Bric-Fonds Mehr drin als drauf
"Bric-Angebote haben den Vorteil, dass man auch Korea dazunehmen kann. Nur ein Tipp." So zitierte das Düsseldorfer "Handelsblatt" Denis Cohen-Bengio, Produktspezialist bei Axa Investment Managers, im März 2006. Die Äußerung zeigt, wie großzügig manche Fondsgesellschaften dieses ursprünglich auf die großen vier Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China zugeschnittene Fondskonzept auslegen.
Geistiger Vater der Bric-Story ist Jim ONeill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. In seiner Studie "Dreaming with the Brics: The Path to 2050" stellte er Anfang Oktober 2003 erstmals seine Vision vor: Bereits im Jahr 2040 seien Brasilien, Russland, Indien und China zusammen eine stärkere Wirtschaftsmacht als die G6-Staaten USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Anlegern, die in die Bric-Staaten investieren, prophezeite ONeill daher hohe Renditen.
Die Resonanz darauf ist bis heute erstaunlich. Noch immer bringen Fondsgesellschaften Produkte auf den Markt, die sich mit dem Beinamen Bric schmücken. Neuestes Produkt in Deutschland ist der Dachfonds DWS Bric Garant, den die DWS Ende Juli aufgelegt hat. Bei den Anlegern
haben sich solche Produkte als Verkaufsschlager erwiesen. Allein in den zwölf Bric-Aktienfonds auf dem deutschen Markt stecken rund 9,3 Milliarden Euro. Dass sie zum Verkaufsschlager wurden, ist angesichts der guten Wertentwicklung kein Wunder: Auf Jahressicht erzielten die in Deutschland zugelassenen Fonds trotz der jüngsten Turbulenzen ein durchschnittliches Plus von 24,2 Prozent (Stichtag: 17. August 2007).
Doch nicht überall, wo Bric draufsteht, ist auch wirklich Bric drin zumindest nicht nur. Neben reinen Bric-Fonds gibt es zwei weitere Arten: Produkte, die zusätzlich Unternehmen aus anderen Schwellenländern kaufen, und Produkte, die weltweit investieren. Einige Bric-Fonds erweisen sich daher als Mogelpackung und übertreffen Cohen-Bengios Interpretation des Begriffs mitunter bei Weitem. "Die Investmentregeln lassen viel Platz für Spielräume", erklärt Svenja Maria Müller von der Rating-Agentur Lipper.
Zum Beispiel beim Allianz-Dit Bric Stars: Manager Michael Konstantinov darf ein Drittel des Vermögens weltweit investieren ohne jeglichen Bezug zu Brasilien, Russland, China oder Indien. "So kann ich das Risiko flexibel streuen und zusätzliche Renditechancen nutzen", sagt Konstantinov. Wie stark er die maximale Investitionsquote von 33 Prozent außerhalb der Bric-Staaten tatsächlich nutzt, hängt von der jeweiligen Marktlage ab. Derzeit machen Unternehmen aus anderen Regionen 15 Prozent seines Portfolios aus, im September 2006 waren es dagegen nur 5 Prozent. Dabei setzt der Allianz-Manager zum Beispiel auf die
israelische MA Industries einen Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, der Konstantinov zufolge 40 Prozent seiner Produktion in Brasilien absetzt. Demnach dürften sich Anleger eines Europa-Aktienfonds auch nicht wundern, wenn dort plötzlich der koreanische Elektronikkonzern Samsung auftauchte. Der erzielt nämlich ein Drittel seines Umsatzes in Europa.
Wahrheit und Klarheit sind relativ
DWS-Schwellenländerchef Thomas Gerhardt hält dagegen nichts von weltweit investierenden Bric-Fonds: "Ich bin für Produktwahrheit und -klarheit." Und ein Bric-Fonds müsse schließlich ein Schwellenländerfonds bleiben. So ganz treu bleibt der Manager des DWS Bric Plus diesem Grundsatz jedoch nicht. Zum Beispiel findet sich in seinem Fonds die Aktie des US-Sojabohnenanbauers Bunge. "Das Unternehmen erzeugt seine Sojabohnen in Brasilien und exportiert sie vor allem nach China", begründet Gerhardt. Daher sieht er die entsprechende Aktie sehr wohl als Schwellenländer-Investitionen.
Etwa 10 Prozent des Vermögens steckt Gerhardt nach dieser ganz eigenen Definition in Firmen aus anderen Regionen, zum Beispiel aus Israel. "Als wir das Produkt geplant haben, wollte ich einen gewissen Teil für Investitionen außerhalb der vier klassischen Staaten reservieren", sagt der DWS-Manager. Denn er habe im Laufe der Jahre festgestellt, dass Bric-Themen auch auf andere Länder wirken: "Zum Beispiel profitierten von der chinesischen Nachfrage nach Stahl vor allem koreanische Stahlunternehmen."
"Wer die Bric-Story spielen möchte, sollte lieber einen reinen Bric-Fonds wählen", rät Fondsanalystin Gabriele Hartmann vom Münchner Vermögensberater Fondsconsult dennoch. Ansonsten könne es Klumpenrisiken mit anderen Produkten geben wenn zum Beispiel die Aktie von Bunge gleichzeitig in einem Bric-Portfolio und einem US-Portfolio stecke. Auch vom Argument der Risikostreuung, das Allianz-Manager Konstantinov anführt, hält Hartmann wenig: "Das sollte der Anleger lieber selbst übernehmen, indem er zusätzlich in einen globalen Fonds investiert."
Der Firmensitz ist nicht wichtig
Der Axa WF Talents-Brick ist eher ein klassischer Schwellenländer-Fonds als ein Bric-Produkt. Das zusätzliche "k" im Namen soll Anleger daran erinnern, dass das Konzept über brasilianische, russische, indische und chinesische Unternehmen hinausgeht. Offiziell steht der fünfte Buchstabe für Korea. Doch Manager Charles Firmin Didot investiert zum Beispiel auch in Südafrika, Chile und Malaysia. Für Didot ist es ebenso wie für DWS-Mann Gerhardt nicht ausschlaggebend, wo die Unternehmen ihren Sitz haben. "Wichtig ist stattdessen, wo sie ihre Produkte verkaufen", sagt er. Insgesamt muss er nur die Hälfte des Vermögens in die fünf Länder investieren, für die der Name seines Fonds steht. Momentan machen Firmen aus Bric-Staaten gerade mal 68 Prozent seines Portfolios aus.
Nur fünf Produkte in Deutschland sind Bric-Fonds im eigentlichen Sinne. Dazu gehören neben den beiden HSBC-Fonds Bric Freestyle und Bric Markets der Schroder ISF Bric, der KBC Equity Fund Bric und Parvest Bric von BNP Paribas. Die Portfolios dieser Produkte enthalten ausschließlich Unternehmen aus den vier Staaten, die ONeill seinerzeit so griffig benannt hat. Damit entsprechen sie auch der Bric-Definition des Indexanbieters MSCI, nach der ein Bric-Unternehmen in einem der vier Staaten angesiedelt sein muss.
"Damit ein Fonds den Namen Bric überhaupt verdient, müssten Werte aus den vier Staaten mindestens 80 Prozent seines Portfolios ausmachen", sagt Analystin Hartmann. Dieser Definition zufolge fallen zwei Fonds durch: der Axa WF Talents Brick und der Espa Stock Brick.
Auch Botswana und Rumänien im Angebot?
Auch Oliver Stönner-Venkatarama hält nichts von Bric-Fonds mit erweitertem Anlagehorizont. "Inwieweit Unternehmen aus anderen Regionen vom Aufschwung in Brasilien, Russland, Indien und China profitieren könnten, kann man nur schwer messen", begründet der Schwellenländeranalyst der Cominvest. Zudem könnten Unternehmen aus der Bric-Region den Aufschwung stärker nutzen, da sie die Bedingungen vor Ort besser kennen würden.
Ebenso unterschiedlich wie die Zusammensetzung der Bric-Fonds ist ihre bisherige Wertentwicklung. Dabei liegen insgesamt weder reine Bric-Fonds noch solche mit erweitertem Anlageuniversum vorn: Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate belegt der Axa WF Talents Brick mit einem Plus von 33,5 Prozent den ersten Platz. Schlusslicht ist der HSBC Bric Freestyle mit 16,3 Prozent. Die Entwicklung der Aktienmärkte in den Bric-Staaten spricht jedoch für Produkte, die ausschließlich auf Unternehmen aus diesen vier Staaten setzen.
Mit dem Angebot an Bric-Fonds wird wohl auch die Vielfalt der Produkte weiter zunehmen. Wohin es gehen könnte, hat Axa-Produktspezialist Cohen-Bengio angedeutet. Nach seiner Auslegung wäre in den Portfolios sogar noch Platz für Botswana, Rumänien, Iran und Costa Rica.