CargoLifter Hauptversammlung Luftschlösser zu Luftschiffen
Briesen-Brand - "Jetzt muss man mal durchs Feuer gehen!" fordert CargoLifter-Aktionär Michael Fortun. Er will die Papiere der Brandenburger Luftschiffwerft halten - trotz der finanziellen und technischen Probleme sowie des Kursverfalls um zwei Drittel seit dem Börsengang im Mai 2000. Der bärtige Gymnasiallehrer hat höheres als Rendite im Sinn: "Wir brauchen CargoLifter, damit Deutschland an die Spitze kommt." Fortuns Glaube an das geplante Luftschiff, das 160 Tonnen schwere Lasten transportieren soll, scheint unerschütterlich.
Auf solche Aktionäre ist CargoLifter angewiesen. Denn bei der Hauptversammlung am Samstag musste der Vorstand zugeben: Die Entwicklung des Riesen-Luftschiffs wird ein Jahr länger dauern und teurer werden als geplant. CargoLifter-Chef Carl von Gablenz spricht jetzt von 720 statt 590 Millionen Euro, die Unternehmensberatung Roland Berger geht sogar von 880 Millionen Euro aus. Den Fehlbetrag sollen der Staat mit Darlehen und eben die Aktionäre mit neuen Wertpapieren ausgleichen.
Am Samstagvormittag reihten sich fast 4000 der 70.000 CargoLifter-Investoren in eine kilometerlange Karawane von Mittelklasseautos ein, die sich vorbei an stillgelegten Hangars für MiG-Jets auf die imposant wie eine Kathedrale wirkende Werfthalle in Briesen-Brandt südlich von Berlin zu bewegte. Die Hauptversammlung hatte Volksfestcharakter: Zwischen den Klappstuhlreihen turnten die Kinder der Aktionäre; CargoLifter-Anstecker, -Bücher und -Jacken verschwanden in Papiertüten mit der Aufschrift "Carli bringt's".
Die meisten Teilhaber der AG sind Kleinanleger mit 100 bis 200 Aktien. So wie der Polier Ferdinand Henneke, der extra für die Hauptversammlung aus Nordrhein-Westfalen nach Brandenburg gekommen ist. Für wie viel er seine 100 Anteilsscheine gekauft hat, weiß er nicht mehr genau ("so 40 Mark"). Er gebe CargoLifter Geld, weil ihn schon immer Luft- und Raumfahrt interessiert habe. "Das ist 'ne gute Sache", ist sich der Handwerker sicher. Irgendwann könne man mit dem Luftschiff viel günstiger als auf dem Landweg beispielsweise Kraftwerksteile transportieren. In andere Gesellschaften habe er nicht investiert, sagt Henneke.
Vertrauen in den Vorstand hat die CargoLifter-Gemeinde offensichtlich: Alle Anträge segnete die Hauptversammlung mit geradezu sozialistischen Ergebnissen von um die 99 Prozent Zustimmung ab. Die gilt besonders dem rhetorisch geschickten und souverän auftretenden Vorstandschef von Gablenz. Das Konzept des eher zurückhaltenden Finanzvorstands Karl Bangert dagegen war beispielsweise Niels Vierus zu vage. Trotzdem ist er zuversichtlich: "Herrn von Gablenz traue ich schon zu, dass er die neuen strategischen Investoren findet", sagt der Trierer Software-Ingenieur. Diese sollen CargoLifter finanziell über Wasser halten, bis der Bund ein Darlehen von 300 Millionen Euro genehmigt.
Gablenz ist es, der den Aktionären immer wieder hoffnungsvoll stimmende Nachrichten präsentiert. Dieses Mal ist es der erste Verkauf des Ballons vom Typ CL-75 AirCrane, mit dem die kanadische Heavy Lift Inc. Ölförderanlagen über die Eisstraßen Nordkanadas transportieren will. Auch der AirCrane ist mit seinen 61 Metern Durchmesser gigantisch. Die Botschaft lautet: Wir haben nun für 9,7 Millionen US-Dollar so ein riesiges Gefährt verkauft, dann werden wir später auch mit dem Flaggschiff, dem 260 Meter langen CL-160, Geld verdienen.
Nur wenige interessieren sich für die Frage, ob hinter dem Unternehmen aus Kanada überhaupt solvente Investoren stehen. Tatsächlich ist es eine Neugründung, an der sich CargoLifter mit 20 Prozent beteiligen wird. Auch dieses Mal konnte der Vorstandschef keinen neuen Großinvestor präsentieren, noch einmal musste Gablenz den Zeitplan strecken. Doch Beifall bekommt er nach wie vor für Sätze wie: "Wir machen das. Wir ziehen das durch!"
Den CargoLifter-Begeisterten gelten die Medien als Miesmacher. "Besonders der Spiegel' schmeißt mit Dreck. Die leben doch von so etwas", kommentiert der Rathenower Lehrer Fortun mehrere Artikel, in denen vor allem die technische Machbarkeit des Projekts bezweifelt wurde. Kernfrage ist: Wie kann ein so riesiges, aber dennoch relativ leichtes Gefährt ruhig genug im Wind gehalten werden, um es mit 160 Tonnen schweren Lasten zu beladen? Da müsse man eben forschen und das Problem lösen, antwortet Fortun. Und bis dahin empfiehlt er: "Es muss endlich Schluss sein mit dieser ewigen Jammertal-Kultur."