Luftverschmutzung Braune Blumen
In den morastigen Marschen, dort wo Hamburg in die Obstgärten des Alten Landes ragt, zieht der Altenwerder Landwirt Hans-Herbert Langeloh 12 000 Gladiolen und sorgt sich: »Wann gehn die durch Fluor kaputt?«
When, fragt sich in Hamburg-Altenwerder auch Donald W. Johnson aus Longview im US-Staat Washington. Dem Geschäftsführer der neuerbauten Aluminiumwerke des US-Konzerns Reynolds geht es um den Zeitpunkt, wann endlich aus dem Schlot der Schmelze Fluor quillen darf -- und zwar mehr, als die hanseatischen Behörden zugestehen wollen.
Seit acht Monaten liegen die Glitzer-Hallen, die auf Pfählen im unsicheren Untergrund des Altenwerder Areals für runde 600 Millionen Mark hochgezogen wurden, nahezu brach. Bloß das Walzwerk läuft schon; das Herzstück, die Hütte, blieb bislang kalt. Die Arbeiter lernen- derweil Englisch oder tun Dienst als »die teuersten Rasenmäher der Welt« (Reynolds-Jargon).
Der Boß auf der einen Seite, Bauern und Bürger auf der anderen Seite und die von beiden Flanken gleicherweise attackierten Behörden liefern sich derzeit in Hamburg einen erbitterten Umweltkampf' in dem am Donnerstag dieser Woche die nächste Runde ansteht: vor der Baubehörde, bei einem Widerspruchsverfahren. Wer immer obsiegt, alle drei Parteien wollen hart bleiben: Der erste Grundsatzprozeß in der Bundesrepublik, so scheint es, wird unausweichlich.
Es geht um Luftverschmutzung durch Millionstel Gramm des giftigen Elements Fluor. Es geht aber zugleich um ein Stück dubioser Industrieansiedlungspolitik des Hamburger Senats.
Am Anfang, 1969, herrschte zwischen der Stadt am »Tor zur Welt« und der Welt drittgrößtem Aluminium. Konzern eitel Eintracht. Aus den USA kam Präsident J. Louis Reynolds (Hausname: »Uncle Louis") angereist und wurde sich mit den Hanseaten so schnell handelseinig, daß nachts der Notar ins Hotel »Atlantic« zur Beurkundung des Vertrages geholt wurde. Ein Reynolds-Sprecher pries Wirtschaftssenator Helmuth Kern als einen »der schnellsten und intelligentesten« Industrieansiedler »auf der ganzen Welt«. Bürgermeister Herbert Weichmann triumphierte, nun habe der Stadtstaat »Tuchfühlung mit dem Big Business«.
Das ließen sich die Hanseaten was kosten: 74 Millionen Mark für die Grundstücksaufbereitung, 17 Millionen Mark für die Infrastruktur, 40 Millionen Mark an Investitionsbeihilfen und 16 Millionen Mark für einen Zehn-Prozent-Anteil an der eigens gegründeten Reynolds Aluminium Hamburg GmbH. Unterm Strich -- bei Aufrechnung der Ausgaben gegen die erwarteten Einnahmen -- kam ein Minus von 98,5 Millionen Mark heraus. Die Ansiedlung gedieh zum »Fall«, und Kerns Behörde rechtfertigte sich: »Der »Fall' war seinen Preis wert.« Die Millionen für den Luftverschmutzer erschienen etlichen Luftverbrauchern als zu hoher Preis. Sie wehrten sich in Bürgerinitiativen und Notgemeinschaften gegen das Projekt, insgesamt 448 Einsprüche wurden erhoben. Eine Gruppe, vornehmlich Bauern, stellte angesichts der Finanz- Verfilzung in Frage, ob denn beim Umweltschutz die Hansestadt »als noch objektive Behörde angesehen werden kann«.
Was die Abgase anbetrifft, so hatte sich der Senat wahrlich auf eine seltsame Sonderbehandlung eingelassen: Über Umweltschutz wurde geredet, aber schriftlich nichts abgemacht.
Im Altenwerder Gasthaus »Deutsches Haus« verklarte der Obstbauer Johann Mecklenburg in einer Protestversammlung die Kungelei. »Normalerweise«, so der Laie sachkundig, hat schon bei Baubeginn eines Werkes »die Genehmigung für die Inbetriebnahme« vorzuliegen. Sie ist nach der Gewerbeordnung »zur Errichtung von Anlagen« erforderlich, die »für die Bewohner der benachbarten Grundstücke oder für das Publikum überhaupt erhebliche Nachteile, Gefahren oder Belästigungen herbeiführen können« (Paragraph 16).
Die in der Regel nur mit einer Reihe von Auflagen erteilte Erlaubnis -- das rechtlich wichtigste Umweltschutz-Instrumentarium -- besaß aber Reynolds weder beim ersten Spatenstich im September 1970 noch im Juli 1973, als die Hütte technisch betriebsbereit war.
Plötzlich, im letzten Sommer, verlangten nun die oppositionellen Christdemokraten, die einst für die Reynolds-Ansiedlung gestimmt
hatten, vom Staat ein »Nein« zur Aluminiumproduktion. Der CDU-Abgeordnete Karl Heinz Ehlers beschwor in der Hamburger Bürgerschaft »ungeheure Unwägbarkeiten"' ja »ganz große Gefahren« durch das »Reynolds-Feuer« -- Ausführungen. die Günther Glatz von den mitregierenden Freidemokraten als »Hitchcocks Gruselstunde« abtat.
Aber seinem Parteifreund Gerhard M. Meyer, Personalchef bei Reynolds und FDP-Kandidat für die neue Bürgerschaft, kam gleichwohl das Entsetzen -- in Sorge um Reynolds. Als SPD-Bausenator Caesar Meister gegen das Gemunkel »draußen im Lande« für Fluor unversehens »ein paar Zahlen« auf tischte, entfuhr es FDP-Meyer: »Das ist ein Schock.« Denn diese Zahlen stehen für den härtesten Luftschutz.
Alsbald bekam es die US-Firma von Meisters Baubehörde im Genehmigungsbescheid mit 219 Auflagen für die Schmelze schriftlich: Bei einer Jahresproduktion von 100 000 Tonnen Aluminium dürfen im gesamten Abgasmüll (neben 180 Tonnen Schwefeldioxid und 100 Tonnen Staub) nicht mehr als 80 Tonnen Fluor sein: sogenannte Emissionen, die je nach Wetter mal schnell, mal langsam im Luftraum verwirbelt werden und vor allem in Richtung auf die feinen Elbvororte oder die größten deutschen Obstkulturen im Alten Land entschweben, freilich in winzigen Konzentrationen -- sogenannte Immissionen.
Was die Bevölkerung zu schlucken hat, wurde durch Immissionswerte begrenzt: Pro Kubikmeter Luft ein Mikrogramm Fluor (ein Millionstel Gramm) im Mittel und als Maximum kurzfristig drei Mikrogramm, wenn die Abgase, wetterbedingt, nicht aufsteigen.
Die wohl niedrigsten Grenzwerte in der Welt, die ähnlich gering nur für New York festgesetzt wurden (im Durchschnitt 1,33 Mikrogramm), fand denn Reynolds-Manager Johnson »ridiculous, absolutely ridiculous«. Doch was dem Industrievertreter »lächerlich« vorkommt, ist für den Leitenden Medizinaldirektor Rudolf Wilcke von der Gesundheitsbehörde »eine Frage des guten Gewissens": »Wir wollen kein Experiment mit einer ganzen Generation.«
Was die Bevölkerung samt Alten und Empfindlichen, Kranken und Kindern an Fluor verkraften kann, ist noch keineswegs erforscht unbekannt ist auch. wie sich noch mehr Fluor in der Hamburger Luft mit den ohnehin 100 Gasen und Giften verträgt. Die völlig unerforschten Kombinationswirkungen erscheinen den Experten aus der Gesundheitsbehörde »unheimlich«.
Vergeblich fahndeten Gesundheitsschützer nach wissenschaftlichen Langzeituntersuchungen. Sie ermittelten zwar, daß Alu-Anrainer in der DDR mit der wohl höchsten Fluor-Menge in Europa begast werden (bis zu zehn Mikrogramm). Aber ob und welche Schäden dadurch ausgelöst wurden, ist ungewiß; Reihenuntersuchungen fanden nicht statt. »Da gingen wir lieber so niedrig«, so Wilcke, »daß der Mensch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Schaden nimmt.«
Ob allerdings trotz der geringen Immissionswerte für Fluor Flora und Fauna langfristig davonkommen, ist für die Hamburger Wissenschaftler schon jetzt »die große Frage«. Im US-Staat Oregon, wo sich die Aluminium-Industrie ballt wie nirgendwo sonst in der Welt und auch Reynolds residiert, wurden Obstplantagen schon durch Konzentrationen geschädigt, die bloß einen Bruchteil der künftig von der Hansestadt tolerierten Werte ausmachten.
Oregoner Farmer erstritten Schadenersatz bis zu neun Millionen Dollar. Der US-Staat läßt seit letzten November für neue Schmelzen nur noch 500 Gramm Fluor pro Aluminium-Tonne zu. Die Hamburger US-Hütte hingegen, der immerhin 800 Gramm pro Tonne zugestanden wurde, will für ein Kilogramm streiten.
Wieviel Fluor schon jetzt in der Hamburger Luft ist, ohne daß von Reynolds auch nur ein einziges Mikrogramm stammt -- das ist eine weitere Frage im Streit zwischen Unternehmen und Behörden. Die Amerikaner ließen die Lücken in der Luft durch ein privates Ingenieurbüro ausloten, der Senat wiederum hieß das Hygienische Staatsinstitut nachholen, was schon vor der Entscheidung für die Ansiedlung der Hütte hätte geprüft werden sollen.
Die Meßreihen ergaben, daß Hamburgs Luft reichlich mit Fluor angereichert ist; aber die Werte differierten -- bei der unzulänglich entwickelten Meßtechnik -- erheblich: laut Reynolds von 0,59 im Mittel bis 4,78 Mikrogramm als Maximum; laut Staatsinstitut zwischen 0,16 und 0,46 Mikrogramm.
Die unterschiedlichen Ergebnisse kamen gleichwohl jeder Partei recht. Wenn schon so viel Fluor in der Luft ist, kann Reynolds nicht durch besondern niedrige Grenzwerte behindert werden, so Johnson: »Sonst wird das Werk zur größten Gedenkstätte der Welt für fehlinvestierte Dollars.« Wenn schon Fluor in der Luft ist, rechneten sich die Behörden aus, »muß Reynolds eben hart »rangenommen"' werden: »Dann sollen die auf ein bißchen Profit verzichten.« Die Bürger munitionierten sich mit den hohen Reynolds-Daten und folgern: »Das Maß ist voll, also darf von Reynolds nichts mehr kommen.«
So allseits bedrängt, spekulieren die Amerikaner an der Elbe auf Hilfe aus Bonn: Das Bundesinnenministerium hat als Ergänzung zum neuen Immissionsschutzgesetz (es tritt am 1. April in Kraft) eine Verwaltungsvorschrift für Fluor parat. Zwei Mikrogramm der giftigen Substanz pro Kubikmeter Luft -- doppelt soviel wie das Hamburger Mittel -- sollen künftig zugelassen werden.
Als Maximum wollen die Bonner vier Mikrogramm hinnehmen. Die Hamburger aber sind entschlossen, für ihre Region die Werte eins (im Mittel) und drei (als Maximum) durch alle Gerichtsinstanzen zu »peitschen«, so ein Behördenvertreter.
Die Hanseaten, die der Reynoldslobby einst gefällig waren, wittern jetzt Kotau durch den Bund: »Als wir Ländervertreter zur Diskussion in dieser Frage nach Bonn gebeten wurden«, rügt ein hoher Beamter, »mußten wir feststellen, daß zuvor die Industrie gehört worden war.«
Doch selbst wenn die Hamburger ihre niedrigen Fluorwerte durchsetzen sollten -- für die Gladiolen des Züchters Langeloh wäre die Luft auch dann zu dick: Begasungsversuche der empfindlichen Blume mit einem Mikrogramm Fluor ergaben, daß die Blätter schon nach 72 Stunden bräunliche Spitzen bekommen. Und »Äppel aus Altenwerder«, so argwöhnt der Bauer, »die will dann auch keiner mehr«. Langeloh: »Da sagt doch die Hausfrau, »nö' ich nehm die aus Tasmanien.«