Breuers Rückzug Sieg für Ackermann
Frankfurt am Main/Hamburg - Der Entschluss von Deutsche-Bank-Oberaufseher Rolf Breuer, seinen Posten niederzulegen, traf die Branche aus heiterem Himmel. Warum erst jetzt, fragt sich die Fachwelt? Mehrere Monate nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH), der Breuers Interviewaussagen zur Kreditwürdigkeit von Leo Kirch in Zusammenhang mit der Pleite des Medienmoguls stellte? Und vor allem: Was bedeutet Breuers Entscheidung für die Zukunft der Deutschen Bank?
Der Rücktritt hinterlasse keine große Lücke, sagte ein Bank-Analyst, der nicht namentlich genannt werden möchte, SPIEGEL ONLINE. "Das ist keine Katastrophe: Von Rolf Breuer kamen in den letzten Jahren keine bedeutenden Impulse und Ideen mehr, keine Umbrüche. Letztlich hat er sich auf das konzentriert, was er konnte: Auf das Investmentbanking-Geschäft."
Die Entscheidung des 68-Jährigen, seinen Posten nun niederzulegen, freue viele Banker des Geldhauses sicherlich, so der Analyst. Schließlich ließen sich so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Neben dem Ausscheiden des in den letzten Monaten immer stärker unter Druck geratenen Aufsichtsratschefs werde so auch der bisherige Finanzvorstand Clemens Börsig unter Wahrung des schönen Scheins kalt gestellt. Der galt im Zusammenhang mit den Rücktrittsgerüchten um Josef Ackermann als möglicher neuer Bankenchef - nun wird Börsig stattdessen Breuer beerben.
Börsig habe viele Gegner, sagt der Analyst. "Er kommt aus der Industrie und ist nie wirklich in der Bankenwelt angekommen. Außerdem gilt er als steif und als jemand, der eher verhindert als schafft", so der Fachmann über den neuen Oberaufseher, der auch in Branchenkreisen als Zahlenmensch gesehen wird und bisher in der Öffentlichkeit kaum aufgetreten ist.
Ackermann sei damit der große Gewinner der neuen Entwicklung, erklärt der Analyst. Denn auch die beiden neuen Finanzvorstände, die die bisherigen Aufgaben Börsigs übernehmen, gälten als überaus loyal gegenüber dem Bankenchef. Ackermann scheint nun gut gerüstet für den wieder aufgerollten Mannesmann-Prozess, in dem er sich ab Herbst erneut vor Gericht verantworten muss.
"Breuer hat das Investmentbanking groß gemacht"
Ganz anders beurteilt Wolfgang Gerke, Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg, die Folgen von Breuers Rückzug. Breuer habe sich "Riesenverdienste" erworben, so Gerke in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ddp/Dow Jones. Er habe die Weichen gestellt, damit "sein Haus wieder in die Rentabilität hineingebracht" worden sei. Breuer habe zudem "das Investmentbanking bei der Deutschen Bank groß gemacht", sagte Gerke. "Ich hätte ihm einen besseren Abgang gegönnt."
Die umstrittene Interview-Äußerung sei zwar für einen Banker "inakzeptabel" gewesen. "So etwas macht man nicht." Ihn habe es dennoch "gewundert, dass Breuer verurteilt wurde", so Gerke. Breuer habe "das ausgesprochen, was der Wahrheit entsprach und in der Branche bekannt war".
In dem Gespräch mit dem Fernsehsender Bloomberg TV hatte Breuer im Februar 2002 die Kreditwürdigkeit Kirchs bezweifelt. Der BGH urteilte im Januar dieses Jahres, das habe die Möglichkeit, dringend benötigte Kredite aufzunehmen, erheblich erschwert, und Kirch einen grundsätzlichen Anspruch auf Schadensersatz gegen die Deutsche Bank zugesprochen. Die Äußerung stelle eine Verletzung der aus dem Darlehensvertrag folgenden Pflicht dar - dies gelte auch für Breuer persönlich. Viele Branchenkenner hatten schon direkt nach dieser Schelte den Rücktritt Breuers erwartet.
Dass er sich erst jetzt entschied, seinen Posten niederzulegen, hängt Medienberichten zufolge mit dem zunehmenden Druck des ehemaligen Medienunternehmers Kirch zusammen, den dieser in den letzten Monaten erheblich verstärkt habe. So habe Kirch beispielsweise allen Aufsichtsräten mitgeteilt, dass sie eine persönliche Haftung riskierten, wenn sie Breuer als Chef weiter mittrügen, berichtet die "Financial Times Deutschland" unter Berufung aus das Umfeld Kirchs.
Bei den Aktionären stieß Breuers Entscheidung auf ein positives Echo. Die Titel der Deutschen Bank legten am Vormittag um rund ein Prozent zu. Die Investmentbank Merrill Lynch erklärte, die Veränderungen im Aufsichtsrat kämen überraschend, seien aber gute Nachrichten für die Aktionäre. Durch die Benennung des Nachfolgers Börsig dürften Zweifel über die zukünftige Strategie der Bank reduziert werden.
Auch Aktionärsschützer begrüßten den Entschluss des Oberaufsehers. "Die Entscheidung Breuers ist gut und verdient auch gewissen Respekt", sagte Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Von Börsig als Nachfolger hält Keitel allerdings nicht viel. Sie frage sich warum, "man nicht beherzt versucht hat, eine externe Lösung zu finden".
mit AFP/dpa/ddp