Borussia-Aktie Buh-Rufe vom Parkett
Liverpool/Dortmund - Manchmal kann der Wutausbruch eines Torhüters die Kurse mehr bewegen als die Bilanzanalyse eines Bankers. Kaum hatte der BVB an der Anfield Road in Liverpool 0:2 verloren, da machte Borussia-Keeper Jens Lehmann seiner Wut Luft: Naiv, unerfahren, seien die Chefs des Ruhrpott-Vereins, chronische Schönfärber. Dem ganzen Team fehle der Wille zum Erfolg. Auch aus dem Rennen um den Uefa-Cup würde die Mannschaft in Windeseile ausscheiden, da könnten Coach Matthias Sammer und Manager Michael Meier noch so viel versprechen.
Und kaum wurde am Mittwoch der Handel in Frankfurt eingeläutet, da rauschte der Kurs des BVB-Papiers mächtig in die Tiefe: Am Morgen verlor Deutschlands einzige Fußball-Aktie fast elf Prozent, rutschte unter die Marke von fünf Euro. Am Nachmittag ging es noch weiter bergab. Kurz vor 15 Uhr stand der Kurs sogar mit 14 Prozent im Minus. Seit der Erstnotiz Ende Oktober 2000 hat die Fußball-Aktie mehr als die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Manager Meier lässt sich nicht aus der Fassung bringen: Immerhin notiere die Aktie trotz des jüngsten Absturzes weiter über ihrem Jahrestief, sagte er auf Nachfrage. Und er könne nicht "ständig vor dem Computer sitzen und fragen: Wie wird gerade gehandelt?"
Aktien und Autogramme
Das Kurs-Zickzack der Kicker-Papiers dokumentiert: Die Börse mag unvernünftig sein, der Handel mit Fußball-Aktien aber ist oft geradezu vernunftwidrig. Da ist es egal, dass selbst die "Bild"-Zeitung schreibt, so schlecht hätten sich die Borussen gegen die Engländer gar nicht geschlagen. Da ist es unwichtig, wenn Analysten wie Stefan Steib von der WGZ-Bank das realistische Kursniveau der schwarz-gelben Aktie auf sechs bis sieben Euro schätzen, die Marktkapitalisierung unter dem wahren Unternehmenswert sehen. Ganz abgesehen davon, dass Meier sein Papier "klar unterbewertet" findet. Niemand schert sich darum - solange keine Tore fallen.
Die BVB-Aktie sei eben kein seriöses Investment, sondern eine Fan-Devotionalie, meint Steib. So wie ein Spieler-Trikot mit Autogramm. Eine Investition mit "Wettbüro-Charakter", findet auch Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe. Viele Fans würden das Papier doch nur kaufen, um zur Hauptversammlung eingeladen zu werden. Dabei sein ist alles. Da käme es auf 1000 oder 2000 Euro Verlust nicht an.
Manager Meier beobachtet, dass das Handelsvolumen an Tagen vor und nach Spielen drastisch anzieht. Wirtschaftlich ändere der Ausgang eines Spiels meist wenig, aber "die Aktien werden vor allem von Privatanlegern gekauft, und die reagieren emotionaler als Profis."
August-Euphorie verflogen
Wenn die Schwarz-Gelben den Uefa-Cup gewinnen, könnte sowieso wieder alles anders aussehen. Schließlich ist das BVB-Papier zuletzt Mitte August auf einen Wert von über zehn Euro hinaufgestürmt, fast so viel wie beim Börsendebüt. Damals stand die Borussia an der Bundesliga-Spitze, Neuzukäufe wie Jan Koller, Marcio Amoroso und Tomas Rosicky schienen eine Rückkehr zu den glorreichen Tagen des Jahres 1997 zu versprechen, als die Borussia die Champions League gewann, als erste deutsche Mannschaft überhaupt. Vielleicht also wendet sich das Blatt abermals.
Vielleicht. Die wirtschaftliche Zukunft der Borussia sieht nach dem Aus in der Vorrunde der Champions League freilich fast unsicherer aus als die sportliche. Durch die Niederlage an der Anfield Road dürften den Borussen runde zehn Millionen Euro Siegprämien entgangen sein, schätzen die Experten.
Spiele gegen "Ostblock-Vereine"
Und selbst wenn die Ruhrpott-Kicker in den Spielen um den Uefa-Cup vorankommen, werden die TV-Rechte deutlich weniger einbringen als die für Champions-League-Begegnungen mit Real Madrid oder Juventus Turin. Spiele gegen "Ostblock-Vereine", die in den Uefa-Cup-Spielen dominieren, seien kaum zu vermarkten, frotzelt Schlienkamp. Wenn Borussia gegen Nowosibirsk antrete, sei das halt um 16 Uhr im Deutschen Sportfernsehen zu sehen, nicht um 20.15 Uhr in der ARD. Meier freilich gibt sich zuversichtlich: Weil die Rechte für die Uefa-Spiele von jedem Verein einzeln vermarktet werden, könne man das Minus durch das Aus in der Champions-Vorrunde kompensieren. Wenn denn das Losglück dem BVB interessante Partner beschert und er nicht gleich ausscheidet
Da alle Augen aufs Spielfeld schauen, ist es leicht, den Blick in die Bilanz zu vergessen. Auch dort steht wenig Erfreuliches. Im ersten Geschäftsjahr nach dem Börsengang wiesen die Dortmunder einen Vorsteuerverlust von neun Millionen Euro aus. Wenn kein sportliches Wunder geschieht, dürfte sich das Minus im laufenden Jahr auf 18 Millionen Euro verdoppeln, fürchtet Steib. Der Grund: hohe Personalkosten für die neu eingekauften Spieler. Wann er den Break-Even ansteuert, mag auch Meier nicht verraten. Das sei abhängig "vom sportlichen Erfolg auf der internationalen Bühne".
Von wegen "Steine statt Beine"
Dass die Kurse schwanken, wenn die Tore fallen, dürfte sich in den kommenden Jahren kaum ändern. Meier und BVB-Präsident Gerd Niebaum versprechen zwar die Diversifizierung, den Ausbau weniger glücksabhängiger Geschäftsfelder. Das Motto: "Steine statt Beine".
Analyst Steib aber meint: Diese Strategie wird nicht konsequent verfolgt. Im letzten Geschäftsjahr seien 61,67 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben worden - 57 Prozent des Gesamt-Investitionen. Die Börse hätte es eher honoriert, meint er, wenn der BVB das Geld in berechenbare Geschäftsfelder gesteckt hätte. Mit dem Verkauf von Sportbekleidung, Reisebüro-Diensten, der Westfalenstadion GmbH und anderen Aktivitäten jenseits des Kerngeschäftes werde die Borussia auch im nächsten Jahr nur zehn Prozent des Umsatzes erwirtschaften, prognostizieren Steib und Schlienkamp. Meilenweit entfernt vom langfristigen Anteilsziel von dreißig Prozent, an dem Meier festhält - ohne sich auf einen Zeitplan festlegen zu lassen.
Aktionär Uli Hoeneß
So dürfte die einzige Kicker-Aktie der Nation bis in den nächsten Jahren die einzige bleiben. Für Hertha BSC, den FC Kaiserslautern und Schalke 04, die als wichtigste Börsen-Aspiranten gelten, sei das Hin und Her der Dortmund-Aktie jedenfalls kein ermutigendes Beispiel, meinen die Analysten. Und auch die Kursperformances der 31 anderen "Fußball AGs" in Europa entmutigen - von der Manchester-United-Aktie vielleicht abgesehen.
Zu den BVB-Aktionären der ersten Stunde gehörte übrigens auch Bayern-München-Manager Uli Hoeneß. Für ihn dürfte das Börsen-Schicksal der Borussen eine Mahnung sein: Besser, sich sein Geld auf anderen Wegen zu beschaffen als über die Kapitalmärkte. Wer will schon, dass Goalkeeper Kurse machen.