Brokat-Hauptversammlung "Super-GAU im dritten Quartal"
Stuttgart - "Wir machen im finanziellen Bereich mit Hochdruck unsere Hausaufgaben" sagte Vorstandschef Stefan Röver am Donnerstag auf der Hauptversammlung der Brokat AG in Stuttgart. Wenn die Maßnahmen zur Kostensenkung nicht ausreichten, benötige das Unternehmen spätestens im vierten Quartal 2001 neues Kapital. Derzeit sei man in Verhandlungen mit großen Unternehmen aus der Informationstechnologie-Branche, um sie als Investoren zu gewinnen. Auf Grund dieser Äußerungen legte der Kurs bis zum Donnerstagmittag um 7,03 Prozent auf 3,50 Euro zu. Brokat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, ein Fünftel seiner rund 1450 Stellen abbauen und mehrere Standorte schließen zu wollen.
Frage der Existenz
Aktionärsvertreter übten massive Kritik an Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens. "Das Management hat versagt", sagte Rudolf Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) unter dem Applaus der Aktionäre. Er warf dem Vorstand vor, die Kostensenkungen zu spät in Angriff genommen zu haben. "Jetzt geht es um die existenzielle Frage, wie Brokat die Insolvenz vermeiden kann." Winfried Holtermann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kündigte an, sein Verband erwäge weitere rechtliche Schritte gegen die Führungsgremien des Unternehmens. Mit einem monatlichen negativen Cashflow von 15 Millionen Euro werde Brokat seine liquiden Mittel schon früher als behauptet aufbrauchen. "Im dritten Quartal und nicht im vierten Quartal tritt der Super-GAU ein."
Sand im Kopf
Dem 36 Jahre alten Vorstandschef Röver war die innere Anspannung anzumerken, als er vor die Anteilseigner trat. Mit Gelächter reagierten die rund 800 Aktionäre auf seinen Versprecher, Brokat werde "den Sand nicht in den Kopf stecken". Die erfolgreichen Produkte und die weltweit führende Marktposition des Spezialisten für Internet-Banking seien im derzeitigen Aktienkurs nicht reflektiert, meinte Röver. Das Papier war unter anderem auf Grund von deutlich reduzierten Umsatzprognosen und der angespannten Finanzsituation aus einstigen Höhen von 200 Euro auf zuletzt drei Euro abgestürzt. Ein Analyst hatte die Finanzmärkte schockiert, als er das Kursziel auf "null Euro" bezifferte.
Röver betonte, die Sicherung der Liquidität sei die "alleroberste Priorität" für Brokat. In der vergangenen Woche hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass die Hälfte des Grundkapitals der AG aufgebraucht sei. Der Manager gestand auch Fehler ein: "Die Märkte haben sich nicht so entwickelt, wie wir es erwartet haben, und das hätte man möglicherweise vorhersehen können." Künftig will Röver das Unternehmen stärker nach Geschäftsbereichen gliedern. Ein wichtiger Zukunftsmarkt sei Software für das elektronische Bezahlen per Handy. Mit der Deutschen Telekom und Vodafone seien in diesem Bereich große Kunden gewonnen worden.
Die 1994 gegründete Brokat AG zählte zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen der "New Economy" in Deutschland. Im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz unter anderem durch zwei Übernahmen in den USA um 148 Prozent auf 119,6 Millionen Euro (234,1 Millionen Mark). Dem gegenüber stand ein Jahresfehlbetrag in Höhe von 125,9 Millionen Euro.