Brust raus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 59 / 105

Bauern Brust raus

Der Getreidepreis soll sinken, die Landwirte erhalten einen Ausgleich vom Staat.
• aus DER SPIEGEL 22/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hundert Jahre lang hielten sich deutsche Agrarpolitiker und Lobbyisten an die alte Bauernregel: »Kosten Körner viel, dann geht's den Bauern gut.«

Im Jahre 1879 führte Bismarck, auf Drängen der Junker, Getreide-Einfuhrzölle ein. Und noch 1985 fuhr Bonns Agrarminister Ignaz Kiechle mit seinem Veto dazwischen, als in Brüssel der Getreidepreis um nur 1,8 Prozent gesenkt werden sollte.

Vergangene Woche verabschiedete sich Kiechle vom alten Dogma der Agrarpolitik. Mit seinem Ja zu einer Preisreduzierung für EG-Getreide von 29 Prozent in drei Jahren gab er den Weg frei für eine Veränderung des aufwendigen europäischen Agrarprotektionismus, die erstmals seit 30 Jahren den Namen Reform verdient.

Die Betroffenen allerdings sollen vom Preisverfall nichts merken. Der Getreidepreis wird zwar von jetzt rund 155 auf 110 Ecu pro Tonne sinken, dafür aber erhält jeder Bauer aus der EG-Kasse durchschnittlich pro Hektar 600 Mark im Jahr - eine Regelung, die sogar teurer werden kann als das alte System.

Europas Agrarminister sind dennoch mit sich und ihrem nach eineinhalb Jahren Gezerre vollbrachten Werk zufrieden. Immerhin haben sie ein System durchbrochen, das die Preise in die Höhe trieb, zu Überproduktion führte und die EG-Kasse überforderte. Und sie haben erstmals direkte Einkommensübertragungen an Europas Getreidebauern beschlossen.

Bisher wurden den Bauern Jahr für Jahr höhere Preise garantiert, um so ihre Einkommen zu verbessern. Wer mehr erntete, der kassierte mehr Subventionen. Überschüsse wurden eingelagert und mit weiteren Subventionen auf den Weltmarktpreis herabgedrückt - zum Ärger der anderen Getreideanbieter in der Welt.

Der verabredete Preisverfall soll dafür sorgen, daß weniger produziert wird. Die Landwirte bekommen die Ausgleichszahlung nur dann, wenn sie 15 Prozent ihrer Getreidefläche stillegen. Zudem soll der niedrigere Preis dafür sorgen, daß statt billiger Substitute wie Soja wieder mehr Getreide verfüttert wird.

In wenigen Jahren, so das ehrgeizige Ziel der Reform, sollen die EG-Bauern nur noch soviel Getreide produzieren, wie die Europäer selbst verbrauchen.

Als die Agrarminister am Donnerstag vergangener Woche völlig übermüdet nach 50stündigen Verhandlungen in die Brüsseler Sonne blinzelten, da überdeckte der spektakuläre Getreidedeal vieles von dem, was im Agrarreformpaket außerdem enthalten ist. Und das nimmt sich gar nicht so gut aus.

So ließ sich Kiechle für seine heimischen Bauern eine nationale Morgengabe von 2,2 Milliarden Mark für 1992 genehmigen - als Ausgleich für einen im vergangenen Jahr ausgelaufenen Ausgleich einer längst vergessenen Wechselkursanpassung vor zehn Jahren. Das wiederum brachte die Südländer dazu, sich höhere Quoten für ihre Milchproduktion zuzuschanzen.

Und der Vorschlag der EG-Kommission, die direkten Einkommenshilfen für die Getreideproduzenten von der Größe der Betriebe abhängig zu machen, wurde schnell beiseite gelegt. Sonst wären die französischen Großbauern verärgert worden.

Auch das Getreidegeschäft verliert bei näherem Hinsehen einiges seiner Faszination. Das alte marktwirtschaftswidrige Marktordnungsprinzip der EG - Agrarprodukte werden zu festen Preisen vom Staat aufgekauft - bleibt unangetastet. Bisher wurde jährlich um die Höhe der Getreidepreise in unzähligen Nachtsitzungen gerangelt, in Zukunft wird wohl der direkte Einkommenszuschuß Gegenstand des Kuhhandels werden.

»Die Reform wäre erst perfekt«, räumt ein Brüsseler Agrarexperte aus der Kommission ein, »wenn die Beihilfen abgebaut und die Garantiepreise aufgegeben würden.«

Das aber geht nun doch noch über die Kräfte der Bauernminister. Immerhin haben sie es geschafft, den Genfer Gatt-Verhandlungen, die wegen der Agrarfrage festgefahren sind, neuen Auftrieb zu geben.

In dieser Woche will EG-Außenkommissar Frans Andriessen nach Washington fliegen, um mit dem Kollegen James Baker die Gatt-Runde wieder flottzumachen. Die Amerikaner blockieren einen weiteren weltweiten Abbau von Handelshemmnissen, weil sie den ruinösen Wettbewerb der Europäer auf dem Agrarmarkt nicht länger hinnehmen wollen.

Nun, so kann Andriessen seinem Partner Baker zusagen, wird subventioniertes EG-Getreide zu Dumping-Preisen vom Weltmarkt verschwinden. Nach den Vorstellungen der Gatt-Runde sollen allerdings direkte Einkommenshilfen an Bauern nur dann zugelassen sein, wenn sie, anders als in der neuen EG-Regelung, unabhängig von der Produktion gewährt werden.

Die Europäer fühlen sich nach den jüngsten Beschlüssen dennoch in der besseren Position. »Mit Brust raus, hocherhobenen Hauptes und Stolz«, so der aus Irland stammende Agrarkommissar Ray MacSharry, könnten die Europäer jetzt in Washington auftreten.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 105