AUTOS Böse Geister
Geschäftsmann Yuki Miyagi, 56, hatte eine böse Vorahnung. Irgendetwas schien mit dem metallicgrünen Jaguar XJ8, den der Japaner vor zwei Jahren gekauft hatte, nicht zu stimmen. Der Motor lief zwar wie geschmiert, alle Schalter funktionierten - doch dann trat das Missgeschick ein.
Als Miyagi sein Luxusgefährt in Tokio vor einem Supermarkt parkte, wurde es von einem anderen Auto gerammt. Statt die Schuld an dem Unfall dem anderen Fahrer zu geben, sah Miyagi sich bestätigt: Verursacher des Übels war das eigene Fahrzeug, glaubt Miyagi, »denn es hat das Unglück auf sich gezogen«.
Nun sucht der verzweifelte Japaner einen Weg, seinem Auto die bösen Geister auszutreiben. Vor dem buddhistischen Kawasaki-Daishi-Tempel in der Nähe von Tokio reiht Miyagi sein Unglücksgefährt mit hundert anderen Fahrzeugen - die meisten sind Neuwagen - zur Autoweihe ein. Gegen Zahlung einer Gebühr von 60 Mark pro Auto murmelt ein kahlköpfiger Mönch Sutras und schlägt einen Gong dazu.
Nach 20 Minuten ist das Ritual vorbei. Feierlich überreicht der Geistliche jedem Fahrer einen in Plastik eingeschweißten Talisman, der dann am Rückspiegel oder am Armaturenbrett befestigt wird. Miyagi setzt sich sichtlich beruhigt in sein Auto und lenkt es auf die verstopfte Autobahn in Richtung Tokio.
Mönch Ryuei Nakajima kennt sich mit Autos bestens aus. Im Jahr weiht er über 100 000 Fahrzeuge in Kawasaki südlich von Tokio. »Für uns Asiaten ist ein Auto eben keine leblose Maschine«, erläutert Nakajima. »Es besitzt seine eigene Seele, die mit dem Fahrer eine harmonische Einheit bilden muss.« Auch deshalb komme es für viele Japaner nicht in Frage, sich etwa einen Wagen aus zweiter Hand anzuschaffen.
Kaum eine Autofahrer-Nation hegt eine so starke Abneigung gegen Gebrauchtwagen wie die Japaner. Viele pflegen ihr Auto wie das häusliche Wohnzimmer und wechseln gar die Schuhe, bevor sie einsteigen. Als Ursache dafür sieht der Mönch auch den ausgeprägten Reinlichkeitskult seiner Landsleute. Schließlich stellen selbst Japans Stadtstreicher ihre Schuhe säuberlich vor die Pappkartons, in denen sie leben.
Jahrelang überließen die Autokonzerne das anrüchige Geschäft mit Altfahrzeugen daher häufig unabhängigen Händlern an großen Ausfallstraßen: Neben Pachinko-Spielhöllen und Liebeshotels preisen sie gebrauchte Pkw auf Parkplätzen mit bunten Flaggen und grellen Preisschildern an. Dazu dröhnt laute Popmusik wie auf dem Jahrmarkt.
Neuerdings aber verliert der japanische Gebrauchtwagenmarkt sein zweifelhaftes Image - und das verdanken die Inselbewohner vor allem der deutschen Luxusmarke BMW: Denn um den inneren Widerstand potenzieller Kunden zu brechen, ersann der Münchner Autokonzern für die sensiblen Japaner erstmals ein so genanntes Refresh-Package.
Dabei werden alle Teile aus dem Altwagen entfernt, mit denen die Vorbesitzer - igitt! - körperlich in Berührung kamen, vom Lenkrad bis zum Gaspedal. Am Ende dieses Prozesses, bei dem auch die Batterie und die Mikrofilter der Klimaanlage ausgewechselt und selbst winzigste Kratzer am Lack ausgebessert werden, blitzt und blinkt der Gebrauchtwagen wie fabrikneu im Verkaufsraum.
Aber auch die Preisschilder prangen dann vornehm an den Windschutzscheiben: Ein Gebraucht-BMW der 7er Reihe (Neupreis in Japan: über 190 000 Mark) kostet dann um die 115 000 Mark. Unabhängige Händler verlangen für so ein Auto viel weniger.
Schon lange sorgten sich BMW-Manager in Japan, dass unabhängige Gebrauchtwagenhändler das edle Image und vor allem die hohen Preise der Nobelmarke zu verderben drohten. Doch ein offizielles Garantie-Siegel und das Auffrischungspaket leiteten die Wende ein: Inzwischen kontrollieren die Münchner bereits 30 Prozent des japanischen Marktes für gebrauchte BMW.
Angesichts der langjährigen Flaute auf Japans Neuwagenmarkt kümmern sich auch andere Autofirmen verstärkt um den einst vernachlässigten Gebrauchtwagenmarkt.
Der Importhändler Yanase, der Mercedes und Opel vertreibt, verspricht seinen Kunden, bis zu 104 Teile im Fahrzeug zu testen und notfalls auszuwechseln. Und Toyota, der größte japanische Autoproduzent, der zwar über 40 Prozent der Neuwagen im Heimatland absetzt, aber nur etwa 8 Prozent der Gebrauchtwagen verkauft, greift neuerdings mit Online-Auktionen im Internet an.
Der Wettbewerb wird heftiger - und damit auch der Druck auf die Firmen, peniblen Kunden mit immer neuen Serviceangeboten die Scheu vor Altautos zu nehmen. Tatsuji Morimoto, der nahe der vornehmen Tokioter Einkaufsmeile Ginza gebrauchte BMW anbietet, behandelt seine Autos zuvor mit einer speziellen Ozon-Therapie: »Damit«, verspricht Morimoto, »entsorgen wir jedes Auto vom Geruch seiner Vorbenutzer.«
Gegen den Mief im Fahrgastraum sind die Japaner besonders empfindlich. Allein im Geschäftsjahr bis Ende März 1999 produzierten die heimischen Hersteller 1885 Tonnen spezielle Autogeruchsvernichter - im Gesamtwert von rund 60 Millionen Mark. WIELAND WAGNER