Call-by-Call Viele Anbieter vor der Pleite
Nach mehr als 30 Dienstjahren bei der Deutschen Telekom AG kann Gerd Tenzer so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Doch wenn sich der Technikvorstand des Ex-Monopolisten routinemäßig die Aufstellung der Forderungen an deutsche Konkurrenzunternehmen vorlegen lässt, bilden sich immer breitere Sorgenfalten auf seiner Stirn.
Die säuberlich aufaddierten Zahlenkolonnen könnten für die Telekom zu einer echten Belastung werden. Mit einer Gesamtsumme von fast einer halben Milliarde Mark sind deutsche Konkurrenten wie Teldafax, 01051, Callino oder NetCologne derzeit bei dem Telefonmulti verschuldet.
Das allein wäre für die Telekom noch kein Grund zur Besorgnis. Dass Rechnungen oft erst nach Wochen bezahlt werden, ist in der Industrie heute normal. Doch viele der auf vier eng beschriebenen Seiten aufgezählten Unternehmen weigern sich seit Monaten beharrlich, die Außenstände zu begleichen. Gesprächsangebote und Mahnungen verpuffen nach Angaben der Telekom wirkungslos.
Mehr als die Hälfte der Forderungen befindet sich in der dritten Mahnstufe. Und den Telekom-Managern dämmert allmählich, dass sie auf einem Großteil sitzen bleiben könnten.
In einer bis dahin einmaligen Aktion hatte der Konzern vor einigen Wochen bereits der Frankfurter Star Telecom die Leitungen gekappt. Sie war trotz potenter Großkunden wie der Frankfurter Stadtverwaltung nicht in der Lage, Rechnungen für Mietleitungen und sonstige Leistungen der Telekom in Höhe von rund 16 Millionen Mark zu begleichen. Die gut 500.000 Kunden des Preisbrechers mussten sich daraufhin einen neuen Telefonanbieter suchen.
Schon in der nächsten Woche könnte der Teldafax AG ein ähnliches Schicksal drohen. Die Marburger Firma schuldet der Telekom mehr als 85 Millionen Mark. Sollte bis Anfang der Woche nicht ein Teil davon bezahlt sein, ließ die Telekom das börsennotierte Unternehmen wissen, werden auch dort die Leitungen gekappt auf Anfrage des SPIEGEL war Teldafax nicht zu einer Stellungnahme bereit.
Sorgen bereiten den Telekom-Managern auch viele andere Billiganbieter, so zum Beispiel das Frankfurter Unternehmen RSLCom, dessen US-Muttergesellschaft vorvergangene Woche Konkurs angemeldet hat.
Nicht einmal dreieinhalb Jahre ist es her, dass die meisten dieser Unternehmen mit geradezu euphorischen Erwartungen in den Wettbewerb gestartet waren. Damals hatte die Bundesregierung den von der Telekom beherrschten Markt für den Wettbewerb freigegeben. Unzählige Firmen traten mit immer billigeren Tarifen an, um dem Ex-Monopolisten Kunden und Marktanteile abzujagen.
Inzwischen ist die Goldgräberstimmung verflogen, viele Telekom-Konkurrenten stehen vor dem Aus. Fast überall werden Investitionspläne gestrichen und Gewinnprognosen revidiert. Besonders für die kleineren Konkurrenten der Telekom, sagt Joachim Dreyer, Präsident des Verbandes der Telekom-Konkurrenten, sei "eine unglaublich kritische Situation" entstanden.
Aber nicht nur die Kleinen tun sich schwer. Selbst Großanbieter wie Viag Interkom haben sich aus dem schwierigen Festnetzgeschäft für Privatkunden zurückgezogen.
Die Gründe für den tief greifenden Wandel sind vielfältig. Teils ist es die drastische Senkung der Ferngesprächstarife von bis zu 90 Prozent, die von den Newcomern entfacht wurde und auf die der Bonner Telefonmulti mit eigenen Billigangeboten reagierte. Teils liegt es auch an mangelnden Managementqualitäten wie etwa bei den Stromkonzernen RWE und der ehemaligen Veba, deren gemeinsam gegründete Telefontochter Otelo trotz Milliardeninvestitionen keine Erfolge verbuchen konnte.
Verantwortlich ist vor allem eine verfehlte Regulierungspolitik. Über 400 Lizenzen hat die zuständige Behörde vergeben, die meisten Anbieter erfüllen aber gerade einmal die Mindestauflagen und bieten lediglich so genannte Call-by-Call-Gespräche an, bei denen sie meist auf die Infrastruktur der Telekom zurückgreifen.
Die versprochene Marktöffnung im Ortsnetz, bei der potentere Unternehmen mit eigenen Diensten den kompletten Telefonanschluss eines Kunden übernehmen sollten, blieb hingegen aus. Mit einem monatlichen Mietpreis von 25,40 Mark wurden die Gebühren so hoch angesetzt, dass sich der Einstieg ins Ortsnetz für die Newcomer nicht rechnet. Daran ändert auch nichts, dass der neue Präsident der Regulierungsbehörde, Matthias Kurth, vergangenen Freitag den Preis um den eher symbolischen Betrag von einer Mark senkte.
Bis auf wenige Ausnahmen wie Arcor oder die auf Großkunden spezialisierte Frankfurter Colt Telecom hängen deshalb die meisten Anbieter weiter am Tropf der Telekom. Der knallharte Preiskampf jedoch führt dazu, dass sie die Mietpreise kaum noch bezahlen können und so den Bonner Telefonmulti zu unpopulären Maßnahmen zwingen.
"Wenn nicht bald Entscheidendes passiert", ahnt Dreyer, müsse man sich "Woche für Woche auf eine neue Pleite einstellen". Und am Ende, so der Verbands-Präsident, "zahlt der Privatkunde die Zeche".
FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK