kletterten knapp über ein Prozent, Henkel, Schering und Adidas Salomon schlossen nur minimal im Plus. Händler begründeten dies mit einer Anlegerflucht in defensive Werte - sofern überhaupt noch ein Anleger an diesem Tag in Aktien reinvestierte.
Land unter am Neuen Markt
Der Neuen Markt erlebte einen rabenschwarzen Dienstag. Zeitweise fiel der Nemax-50 sogar unter die 1300-Punkte-Linie. "Es wird nur noch verkauft, die Leute wollen nur noch raus", sagte ein Händler. Nach den Gewinnwarnungen und der Ankündigung von Stellenstreichungen einiger Unternehmen in den USA sei der Trend am Markt nicht verwunderlich, sagte Rene Gorodsinsky, Händler bei der Baden-Württembergischen Bank. Ein anderer Händler sagte, die Angst am Markt vor einem weiteren Rückschlag sei groß. "Wir brauchen positive Impulse, alle halten die Füße unter dem Tisch und warten auf die weitere Entwicklung in den USA."
Im Nemax-50 waren D.Logistics und Pixelpark mit einem Plus von drei Prozent auf 31,28 Euro bzw. 1,4 Prozent auf 3,60 Euro die einzigen Werte mit Zugewinn. Nach einem Verlust von knapp 30 Prozent für Pixelpark am Montag ist das ein schwacher Trost.
Schlechte Nachrichten strafte die Börse angesichts der angespannten Stimmung umso härter ab. So fielen die Aktien des Telekom-Dienstleister Carrier 1 um 24,7 Prozent auf 6,17 Euro. Das Unternehmen hat sich erneut bei seiner Bilanz verrechnet und musste die Zahlen nach unten korrigieren.
Schlechter schlossen nur noch ACG und Broadvision. Nachdem der amerikanische Intershop-Konkurrent Broadvision für das erste Quartal eine Gewinnwarnung herausgegeben hatte, fiel die Aktie um 34 Prozent auf zuletzt 3,49 Euro. ACG gab um 29,8 Prozent auf 16,15 Euro ab.
Ochner-Werte brechen ein
Biodata gaben zehn Prozent auf 17,25 Euro nach. Am Montag hatte das Papier bereits 18 Prozent nachgegeben, nachdem die Bank Julius Bär ihren umstrittenen Fondsmanager Kurt Ochner gefeuert hatte. Julius Bär war über diesen Manager stark bei Biodata engagiert. Anleger fürchten fortgesetzt, dass die Bank ihr Engagement bei diesem und anderen Unternehmen einstellen wird.
Ähnlich verhielt es sich bei den Caatoosee-Papieren, die ebenfalls zu den Lieblingen des Managers gehörten. Caatoosee hatte am Wochenanfang mehr als die Hälfte seines Werte verloren und fielen am Dienstag um weitere 33,4 Prozent auf 10,09 Euro.
Nach der Handelsaussetzung am Vortag rutschte der Pennystock Teldafax zunächst um 26 Prozent ab, verringerte sein Minus dann aber auf rund 3,7 Prozent bei 0,52 Euro. Die Telefongesellschaft hatte am Montag einen Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt und war den ganzen Tag vom Handel ausgesetzt. Hintergrund ist die drohende Abschaltung von Leitungen durch die Deutsche Telekom.
Nach langem Suchen waren am Neuen Markt auch Gewinner zu finden: Pironet ging mit einem Kursaufschlag von 24,4 Prozent auf 3,36 Euro als Tagessieger aus dem Handel am Neuen Markt. GfN,Gesellschaft für Network Training, legten 20 Prozent auf 2,65 Euro zu. Nennenswerte Gründe für den rätselhaften Anstieg konnten Händler allerdings nicht nennen.
Euro erholt sich deutlich
Zunehmende Spekulationen über eine baldige Zinssenkung in der Euro-Zone haben den Euro am Montag um mehr als ein Prozent auf Kurse über 0,89 Dollar anziehen lassen. Händlern zufolge kam dem Euro auch eine technische Erholung zu Gute, da der Markt die übertriebenen Einbußen der jüngsten Zeit offenbar korrigiere. Auf die Revision der Wachstumsprognose des Internationalen Währungsfonds (IWF), der nach Informationen der "Bild-Zeitung" für dieses Jahr in Deutschland nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent erwartet, reagierte die Währung nur kurzfristig mit leichten Einbußen.
Danach setzte sie ihren Aufwärtstrend fort. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Mittag in Frankfurt mit 0,8845 (0,8772) Dollar ermittelt. Seit Anfang März war der Euro von Kursen über 0,93 Dollar bis auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 0,8725 Dollar zu Wochenbeginn gefallen. Am Abend wurde der Euro mit 0,8971 Dollar gehandelt.