Börsentrend: Tanz auf dem Vulkan - DER SPIEGEL
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Börsentrend Tanz auf dem Vulkan

Wenn nicht alles täuscht, dann haben die Börsen mittlerweile das Schlimmste hinter sich. Die Anzeichen für eine mindestens zwölfmonatige Aufwärtsbewegung stehen gut. Doch Vorsicht, der Tanz, zu dem jetzt gebeten wird, ist ein Tanz auf dem Vulkan.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Soso, werden Sie sich jetzt sicher sagen. Ein neuer Kolumnist. Ist das nicht derjenige, der immer gesagt hat, man muss die Aktien nur lange genug halten, um in jedem Falle ordentlich zu verdienen? Doch wie kann der uns nun plötzlich mit einem "Tanz auf dem Vulkan" kommen?

Schauen wir uns das am besten gleich auf dem Schaubild an, würde Hans-Dieter Schulz in der Telebörse jetzt sagen. Nun gut, machen wir es ihm nach. Und nehmen wir einmal an, die Börse wäre der Golf von Neapel. Was würden wir dann sehen? Im Norden die geschäftige Großstadt, im Süden das sonnige Sorrent. Doch dazwischen? Der böse Vesuv und das von ihm schon einmal in Sekundengeschwindigkeit überfallene Pompeji.

Das Geschäft läuft gegenwärtig gut. Die Zuwachsraten in nahezu allen Volkswirtschaften der Welt sind ausgezeichnet. Wir haben es mit enormen technologischen Innovationen zu tun, die einen Produktivitätsschub hervorrufen. Die Preissteigerungsraten bleiben daher moderat, so dass der Zinsanhebungsprozess zumindest in den USA bald sein Ende finden sollte.

Aktien sind trotz der teilweise herben Kursverluste im Frühjahr weiterhin in Mode. Beflügelt werden sie zudem durch die immer fataler werdende Diskussion um die Sicherung der Renten. Das, was wir gegenwärtig beobachten, kann daher durchaus als ein Idealszenario für die Aktienanlage betrachtet werden.

Doch haben wir vielleicht bei der gegenwärtigen Expansion den Vulkan etwas zu stark angefacht?

Die US-Wirtschaft steht augenblicklich unter dem höchsten Feuer ihrer gesamten Geschichte. In den vergangenen viereinhalb Jahren hat die Neuverschuldung an den US-Kreditmärkten um 40 Prozent zugelegt. Auf einen Dollar Anstieg des Sozialprodukts kamen damit etwa 2,5 Dollar Neuverschuldung - eine katastrophale Quote.

Vor diesem Hintergrund relativieren sich natürlich sofort sämtliche Wachstumszahlen des Sozialprodukts in den USA. Wird eine Wirtschaft nämlich derart mit Kredit angekurbelt, dann sind selbst Wachstumszahlen von vier oder fünf Prozent jährlich eigentlich äußerst mager. Und: Man muss sich durchaus fragen, was denn passieren wird, wenn dieses Feuer einmal nicht mehr so lodern wird wie im Moment. Denn Kreditzuwächse in dieser Größenordnung lassen sich keinesfalls lange durchhalten.

Hinzu kommen zwei weitere strukturelle Ungewöhnlichkeiten der USA: Das Leitwährungsland ist hoch verschuldet im Ausland und der größte Kapitalimporteur der Welt. Und sein Binnenaufschwung ist zum großen Teil nur durch das Verfrühstücken von Aktienkursgewinnen zu Konsumzwecken genährt.

Es brodelt also jenseits des Atlantiks. Das sollte jeder Anleger wachsamen Auges verfolgen. Die Euroschwäche ist daher für alle europäischen Aktionäre ein wahrer Segen. Sollte diese Entwicklung hingegen einmal abrupt umkippen und der Dollar deutlich schwächer werden, dann könnten aus den vesuvianischen Gefühlen durchaus sehr schnell pompejanische werden.