Erdgas Büchse der Pandora
Seiner Firma gehören fast alle Ferngasleitungen in der ehemaligen DDR. Kein anderes Unternehmen wird vom allseits erwarteten Erdgas-Boom in Ostdeutschland so profitieren können wie der Pipeline-Monopolist.
Dennoch fehlt Klaus-Ewald Holst, dem Chef der Verbundnetz Gas (VNG), der rechte Optimismus. »Ich kann nicht umhin festzustellen«, so Holst, »daß auch unsere Stimmung schlechter wird.«
Das Bundeskartellamt hat die Stimmung in Ostdeutschlands einzigem Ferngasunternehmen gedrückt. Die Berliner wollen VNG zwingen, durch ihr Netz Gas zu leiten, das die westdeutsche Wintershall einem bisherigen Kunden des ostdeutschen Unternehmens liefern möchte.
Der Vorgang ist so bedeutsam für künftige Geschäfte, daß die VNG bis vor den Bundesgerichtshof ziehen will, um sich gegen diesen Bescheid zu wehren. Diese Woche wird das Unternehmen erst einmal Beschwerde beim Kammergericht in Berlin einlegen.
Wenn der Kartellamts-Beschluß nicht kippt, hat sich das Unternehmen darauf einzustellen, daß es weitere Teile seines Leitungsnetzes für den Eindringling aus dem Westen öffnen muß. Ein harter Wettbewerb um jeden gewichtigen Gasverbraucher in Ostdeutschland wäre dann unausweichlich.
Das wäre ganz im Sinne der EG-Kommission in Brüssel. Wenn es nach den Plänen von Energie-Kommissar Antonio Cardoso e Cunha geht, dann werden demnächst alle Monopole in Europas Gas- und Stromversorgung beseitigt. Nur wer seine Leitungen selbst auslastet, kann dann verhindern, daß ein anderer diese mitbenutzt.
Deutschlands mächtigster Gaskonzern, die Essener Ruhrgas, müßte dann beispielsweise dulden, daß einer seiner bisherigen Kunden Gas in Norwegen einkauft und dies dann durch Ruhrgas-Pipelines leitet. Erst recht wäre es mit einem Super-Monopol wie dem der staatlichen Gaz de France vorbei. Das Unternehmen beherrscht in Frankreich das gesamte Geschäft vom Import bis zu jeder Gasheizung.
Den Großabnehmern der Gasmonopole, zu denen vor allem die Chemie- und Stahlkonzerne zählen, kann Konkurrenz unter Gasanbietern nur recht sein. Sie hoffen auf sinkende Preise, wenn sie nicht mehr auf nur einen einzigen Lieferanten angewiesen sind.
Bereits 1989 ließ die EG schätzen, was die europäischen Gasverbraucher nach Einführung einer Durchleitungspflicht jährlich sparen würden: 625 Millionen Ecu, gut 1,3 Milliarden Mark. Nach einem Gutachten, das die Chemieindustrie in Auftrag gab, hätten die Gasabnehmer pro Jahr sogar wirtschaftliche Vorteile bis zu 26 Milliarden Mark.
Nach Ansicht der Gasindustrie wäre der freie Zugang zu den Pipelines allenfalls für Großverbraucher vorteilhaft. Für alle anderen Abnehmer würden die Gastarife steigen. »Mit dem Durchleitungszwang«, warnt Ruhrgas-Chef Klaus Liesen, »würde die Büchse der Pandora geöffnet.«
Sicher ist bislang nur, daß sich die europäische Gaswirtschaft nach Einführung einer Durchleitungspflicht stark verändern würde. Von Großbritannien abgesehen, wo Margaret Thatcher 1986 das Monopol von British Gas abschaffte, gibt es derzeit in keinem europäischen Land Gasgesellschaften, die gegeneinander konkurrieren.
In deutschen Landen verteilen zwar mehr als 500 Unternehmen Gas. Wettbewerb zwischen diesen Gesellschaften aber gibt es nicht. Durch Demarkations- und Konzessionsverträge haben sie ihre Reviere gegeneinander abgeschottet.
Konkurrenz haben die Gasverteiler derzeit nur von anderen Energieanbietern zu fürchten, vor allem von den Verkäufern leichten Heizöls. Sie richten ihre Tarife daher so aus , daß diese sich nicht zu weit vom Ölpreis entfernen.
Nach Einführung der Durchleitungspflicht wäre dieses sogenannte System des anlegbaren Preises nicht länger zu halten. Der Gaspreis würde weniger vom Auf und Ab der Heizöl-Notierungen als von Angebot und Nachfrage auf dem Gasmarkt selbst bestimmt.
Wenn der Gas- vom Ölpreis abgekoppelt wird, so behaupten die Befürworter eines freien Zugangs zu den Pipelines, werden alle Verbraucher von sinkenden Gastarifen profitieren. Die Kapazität der bestehenden Leitungsnetze werde besser ausgelastet. Kleinere Produzenten, die bislang von den Monopolgesellschaften abgeblockt werden, könnten ihre Förderung erhöhen.
Die Anhänger einer Durchleitungspflicht verweisen vor allem auf Erfahrungen mit diesem System in den USA. Dieser Vergleich jedoch, so meinen Europas Gaslieferanten, sei unzulässig.
In den USA, so die Argumentation der Gasmanager, fördern über 10 000 Firmen Gas. Auf dem europäischen Kontinent dagegen stützt sich die Gasversorgung auf einen kleinen Kreis von Fördergiganten aus den Niederlanden, Norwegen, Rußland und Algerien.
Dieser geballten Angebotsmacht sollten starke Einkaufskonsortien gegenüberstehen, meinen die Verteidiger der Gasmonopole. Andernfalls könnten die Gasproduzenten in Zeiten eines knappen Energieangebots ihre Preise mühelos hochschrauben.
Auch bei reichlichem Energieangebot würden womöglich nur Großverbraucher wie etwa die Chemiekonzerne von dem neuen System profitieren. Die Großabnehmer könnten direkt beim Produzenten einkaufen und hätten nur ein - von einer Aufsichtsbehörde festgesetztes - Entgelt für die Nutzung der Pipelines zu zahlen. Die Gasverteiler würden sich dann bei den Kleinabnehmern für die Verluste schadlos halten, die ihnen durch das Abspringen von Großkunden entstehen.
Ruhrgas-Chef Liesen betont immer wieder, daß auch ohne zwangsweise Öffnung des bestehenden Leitungssystems ein Wettbewerb innerhalb der Gasbranche möglich sei: Jeder, der am Gasgeschäft teilnehmen wolle, könne ja selbst eine Pipeline bauen.
Das galt bis vor kurzem als böse Ironie - die Kosten einer derartigen Investition sind abschreckend hoch. Niemand rechnete mit einer solchen Attacke gegen das Gas-Establishment.
Doch das Unerwartete geschah. Der Gasgroßverbraucher BASF beauftragte 1989 seine Energie-Tochter Wintershall mit dem Bau einer Fernleitung von der Nordsee bis an den Oberrhein. Über diesen Gasstrang will sich der Chemiekonzern von Ende 1993 an nicht nur selbst versorgen, sondern auch der Ruhrgas Kunden abjagen.
Nach dem Zusammenbruch der DDR begann Wintershall zudem den Bau einer Fernpipeline in Sachsen und Thüringen. Als es dem Neuling gelang, die nur über VNG-Leitungen erreichbare südsächsische Foto- und Spezialpapierfabrik Weißenborn als Kunden zu gewinnen, kam es zum offenen Krach mit Revier-Verteidiger VNG. Die Ost-Firma weigerte sich, »Transportknecht« für Wintershall zu werden.
Verbittert nahm VNG zur Kenntnis, daß sich das Kartellamt den Argumenten der Wintershall anschloß. »In vorauseilendem Gehorsam gegenüber Brüssel«, sagt VNG-Chef Holst, »soll in Ostdeutschland geprobt und durchgeboxt werden, was in ganz Europa noch auf heftigen Widerstand stößt.«