GLASINDUSTRIE Bunte Vielfalt
Die Flaschenhersteller, jahrelang wegen wachsender Müllberge von Umweitschützern attackiert, haben ihre Lektion gelernt: Jetzt machen sie aus Scherben Geld und sind sich des Beifalls sicher.
Das Umweltbundesamt lobt die Branche als vorbildlich, und der Innenminister gibt Rückendeckung: Erst Mitte Juli forderte Gerhart Baum die deutschen Meiereien auf, Milch wieder in Glasflaschen abzufüllen.
Die Hohlglasindustrie hat in einer Spanne von fünf Jahren ein funktionierendes System zur Wiederverwendung von Rohstoffen (Recycling) entwickelt. Trotz massenhafter Verwendung der Einwegflaschen wandert allmählich weniger Glas auf die Müllhalden.
Flaschen und Konservengläser werden eingesammelt, geschmolzen und zur Herstellung neuer Behältnisse verwendet -- und das in beachtlichem Umfang. Im vergangenen Jahr nahm die Glasindustrie 370 000 Tonnen Altglas zurück; 1973 waren es erst 60 Tonnen. Und während die Branche -- 34 Betriebe mit gut 20 000 Beschäftigten -- weniger als im Vorjahr produziert (siehe Graphik), wächst der verwertbare Scherbenberg in diesem Jahr auf 410 000 Tonnen.
Gesammelt wird das Altglas mittlerweile in rund 15 000 Spezial-Containern, die auf Märkten und Kirchplätzen, an Supermärkten und Wohnsilos aufgestellt wurden. In 274 Landkreisen und Städten wird die Müllabfuhr so vom Glas entlastet.
Die Altglas-Verwertung hat gar einen neuen Gewerbezweig entstehen lassen, in dem mehr als 80 kommunale und private Unternehmen rund 1300 Menschen beschäftigen -- die Glas-Recycler. Sie stellen die Container auf, sorgen für den Abtransport der vollen Behälter, reinigen und zerkleinern den Scherbenberg in speziellen Anlagen und transportieren den so aufbereiteten Müll zu den Glashütten.
Der scheinbar wertlose Abfall ist für die Industrie wichtiges Rohmaterial. Zwar sind die eigentlichen Rohstoffe zur Glasherstellung -- Quarzsand, Soda, Kalk, Feldspat -- reichlich und relativ preiswert verfügbar. Aber die Branche macht mit dem Scherbenkauf ein besseres Geschäft.
Die Kosten für aufbereitete »Fremdscherben« (Branchenjargon) liegen bis zu 20 Prozent unter dem Preis, den die Glashütten für ihre Rohstoffe zahlen müssen. Zudem sparen die Betriebe am immer teurer werdenden Öl.
Denn weil die Scherben schneller schmelzen als Quarzsand, brauchen die Hütten rund 15 Prozent weniger Energie. Umgerechnet auf die Branche ergibt das eine Einsparung von mehr als 85 000 Tonnen 01 pro Jahr.
So einleuchtende betriebswirtschaftliche Überlegungen haben indes die Industrie nicht zur Scherbenschmelze verlockt. Vielmehr stand die Branche unter Druck aus Bonn: Nach Verabschiedung des Abfallbeseitigungsgesetzes (1972) drohte die Bundesregierung, die populäre Einwegflasche zu verbieten, wenn der Glasanteil im Müll nicht verringert würde. Und die Einwegflasche -- seit Mitte der sechziger Jahre unter dem Motto »Ex und hopp« propagiert -- brachte Umsatz und Gewinn. Bereits 1970 wurden über 400 Millionen Stück abgesetzt -- fast hundertmal soviel wie 1966.
Die Einzelhändler waren mit dem Produkt zufrieden, weil sie sich nicht mehr mit Pfandflaschen plagen mußten. Umweltschützer aber begannen immer lauter vor den Gefahren der Ex- und-hopp-Lawine zu warnen.
Die Branche verzichtete schließlich auf ihren pfiffigen Slogan und sann auf einen Ausweg. Denn von der Einwegflasche konnte die Glasindustrie nicht lassen, wollte sie im Wettbewerb mit den Verpackungsmaterialien Kunststoff, Blech und Pappe nicht unterliegen.
Das Recycling schien der einzige Ausweg aus dem Dilemma: Der Handel bekommt weiterhin die Einwegflasche, der Müll wird weniger, die Glashütten können ihre Kapazitäten ausfahren und sparen noch Energie.
Inzwischen hat sich die Industrie soweit auf das Altglas eingestellt, daß sie auf Importe angewiesen ist. 1978 wurden 113 000 Tonnen eingeführt, etwa die Hälfte davon aus der DDR.
Sorgen macht den Glashütten bislang nur die bunte Vielfalt des Materials. Rund 85 Prozent des Altglases sind Scherben aller Farben und deshalb allein für die Herstellung grüner Flaschen geeignet. Die grünen aber machen nicht einmal ein Drittel der gesamten Behälterglasproduktion aus.
Für braune oder durchsichtige -- »weiße« -- Flaschen benötigen die Schmelzen farbsortierte Scherben. Die dafür erforderlichen Spezialcontainer müssen erst noch in großer Zahl aufgestellt werden.
Die Farbe der neuen Flaschen bestimmt auch die Menge an Altglas? die bei der Produktion Verwendung findet. Für grünes Glas können bis zu 70 Prozent Scherben zugesetzt werden, für weißes und braunes bis zu 40 Prozent.
Dann aber wird es kritisch. Bei einem noch höheren Altglasanteil ist die Farbe der neuen Flaschen nicht mehr zu bestimmen.
Das Ergebnis wäre eine milchiggraue »Umweltflasche«, wie sie in Israel bereits produziert wird. Aber für die gibt es, so behauptet die Branche, in Deutschland »keinen Markt«.