Brisantes Angebot: Indien will deutsche Atomtechnik - DER SPIEGEL
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Brisantes Angebot Indien will deutsche Atomtechnik

Indien darf ab sofort Atomtechnik importieren - das hat die Gemeinschaft der Lieferländer beschlossen. Prompt gibt es eine Anfrage an Deutschland, das an der heiklen Entscheidung großen Anteil hatte. Technologieminister Sibal unterbreitete der deutschen Kollegin Schavan persönlich das Angebot.
Von Christian Schwägerl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Chennai - Eigentlich sind die Studenten und Wissenschaftler des Indian Institute for Technology (IIT) in ihr Auditorium gekommen, um mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) ein Jubiläum zu feiern. Deutsche Politiker und Professoren haben vor 50 Jahren die Gründung der Eliteschmiede in Chennai im tiefen Süden des Landes unterstützt. Die Halle ist bunt geschmückt, die Stimmung ausgelassen. Schavan ist angereist, um die Beziehungen zu pflegen - Indien, lange vernachlässigt, gilt der Bundesregierung als strategischer Partner für das 21. Jahrhundert.

Schavan präsentiert an diesem Tag ein neues Stipendienprogramm für Spitzenforscher des IIT Chennai und der deutschen Technischen Universitäten. Es wird viel geklatscht - doch der indische Technologieminister Kipal Sibal sieht noch einen ganz anderen Grund zum Feiern. Nach 34 Jahren Isolation ist Indien am Wochenende von der Gruppe der Nuklearlieferstaaten (NSG) rehabilitiert worden. Obwohl das Land den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, soll es künftig mit ziviler Technologie und mit Know-how für die Kernkraftnutzung beliefert werden. "Das ist ein historischer Moment, wir sind endlich wieder im Mainstream der nuklearen Technologieentwicklung", sagt der Minister. Deutschland, das derzeit den NSG-Vorsitz hat, war an der Entscheidung maßgeblich beteiligt. Die Grünen haben sie als hochproblematisch kritisiert.

Sibal und Schavan sind gut miteinander bekannt. Der Inder weiß auch um die zugespitzte Debatte um Atomkraft in Deutschland. Das hindert ihn nicht daran, einen überraschenden und brisanten Vorstoß zu machen: Nicht nur aus den USA, Russland und Frankreich will Indien künftig Nukleartechnologie erwerben - sondern auch aus Deutschland.

"Wir müssen die kommenden 50 Jahre Kooperation im Licht der Ereignisse vom Wochenende sehen", sagt der Minister in seiner Rede. Später wird er noch konkreter: In der Kooperation mit Deutschland werde man Schritt für Schritt herausfinden, "welche Komponenten und welches Know-how für uns wichtig" sind.

Sibal gibt sich als glühender Atomkraftbefürworter. Ohne die "saubere Technologie" könne der Kampf gegen die globale Erwärmung nicht gewonnen werden. In Indien sei sie vonnöten, um Millionen Menschen mit bezahlbarem Strom zu versorgen und ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Die Regierung werde massiv in den Bau neuer Anlagen investieren: Von heute 4200 Megawatt soll die Atomstromproduktion auf bis zu 60.000 Megawatt im Jahr 2030 steigen. Das entspricht 60 Kraftwerken von der Größe der neuesten deutschen Anlagen. Auf zehn Prozent solle der Nuklearanteil am Strom wachsen - bei stark steigendem Bedarf.

Kernkraftwerke Marke Eigenbau

Wegen des Embargos musste Indien seine Atomwirtschaft weitgehend im Eigenbau entwickeln. Das hat zwar auch die Entwicklung eines Schnellen Brüters nicht aufgehalten - aber doch die Entwicklung gehemmt. "Jetzt können wir die zivile Kernkraftnutzung endlich mit neuester Technologie vorantreiben."

Mit Deutschland hat der Subkontinent schon 1971 ein Abkommen über Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie geschlossen. Seit sich das Land nuklear bewaffnet und Tests durchgeführt hat, ruht diese Kooperation jedoch. Das soll sich nach dem Willen von Sibal nun schnellstmöglich ändern - auch wenn Deutschlands Atomtechnik durch Firmenübernahmen aus dem Ausland und den Atomausstieg geschrumpft ist.

Schavan hatte sich eigentlich darauf gefreut, dem Atomthema in Indien für ein paar Tage zu entkommen. In der vergangenen Woche musste sie die Zuständigkeit für das Forschungsendlager Asse an Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) abgeben, weil ihr Ministerium Missstände nicht in den Griff bekommen hat.

In ihrer Rede ging Schavan auf Sibals Atom-Offerte mit keinem Wort ein. Bei der anschließenden Pressekonferenz stimmte sie ihm jedoch grundsätzlich zu: Ohne Atomenergie werde es nicht möglich sein, die Erderwärmung zu stoppen. In Deutschland gelte zwar formal der Beschluss, aus der Atomkraft auszusteigen, doch "nur bis 2009", also bis zur Bundestagswahl.

Ob Deutschland auf den Wunsch Indiens eingehen und künftig über Firmen und Forschungseinrichtungen Nukleartechnologie und Know-how liefern wird, ließ die Ministerin offen: Sie habe die Äußerungen nicht als konkrete Anfrage verstanden, sagte sie. Für absehbare Zeit sei dies für die Forschungsförderung kein Thema - also in diesem und im kommenden Jahr.

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