Börsenspekulanten: Die Geier sind schuld! - DER SPIEGEL
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Börsenspekulanten Die Geier sind schuld!

Hedge-Funds sollen nach den Terroranschlägen in New York die Börse bewusst in die Tiefe getrieben haben. Tatsächlich haben die Spekulanten dem Markt wieder auf die Beine geholfen.
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New York/Frankfurt am Main - Als am 11. September diesen Jahres die Türme des New Yorker World Trade Center in sich zusammenstürzten, rissen sie die Aktienmärkte mit in den Keller, Dow Jones, Dax, Footsie oder Nikkei - die Leitindizes büßten in den Tagen nach den Anschlägen bis zu 20 Prozent ihres Wertes ein.

Kauforders als patriotische Pflicht

Als am Montag nach der Katastrophe die New York Stock Exchange wieder eröffnet wurde, war selbst für kaltschnäuzige Börsianer klar, dass die Stabilisierung der Aktienmärkte eine patriotische Pflicht ist. Zentralbanker, Analysten und Broker bemühten sich die Investoren zu beruhigen und den fickrigen Markt nicht zusätzlich zu belasten.

Nicht alle ließen sich in die Pflicht nehmen. So beschied der bekannte Spekulant George Soros kühl, er glaube nicht, dass Märkte nach patriotischen Prinzipien funktionierten. Auch Leon Cooperman, der einen zweieinhalb Milliarden Dollar schweren Hedge Fond verwaltet, sah keinen Anlass, für übertriebene Pietät: "Ich bin ein großer Patriot. Bei mir steht eine Flagge vor dem Haus und am Wochenende habe ich viel geweint. Aber darum geht's nicht, es geht darum, was gut für meine Investoren ist."

Wegen dieser zynischen Haltung geraten die Hedge-Fonds nun in die Kritik. Der Vorwurf: Nicht genug, dass sie die Krise für sich ausschlachteten, Cooperman und Co. sollen den Fall der Märkte auch noch befördert haben. Mit massiven Leerverkäufen hätten die oft als "Geier des Marktes" bezeichneten Spekulanten die großen Indizes weiter in den Keller getrieben. Bei Leerverkäufen, englisch Short-Selling, werfen Anleger geliehene Papiere auf den Markt und erzielen Gewinne, wenn die Kurse einbrechen (siehe Beispiel).

Kritiker fordern, das Short-Selling zu verbieten

In den Tagen nach den Attentaten weigerten sich mehrere Banken, den Hedge Fonds die Aktien zu leihen, die diese für ihre Shortgeschäfte benötigen. In den USA fordern Politiker wie etwa der Demokrat John La Falce, der im Finanzausschuss des Repräsentantenhauses sitzt, ein generelles Verbot des Shortselling.

Auch in Deutschland regt sich Widerstand. So verschickte etwa die DVFA, ein Berufsverband von Analysten und Kapitalmarktexperten unlängst ein Rundschreiben an seine Mitglieder, indem diese aufgefordert werden, keine Leerverkäufe mehr zu tätigen, und "durch verantwortungsbewusstes Handeln die Finanzmärkte zu stabilisieren.".

Vorwürfe gegen Hedge-Fonds sind nicht haltbar

Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die Vorwürfe als schlecht durchdachte Verschwörungstheorie. Erstens geht nur ein geschätztes Viertel aller Short-Geschäfte auf das Konto von Hedge-Fonds. Zweitens ist eine enorme Marktmacht notwendig, um den Kurs von Börsen-Dickschiffen wie Cisco oder General Electrics zu drücken. Zudem würden Marktmanipulationen im großen Stil Aufsehen erregen. "Aufmerksamkeit ist das Allerletzte, was man als Shortseller gebrauchen kann", so ein Frankfurter Händler, "man will schließlich unbemerkt vom Markt seine Positionen aufbauen."

Ohne Shortseller wäre der Markt im Keller geblieben

Dennoch gelten Short-Selling im allgemeinen und die Hedge-Fonds im speziellen zurzeit als anrüchig. Dabei haben die Leerverkäufer in den Wochen nach den Angriffen eher dazu beigetragen, die Märkte zu stabilisieren - wenn auch nicht ganz freiwillig: Die meisten Börsianer hatten nach den Kursstürzen in der zweiten und dritten Septemberwoche nicht mit einer schnellen Kurserholung gerechnet. "Keiner dachte, dass wir in der ersten Oktoberwoche schon wieder einen Dax-Stand erreichen, der weniger als 200 Zähler unter dem Wert vom 10. September liegt", so ein Händler. Von der unerwarteten Rally wurden die Short-Seller kalt erwischt. Die geliehenen Aktien, die sie eigentlich später billig zurückkaufen wollten, wurden von Tag zu Tag teurer. Die Spekulanten waren gezwungen, ihre Short-Positionen zu schließen, um nicht große Verluste zu machen. Bis zum vergangenen Freitag trieben sie durch massenhafte Käufe den Markt nach oben.

Der Markt braucht die Spekulanten

Die meisten Börsenexperten halten die Short-Seller denn auch weiterhin für unverzichtbar, weil diese den Markt liquide halten. Wenn alle kaufen, offerieren die Spekulanten Aktien zum Verkauf. Wenn die Kurse fallen, decken sie sich mit Aktien ein und verhindern zu starke Kursausschläge nach unten. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC scheint das ähnlich zu sehen. Gegen den aktuellen Meinungstrend plant die SEC, die Beschränkungen für Leerverkäufe demnächst weiter zu lockern.

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