China-Experte im Interview "Es wächst ein Volk von Egoisten heran"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Hirn, Sie schildern in Ihrem gerade erschienenen Buch "Herausforderung China" Traumkarrieren im Wirtschaftwunderland China. So steht ein Analphabet einem Schuh-Unternehmen vor, das 70 Millionen Euro Umsatz macht. Der chinesische Unternehmer Li Ka-shing gilt als reichster Mensch Asiens. Er begann als Plastikblumen-Händler. Weshalb hört man von solchen Karrieren in Deutschland nie?
Hirn: Weil China derzeit eine Entwicklung hinlegt, die wir in den fünfziger Jahren durchmachten. In dieser Aufbruchsphase hatten wir auch solche Unternehmer, die Neckermanns und Grundigs.
SPIEGEL ONLINE: Die Nachkriegszeit zeichnete sich bei uns durch großen Optimismus aus.
Hirn: Zwischen dem Optimismus in China und dem bei uns heutzutage liegen Welten. In China kann man die Aufbruchsstimmung greifen, die Dynamik ist zu riechen. Und in Deutschland schlagen wir uns mit Problemen wie der Ausbildungsabgabe herum. In Hongkong baut man innerhalb von drei Jahren einen Flughafen ins Meer hinaus, und in Hamburg braucht man 20 Jahre, um einen Zubringer zum Flughafen hinzubekommen.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt jedoch auch Schattenseiten der Entwicklung in China. Immer mehr Menschen verlassen die ländlichen Gegenden. Die Ballungsräume quellen über. Viele Menschen sind kulturell entwurzelt. Es gibt extrem erfolgreiche Geschäftemacher und ein Heer von Billigarbeitern. Die soziale Schere geht auseinander. Wie groß ist die Gefahr, dass es zu Unruhen kommt?
Hirn: Ich gehöre nicht zu den Katastrophentheoretikern, die vor allem in den USA sitzen. Die sähen es ganz gerne, wenn das chinesische Projekt explodierte. Doch die soziale Kluft wird tatsächlich größer. Sie geht einher mit einem regionalen Gefälle. Bisher gibt es nur vereinzelte Aufstände. Im Nordosten sind ab und zu Arbeiter unzufrieden, wenn sie keinen Lohn bekommen haben. Doch es fehlt bisher die Vernetzung der Unzufriedenen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Opposition, die einen Widerstand formieren könnte?
Hirn: Es gibt keine zentrale Opposition. Die Gewerkschaft ist staatlich und somit völlig linientreu. Eine starke Demokratiebewegung gibt es auch nicht, denn den Leuten geht es vor allem ums Geld. Solange der Staat es schafft, dass die Leute immer ein bisschen mehr bekommen, sind sie zufrieden.
SPIEGEL ONLINE: Nimmt die Kriminalitätsrate zu?
Hirn: Ausländer werden so gut wie gar nicht angegriffen, denn darauf stehen drakonische Strafen. Die Kriminalität unter den Chinesen steigt, hat jedoch bei weitem nicht das Ausmaß westlicher Nationen. Ein Grund könnte sein, dass es in China keine Slums gibt.
SPIEGEL ONLINE: Trotz Landflucht und Verstädterung?
Hirn: Das Heer der Bauarbeiter hat keine feste Bleibe. Sie wohnen größtenteils auf den Baustellen und ziehen dann zur nächsten.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, Chinas Kinder würden bereits sehr früh auf Erfolg getrimmt. Die Eltern investierten sehr viel Geld in die Erziehung ihrer Sprösslinge. Wie ist das möglich, wenn 700 bis 800 Millionen Chinesen für gerade Mal zwei Dollar am Tag arbeiten?
Hirn: Das sind die Eltern, die aus dem Mittelstand kommen. Der ist schätzungsweise 150 Millionen Menschen stark. Das sind doppelt so viele wie Frankreich Einwohner hat. Die Kinder dieser Eltern sind vollkommen verplant. Es wird interessant sein, zu sehen, was passieren wird, wenn alle diese verhätschelten Einzelkinder in Führungspositionen kommen. Es wächst ein Volk von Egoisten heran.
SPIEGEL ONLINE: Sie werfen dem Westen vor, die Dimension des Aufbruchs in China zu verkennen.
Hirn: Wir haben in China bisher nur als Wirtschaftswunderland betrachtet, das unsere Produkte abnimmt. Man hat nicht registriert, was es bedeutet, wenn die Unternehmen dort immer stärker werden. Das China-Geschäft wurde bisher als Einbahnstraße gesehen, nun bekommen wir Gegenverkehr. In Richtung China wandern heute vor allem Arbeitsplätze ab. Und wir Europäer müssen mit der Deindustrialisierung fertig werden. Aber auch Forschung und Entwicklung werden zunehmend in China stattfinden.
SPIEGEL ONLINE: Wenn durch Chinas Aufstieg unsere industrielle Basis bröckelt, weil immer mehr Industrien nach Fernost abwandern, wenn die Arbeitslosigkeit bei uns weiter steigen wird, was kann man tun, um diesen Trend zu stoppen?
Hirn: Die Deindustrialisierung ist durch keine der bei uns diskutierten Reformen aufzuhalten. Ich gehe davon aus, dass der Westen protektionistische Maßnahmen ergreifen wird. Diese Diskussion wird in den USA bereits heftig geführt.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine konstruktiveren Lösungen?
Hirn: Die einzige Möglichkeit besteht darin - und das klingt banal -, die besseren neuen Produkte zu entwickeln. Wir müssen unbedingt innovativer werden. Das heißt, wir müssen bei der Bildung brutal aufs Gas treten. Doch das sehe ich bisher nicht.
Das Interview führte Alexander Schwabe