Bric-Staaten Comeback der Super-Märkte
Es ist fast wie in alten Zeiten: Die Aktienkurse in Sao Paulo, Moskau, Mumbai und Shanghai zeigen steil nach oben. Seit Jahresbeginn haben die Indizes von Brasilien, Russland, Indien und China 42 bis 69 Prozent zugelegt. Im Formationsflug düsen die vier großen Bric-Börsen hoch über dem Parkett und hängen alle etablierten Märkte ab.
Selbstbewusstes Quartett: Die vier Chefs der Bric-Länder beim ersten Bric-Gipfel im russischen Jekaterinburg. Von links: Lula da Silva (Brasilien), Dmitrij Medwedew (Russland), Hu Jintao (China) und Manmohan Singh (Indien).
Foto: DPAWie selbstbewusst die vier Länder mittlerweile auch politisch auftreten, zeigte der Mitte Juni im russischen Jekaterinburg erstmals abgehaltene Bric-Gipfel. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew erklärte die geschichtsträchtige Stadt am Ural prompt zum "Epizentrum der Weltpolitik". "An Bric kommt keiner vorbei", stellte daraufhin HSBC-Ökonom Ou Hongbin fest, und für Bank-of-America-Analyst Michael Penn sind "die Bric-Staaten zurück auf der Bühne".
Dabei hatte es noch vor ein paar Monaten ganz nach einem Abschied von der erstmals im Oktober 2003 von Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill geschriebenen Bric-Erfolgsgeschichte ausgesehen. 2008 brach der von MSCI berechnete Index für die Bric-Staaten um 55 Prozent ein, der breite MSCI Welt verlor lediglich 39 Prozent. Zuvor war es für das Länder-Quartett sieben Jahre lang fast ununterbrochen nach oben gegangen.
"Im vergangenen Jahr haben Anleger für den sensationellen Erfolg der vorangegangenen Jahre bitter bezahlt", resümiert Thomas Gerhardt. Der Manager des DWS Bric Freestyle: "Es hat eine Superübertreibung nach unten stattgefunden - als ob jemand die Reset-Taste gedrückt hat und sich die Länder und Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht entwickelt hätten."
Krise 2008 war Superübertreibung
Sieben Jahre Euphorie, ein Börsenbeben und nun eine massive Erholung - die Jojo-Börsen der Brics melden sich mit einem dicken Ausrufezeichen zurück. Doch es tauchen auch Fragen auf. Sind die enormen Kurssprünge nur eine kurzfristige Erholung? Oder ist der Aufschwung von Dauer, und können sich die vier Märkte erneut vom Rest der Börsenwelt abkoppeln?
Eine erste Analyse muss beim Schlussverkauf des vergangenen Jahres beginnen. Warum brachen die Aktienmärkte der vier Länder trotz ihrer relativ starken Volkswirtschaften und der zum größten Teil völlig unbelasteten Finanzhäuser heftiger ein als der breite Markt? Der Grund war Fondsmanagern zufolge vielfach technischer Natur. "Immer nervösere Investoren brauchten Liquidität und zogen Geld dort ab, wo sie Gewinne machten - in der Regel eher aus den Märkten der Schwellen- als aus denen der Industrieländer", sagt Allan Conway, Leiter des Schwellenländeraktien-Teams bei der britischen Fondsgesellschaft Schroders.
Mit anderen Worten: Nur was hoch fliegt, kann auch tief fallen, und der MSCI Emerging Markets Index war sehr hoch oben: Auf Euro-Basis legte er von 1999 bis zu den ersten Einschlägen der Finanz- und Immobilienkrise im Juli 2007 um über 220 Prozent zu. Der MSCI Welt schaffte im gleichen Zeitraum nur zehn Prozent. Der Kurseinbruch in den Schwellenländern war somit nicht den Fundamentaldaten geschuldet.
Binnenkonsum treibt Bric-Länder
Und heute? 2009 dürfte das einzige Wachstum aus den Schwellenmärkten stammen. Diese haben den USA mittlerweile die Rolle als Motor des weltweiten Wirtschaftswachstums abgenommen und dürften über viele Jahre hinweg 70 bis 75 Prozent zu dieser Größe beisteuern. Das gilt sowohl für den Privatkonsum wie auch für das Investitionswachstum. Conway: "Noch vor zehn Jahren war das Konsumwachstum in den USA sehr viel wichtiger als das der Bric-Länder. Doch das Blatt hat sich gewendet." Die vier Super-Märkte erwirtschaften heute zusammen 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, sind für 13 Prozent des internationalen Handels verantwortlich und besitzen mit 2,8 Billionen Dollar fast die Hälfte aller weltweiten Devisenreserven.
Gleichwohl sind die enormen Kursgewinne seit den Tiefstständen für viele Experten vorerst nicht mehr als eine Erholung. "Wir sehen erste grüne Triebe, die im Zusammenhang mit anziehenden Rohstoffpreisen und einer gestiegenen Risikobereitschaft weltweiter Investoren stehen", sagt Alex Traver, Schwellenländer-Experte bei HSBC Asset Management. Tatsächlich hält sich der Risikoappetit derzeit noch in Grenzen, wie Zahlen der globalen Fondsindustrie zeigen.
Zwar erhielten globale Schwellenländerfonds von März bis Juni nach Berechnungen des International Institute of Finance (IIF) 23 Milliarden Dollar frisches Kapital - verglichen mit 54 Milliarden Dollar für das Gesamtjahr 2008 erscheint das recht viel. Im Vergleich zum Rekordjahr 2007, als Schwellenländerfonds per Saldo fast 900 Milliarden Dollar einsammelten, ist es jedoch nur ein Rinnsal.
Timing für eine Anlage ist Glück
Für Anleger und Berater gestaltet sich die derzeitige Lage dennoch recht knifflig. Kunden, die seit drei Jahren in einem der ersten Bric-Fonds investiert sind, haben idealerweise durchgehalten. Das hat zwar Nerven, aber kaum Geld gekostet (siehe Tabelle). Lohnt sich daher eine weitere, mitunter aufreibende Achterbahnfahrt? Wer indes nur zugeschaut hat, kann sich glücklich schätzen, vom verhängnisvollen Börsenjahr 2008 verschont geblieben zu sein. Aber jetzt einsteigen in Bric-Fonds oder -Zertifikate, nachdem diese schon bis zu 70 Prozent in weniger als sechs Monaten gestiegen sind?
Übersicht: Bric-Fonds in der Drei-Jahres-Übersicht
Foto: Eurofonds"Gutes Timing ist sehr schwierig - vielleicht mit Glück, kaum bewusst", weiß DWS-Manager Gerhardt. Und weiter: "Natürlich können Märkte, die in wenigen Monaten um 70 Prozent gestiegen sind, auch mal um 15 oder 20 Prozent korrigieren." Gerhardts Tipp für Späteinsteiger: "Wer noch unsicher ist, sollte die Hälfte heute einzahlen, eventuell eine kleine Korrektur aussitzen und den Rest im kommenden Jahr nachschießen."
Ähnlich sieht es Allan Conway: Für den Schroders-Manager ist die derzeitige Rally "nicht der Auftakt einer neuen Hausse". Wer jetzt einsteige, müsse kurzfristig mit weiterer Volatilität rechnen. Gleichwohl hält Conway die Bric-Märkte aus historischer Sicht für günstig bewertet: "In den kommenden Jahren können Investoren mit sehr überzeugenden Renditen rechnen."
Der Hauptgrund für die Stärke der Bric-Länder liegt darin, dass sie inzwischen durch die Inlandsnachfrage und nicht durch Exporte angetrieben werden. China ist dafür ein besonders gutes Beispiel: Ein immer größerer Teil der riesigen Bevölkerung hat mittlerweile den Sprung vom reinen Existenzminimum zu frei verfügbarem Einkommen geschafft. Entsprechend ist das Wachstum im chinesischen Einzelhandel heute sehr viel größer als das in den USA. Eine vergleichbare Entwicklung lässt sich in Indien beobachten. So ist der Absatz von Motorrädern und Autos zuletzt stark gestiegen. Symbolcharakter hat dabei der Tata Nano, das erste in Indien gebaute Billigauto: Der Verkauf startet just in jenem Jahr, in dem General Motors nach 101 Geschäftsjahren Insolvenz muss.
In Punkten:
| Index | Punkte vom 15.6.09 | Hoch | Tief | Kursgewinn seit Tief | Kurspotenzial zum Hoch |
|---|---|---|---|---|---|
| Brasilien: Bovespa | 52.548 | 73.516 (20.06.08) | 29.435 (27.10.08) | 78,5 % | 39,9 % |
| Russland: RTX | 1.182 | 2.383 (16.05.08) | 631 (23.01.09) | 87,3 % | 101,6 % |
| Indien: Sensex | 14.875 | 20.873 (08.01.09) | 8.160 (09.03.09) | 82,3 % | 40,3 % |
| China: Shanghai Composite | 2.789 | 6.092 (16.10.07) | 1.706 (04.11.08) | 63,4 % | 118,4 % |
"Wer sagt, dass die Abkopplung der Brics tot ist?", fragt daher Goldman-Sachs-Vordenker O'Neill in einem Aufsatz für das Nachrichtenmagazin "Newsweek" ("The new Shopping Superpower"). Seine Antwort fällt eindeutig aus: "Sie ist aktueller denn je und fiel lediglich in Ungnade, als der Kollaps der US-Wirtschaft die Brics ansteckte." Das belegt auch eine andere Zahl: Der Anteil der Exporte, die aus den Schwellenländern nach China gehen, ist nun höher als der Exportanteil der USA, und daher sollten gerade China und Indien trotz der weltweiten Rezession in diesem Jahr weiter stark wachsen.